Einen seiner größten Triumphe erlebte Hossam Hassan am Freitag, was in Ägypten zu rekordverdächtigen Ehrungen führte. Keine „Millionen Glückwünsche“ wie noch nach dem ersten WM-Sieg gegen Neuseeland, sondern „Milliarden Glückwünsche“ vermittelten die ägyptischen Journalisten dem Nationaltrainer, der bei Pressekonferenzen immer erst einige ehrenvolle Sätze zu hören bekommt, bevor die Fragerunde startet. Hossam Hassan ist eine fußballerische Institution in einem Land, das mit Mohamed Salah eigentlich schon eine herausragende Figur auf dem Feld hat. Doch Salah blieb am Freitag nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Australien beim Fußball, während Hassan seine Bühne für weit mehr nutzte.„Glückwünsche an alle Ägypter, in meinem Land, im Ausland, im Exil und überall. Glückwünsche an die arabische Welt, Glückwünsche an Afrika, die Gemeinschaft, zu der wir gehören“, sagte Hassan: „Ich widme diesen Sieg unseren Brüdern aus Palästina. Möge Gott die Lebenden schützen und Gnade haben mit den Märtyrern.“US-Präsident:Warum Trump sich von der WM bisher fernhält„Wir sind die ganze Zeit zusammen“, sagt Gianni Infantino über seinen Kumpel, den US-Präsidenten. Aber wo? Donald Trump ist bei der WM jedenfalls nicht zu sehen – das hat seine Gründe.Es war ein wörtliches Statement, mit dem Hossam noch die Bilder untermalte, die zuvor von ihm auf dem Rasen des Stadions in Dallas entstanden waren. Eine palästinensische Flagge hatte der 59-Jährige dort in die Luft gehalten, während Zuschauer in ägyptischen Trikots „Free, Free Palestine“ skandierten, das Ganze war in einem Video in den sozialen Medien zu sehen. Auch in den Katakomben hatte Hossam mit einer Palästina-Flagge für Fotos posiert. Und damit eines der bislang wenigen politischen Themen auf die WM-Bühne gebracht.Politischen Äußerungen begegnete der Weltverband Fifa in der Vergangenheit stets kritischPalästina-Flaggen waren im Turnierverlauf um die Stadien, gerade bei Spielen mit arabischer Beteiligung, schon häufiger zu sehen gewesen – allerdings nicht in Händen von Funktionären oder Spielern. Für die ägyptischen Medien handelte es sich um eine „bemerkenswerte Geste“, wie der ehemalige Vorsitzende des landesweiten Journalistenverbands, Yahia Qalash, gegenüber der Nachrichtenagentur AP sagte: „Es war eine vielsagende Szene in einem außergewöhnlichen Moment.“ Vielsagend auch insofern, als Hassan bislang nie einer politischen Gruppe zugeordnet wurde: Weder über seine Religiosität noch über seine politische Ausrichtung gab der Nationaltrainer bislang Auskunft, der einst in den 1990er-Jahren zum Volksheld wurde, als Fußballer, der aus einfachen Verhältnissen stammte.Nicht nur in Israel allerdings widmeten sich Medien nun auch der Frage, ob der Auftritt möglicherweise Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Politischen Äußerungen begegnete der Weltverband Fifa in der Vergangenheit stets kritisch, unter anderem der Fall der One-Love-Binde in Katar 2022 sticht hervor. Frei von Sanktionen ist auch die WM 2026 nicht: Flaggen des vorrevolutionären iranischen Regimes etwa durften in den Stadien laut Medienberichten nicht mitgeführt werden. Zudem gab es beim Gruppenspiel zwischen Iran und Neuseeland in Los Angeles einen Fall, in dem einem Zuschauer von einem privaten Sicherheitsdienst eine Israel-Flagge abgenommen wurde.Die Fifa äußerte sich dazu bislang nicht, anders als zu Hassans Worten und Gesten nach dem Spiel. Die Flagge Palästinas sei jedenfalls als eine von „211 Fifa-Mitgliedsverbänden erlaubt, und Fans dürfen diese unter Einhaltung der Stadionvorschriften und des Fifa-Verhaltenskodex für Stadien zeigen“. Auf eine SZ-Anfrage zu möglichen Konsequenzen für Ägyptens Nationaltrainer Hassan antwortete die Fifa bis Sonntagmittag deutscher Zeit nicht.