Seit der friedlichen Revolution 1989 wird Leipzig oft als »Heldenstadt« gefeiert. Eine Bezeichnung, deren Pathos mir als langjährigem Einwohner immer ein wenig suspekt blieb, in Sachsens größter Stadt aber gut ankommt. Seit dieser Woche üben sich die Leipzigerinnen und Leipziger nun wieder als Heldinnen und Helden. Denn in der Stadt fährt seit Tagen kaum noch eine Tram.Die enorme Hitze über mehrere Tage hat die Fugenmasse der Gleise aufkochen und weich werden lassen. Ein schwarzes Bitumengemisch blockiert seitdem wie alter Kaugummi Straßenbahnräder und Fahrwege. Eine deutsche Großstadt am Rand des Klimakollapses. Die Einheimischen müssen seitdem tapfer sein. Wer kein Fahrrad hat, kommt nur noch mit Bus, Auto oder zu Fuß durch die Stadt.

Lahmgelegtes Tramnetz in Leipzig: Großstadt am Rande des Klimakollaps

Doch gleichzeitig passiert Beeindruckendes: Die Menschen ziehen jetzt nicht wie 1989 protestierend um den Innenstadtring. Sie kommen vielmehr in Warnwesten, bücken sich und kratzen mit Gartenharken und Schaufeln geduldig die Gleise frei.Die Hilfsbereitschaft ist berührend – und macht doch sauer: Wie kann es sein, dass das überhaupt notwendig ist? Den Preis für das Chaos zahlen schließlich diejenigen ohne Auto. Diejenigen, die weniger mobil sind, dem heißen Wetter ohnehin mehr ausgeliefert.