In Wimbledon wird gerade ein Buch beworben, das die seltsamsten und erstaunlichsten Begebenheiten in der Turniergeschichte erzählt. Zum Beispiel von John Hartley, Tennisspieler und Reverend. Er verschwand sonntags, um in seiner 350 Kilometer entfernten Gemeinde die Messe zu lesen, setzte am Montag seine Matches fort – und gewann 1879 und 1890 den Einzeltitel.Oder vom Österreicher Hans Redl, der in der Schlacht von Stalingrad seinen linken Arm verloren hatte und deshalb den Ball beim Aufschlag zweimal mit dem Schläger berühren durfte: um ihn erst in die Höhe zu bekommen und dann übers Netz zu servieren. So erreichte Redl 1947 die vierte Runde. Oder von Max Woosnam, der für den FC Chelsea und Manchester City erfolgreich Fußball spielte und nebenbei 1921 im Herrendoppel gewann.Sollte es anlässlich des 150-jährigen Turnierbestehens im kommenden Jahr zu einer Neuauflage des Historienschinkens kommen, sollten unbedingt die neuesten Herzschmerzstorys der Williams-Schwestern erwähnt werden. Bei der einen ging es ums Comeback und ums Knie, bei der anderen um Kuppelei.Vier Jahre ohne MatchpraxisSerena (44) und Venus (46) haben ihre Einträge in die Wimbledon-Rekordbücher längst sicher: die Jüngere mit sieben Einzeltiteln, die Ältere mit fünf, im gemeinsamen Doppel mit sechs. So weit, so grandios. Die glorreiche Vergangenheit wird nun ein Stück weit überschattet von den skurrilen Vorkommnissen der vergangenen Tage. Es ging schief, was schiefgehen konnte bei Serena Williams’ Comeback nach rund vier Jahren Tennispause.Die letzten Bilder, die die Amerikanerin am Samstag von sich preisgab, zeigten nicht eine Siegerin auf dem Tennisplatz, sondern eine Athletin im Krankenhaus. Das linke Knie bandagiert. Spritzen liegen herum, mit einer gelblichen Flüssigkeit, die angeblich aus der Schwellung entnommen wurde, wie Serena Williams auf ihrem Instagram-Kanal schrieb. Ihre Bildergalerie fasst sie zusammen mit einem Wort: „Igitt!“Für Serena Williams ist in Wimbledon nicht viel mehr zu holen als ein Handtuch der erdbeerfarbenen Sonderedition.APEs sah so aus, als ob sich die mittelalte Amerikanerin etwas viel vorgenommen hatte in Wimbledon. Nach vier Jahren ohne Matchpraxis und nur zwei vorangegangenen Doppelauftritten wirkte es allzu ambitioniert, sich im Einzel auf dem Londoner Rasen der 24 Jahre jüngeren Australierin Maya Joint zu stellen. Schwerer als die Erstrundenniederlage wog, dass Serena als Legende in Wimbledon gefeiert und als Leidende verabschiedet wurde.Die 23-malige Grand-Slam-Turniersiegerin wusste aus dem verdrehten Knie und seinen Folgen ein Drama zu machen: Sie habe vor allem für ihre beiden Töchter und ihre Schwester spielen wollen. „Es bricht mir das Herz, mich aus dem Doppel zurückziehen zu müssen“, schrieb Williams. Viel Bohei, kein Happy End. Ob sie bei den US Open einen neuen Anlauf nimmt? Oder ob sie die Zeichen des Körpers deutet und sich anders entscheidet? Dazu sagte und schrieb Serena Williams nichts.Krawietz als Gewinner der PartnersucheUnd damit zur älteren Schwester. Venus Williams spielt (und verliert) weiterhin gelegentlich im Einzel, wie jüngst in Bad Homburg. Für Wimbledon hatte sie sich einen doppelten Doppelauftritt vorgenommen: an der Seite ihrer Schwester sowie mit einem Mann, den sie sich erst hatte besorgen lassen müssen. Weil es Tinder im Tennis noch nicht gibt, musste ihr Ehemann ran und auf Partnersuche gehen. Er fand Kevin Krawietz – als mindestens zweite Wahl.Normalerweise lebt der Coburger in zwei festen Partnerschaften. Daheim in Deutschland mit seiner Frau Judit, mit der er zwei kleine Kinder hat. Auf Reisen mit Tim Pütz, mit dem er schon sieben Doppeltitel gewann. Das Leben des Tennisprofis ließ eigentlich keine weitere Beziehung zu. Und doch zuckte der 34-Jährige nicht zurück, als Venus Williams um seine rechte Hand anhielt. Genau gesagt, machte nicht die Tennisspielerin den Antrag, sondern ihr acht Jahre jüngerer Gatte Andrea Preti. Krawietz gab beiden sein Jawort, damit war die Dreiecksbeziehung arrangiert.Die doppelten Wimbledon-AnnalenAlso begab es sich in Wimbledon, dass Krawietz, 34 Jahre alt und zweimaliger French-Open-Sieger im Doppel, an der Seite der Tennisweltberühmtheit erschien: Zwölf Lebensjahre und 21 Grand-Slam-Titel trennen die beiden. Als sich der fränkische Doppelspezialist und die nimmermüde Frau aus Florida am vergangenen Freitag erstmals begegneten, hatte Preti ein Auge drauf. „Er lief zu Hochform auf“, sagte Krawietz, der von Preti ständig Kurznachrichten erhielt, Einladungen zum Kaffeetrinken und zum Training.Was die ganze Angelegenheit noch pikanter machte: Eigentlich war Krawietz gar nicht der Traumtennispartner des Ehepaars Williams-Preti. Ursprünglich hatten die beiden ein Auge auf Tim Pütz geworfen, der wiederum seit vier Jahren mit Krawietz sportlich verbandelt ist. Der Hesse hatte als Erster das Angebot per Kurznachricht erhalten. „An dem Abend war ich stolz, am nächsten Tag war Kevin im Spiel“, sagte Pütz. Der Achtunddreißigjährige gab Williams einen Korb, weil er am Wochenende lieber in der Tennis-Bundesliga für TK Kurhaus Aachen hätte auflaufen wollen.Das Rendezvous enttäuschte die Erwartungen. Williams/Krawietz gewannen zwar nur vier Ballwechsel weniger, unterlagen der britisch-slowakischen Formation Lloyd Glasspool/Tereza Mihalikova (Slowakei) dennoch recht deutlich 4:6, 4:6. Dass sich Williams und Krawietz am Ende umarmten, nahm der Ehemann hin.Mit dem Frankfurter Tim Pütz an seiner Seite lief es für Kevin Krawietz besser. Am Sonntag zog das deutsche Herrendoppel nach einem 7:6, 7:6 gegen Francisco Cabral/ Lucas Miedler (Portugal/Österreich) ins Viertelfinale ein. Drei weitere Siege, und die beiden hätten ihre Einträge in die Wimbledon-Annalen für 2026 sicher. Krawietz sogar doppelt – unter den Schlagwörtern Coup und Kuriosität.