PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre Axel Springer VerlagCrossmedial und international von Anfang anStand: 12:39 UhrLesedauer: 7 MinutenAxel Springer am Schreibtisch, um 1950Quelle: picture alliance/akg-imagesMitte 1946 gründete Axel Springer seinen eigenen Verlag – zunächst noch unter dem Dach des Familienbetriebs Hammerich & Lesser. Erfolgreich wurde das Unternehmen durch seine Offenheit für Innovationen.Innovationen sind zeitabhängig: Was vorgestern noch fortschrittlich schien, kann heute schon von gestern sein. Damit nicht genug: Das Leben bestraft oft nicht nur jene, die zu spät kommen, sondern mitunter auch denjenigen, dessen Einfall die Umstände oder das Publikum noch überfordert. Um in einer fortschrittsorientierten Gesellschaft und Ökonomie Erfolg zu haben, braucht es zum jeweils passenden Moment die richtigen Einfälle sowie die Kraft, sie umzusetzen. Instinktiv wusste das auch Axel Springer. Einfälle hatte der 33-Jährige im Herbst 1945 zur Genüge: Er wollte Bücher publizieren, eine neue Zeitung auf den Markt bringen, sich im Filmgeschäft engagieren. Doch was passte zu den Umständen in Hamburg, der schwer kriegszerstörten Hansestadt, die zugleich Sitz der Militärregierung für die britische Besatzungszone Deutschlands war? Das erste neue Produkt, formal noch im familieneigenen Verlag Hammerich & Lesser, erschien im April 1946: die „Nordwestdeutschen Hefte“. Für das Publikum machte der Titel klar, dass es sich um eine Kooperation mit dem Nordwestdeutschen Rundfunk handelte. Britische Presseoffiziere leiteten diesen Sender für die Hörer in ihrer Zone; das Programm gestalteten größtenteils deutsche Exilanten wie der nach England geflüchtete Peter von Zahn oder Journalisten wie Axel Eggebrecht, die in der NS-Zeit mit Berufsverbot belegt gewesen waren. Wortbeiträge dominierten das Programm, denn Radio war im Nachkriegsdeutschland das einzige elektronische Massenmedium.Doch zugleich flüchtig. Einmal gesendete Beiträge wurden nicht aufbewahrt, sondern die Tonbänder bald überspielt – das teure Material war zu knapp, um archiviert zu werden. Also entstanden, als erstes Verlagsprodukt Axel Springers, die „Nordwestdeutschen Hefte“, in denen die Vortragsmanuskripte des NWDR-Programms abgedruckt waren; Vorbild war die Zeitschrift „The Listener“ der BBC. Als Herausgeber der „Hefte“ fungierten Eggebrecht und von Zahn. Ende 1946 erreichte die Zeitschrift die exorbitante Auflage von 100.000 Stück. Schon das allererste selbstverlegte Blatt von Axel Springer war crossmedial, denn es verbreitete gesprochene Inhalte schriftlich weiter, wie international – letzteres allerdings als Folge des verlorenen Weltkrieges. Axel Springer verfolgte diesen Ansatz jedoch aus Überzeugung, denn er hatte das Hitler-Regime stets verabscheut.Lesen Sie auchFormal am 1. Juli 1946 war der Axel Springer Verlag an die Seite von Hammerich & Lesser getreten; trotzdem erschien ab Dezember desselben Jahres die nächste crossmediale und internationale Innovation noch im Familienbetrieb: „Hör zu!“, die erste deutsche Radioprogrammzeitschrift nach dem Krieg. Springer vereinbarte mit dem NWDR einen exklusiven Zugriff auf künftige Programme. Der Erfolg gab ihm recht: Die „Hör zu!“ entwickelte sich zum Bestseller, die Auflage begrenzte allein der Mangel an Papier. Lesen Sie auchDie erste Tageszeitung von Axel Springer, das „Hamburger Abendblatt“, startete 1948 – und etablierte zahlreiche Neuigkeiten für ein Regionalblatt, etwa bei der Leseransprache und der Verteilung der Nachrichten. Die nächste Schöpfung ließ nicht lange auf sich warten: Am 24. Juni 1952 erschien die erste Ausgabe von „Bild“. Der Name war Programm: Axel Springer, inzwischen 40 Jahre alt und der dynamischste Verleger der jungen Bundesrepublik, hatte das Blatt als gedruckte Antwort auf das Fernsehen erfunden. Nicht wirklich crossmedial, sondern im Gegenteil eine Antwort auf das bis auf Weiteres für private Unternehmen unerreichbare Medium der Zukunft. Dafür fraglos international. Denn das Konzept der „Bild“ entstand im Londoner Savoy-Hotel. Hier zerschnitt Axel Springer eine Ausgabe des britischen Boulevardblattes „Daily Mirror“, schob die einzelnen Artikel auf dem Fußboden hin und her, bis ihm das Ergebnis gefiel.Seinen guten Kontakt zu Kollegen in Großbritannien, zu (inzwischen ehemaligen) britischen Presseoffizieren und zum ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer verdankte Axel Springer es, dass er 1953 den WELT-Verlag mit der Tageszeitung DIE WELT und dem Wochenblatt WELT AM SONNTAG übernehmen konnte. Er holte Hans Zehrer zurück, den bereits vor dem ersten Erscheinen abgesetzten Chefredakteur der Konzeptionsphase, und nahm sich vor, mit ihm zusammen eine deutsche „Times“ zu schaffen. Das klappte allerdings nicht ganz, denn die überregionale Konkurrenz aus Frankfurt/Main und München behauptete ihre Position. Obwohl sich Springers Innovation „Bild“ zum sensationellen Erfolg entwickelte, behielt er das bewegte Bild stets im Auge. Ende Juni 1960 gründete Springer zusammen mit den sechs anderen West-Berliner Verlegern die „Fernsehgesellschaft der Berliner Tageszeitungen mbH“. Obwohl normalerweise Konkurrenten auf demselben Markt, waren sich die politisch von sozialdemokratisch bis konservativ reichenden Konsorten einig, die Sondersituation der geteilten Stadt nutzen zu wollen, um das staatliche Monopol auf TV zu brechen. Im Gegensatz zu dem von den Ministerpräsidenten der Bundesländer scharf abgelehnten „Kanzler-Fernsehen“ Konrad Adenauers genoss die Initiative der Verleger die Unterstützung der regionalen Politik, konkret des Senats um den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt.Doch das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1961 das staatliche Monopol auf Fernseh- und Hörfunkprogramme – die Innovation Privat-TV wurde ausgebremst. Axel Springer bedauerte das. Mitte Dezember 1966 brachte er es auf die Formel: „Wenn Sie ein Exemplar der WELT vom heutigen Tage in die Hand nehmen, werden Sie feststellen, dass die wichtigsten Nachrichten bereits gestern Abend um 20 Uhr von der ,Tagesschau‘ verbreitet wurden, und wenn Sie sich die Mühe gemacht haben, das Gerät noch einmal einzustellen, werden Sie über Hintergrund und Bedeutung im Bilde sein.“ In diesem ungleichen Wettbewerb, erschwert durch die Finanzierung des staatlichen Fernsehens aus Pflichtgebühren, dürfe die private Presse nicht gezwungen werden, „immer mit dem Propellerflugzeug hinter der Düsenmaschine Fernsehen herzufliegen“. Springer forderte stellvertretend für die deutschen Verleger, „die Möglichkeiten der elektronischen Nachrichtenübermittlung“ nutzen zu dürfen.Erst Anfang 1984 startete mit dem Vorläufer von SAT 1 und dem luxemburgischen Sender RTL das private Fernsehen in Deutschland; Axel Springer beteiligte sich an der Aktuell Pressefernsehen GmbH, die Nachrichtensendungen für SAT 1 produzierte. Der formal öffentlich-rechtliche, faktisch staatliche Rundfunk in der Bundesrepublik reagierte mit einer enormen Ausweitung des eigenen Programmangebots. Trotzdem etablierten sich werbefinanzierte Sender.Bis zur Zulassung des Privatfernsehens suchte Axel Springer nach Möglichkeiten, die TV-Geräte des Publikums auf andere Art zu bespielen. Bereits 1969 hatte er öffentlich über „gefunkte Zeitungen“ sinniert. An die Stelle von Presse, Hörfunk und Fernsehen werde eine „Kommunikationslandschaft“ treten, in der „alle Informationsmedien mit ihren verschiedenen Techniken fest miteinander verwoben“ seien. Natürlich stieg der Springer-Verlag ein, als 1977 auf TV-Geräten ein eigenes Textangebot startete. Von Anfang an bot das Unternehmen hier acht seiner wichtigsten Titel, darunter WELT und „Bild“, als „elektronische Zeitungen“ an.Doch der Videotext blieb, ebenso wie sein Nachfolger Btx, ein Nischenprodukt in Deutschland. Übrigens anders als in Frankreich, wo ein „Minitel“ genanntes System zum großen Erfolg wurde. Mit diesem Onlinedienst konnte man seinen persönlichen Kontostand abfragen, Rechnungen überweisen, Hotelzimmer oder Tickets buchen, ab Mitte der 1980er-Jahre sogar Aktien kaufen. In der Bundesrepublik jedoch war die Zeit für diese Innovation noch nicht reif. Lesen Sie auchEbenfalls zu früh kam die Bildplatte, ein analoges Speichermedium für farbiges Bewegtbild. Die Markteinführung 1975, von Axel Springer mit Inhalten unterstützt, erwies sich als Flop: Die Technik war nicht ausgereift, das analoge Format VHS und später die digitale DVD setzten sich durch. Axel Springer selbst erlebte das nicht mehr; er starb 1985 wenige Monate vor dem 40. Jahrestag der „Nordwestdeutschen Hefte“. Sein Unternehmen blieb den Prinzipien internationale und crossmediale Innovationen verpflichtet. Ab 1986 erschienen fremdsprachige Ausgaben erfolgreicher Titel, in Italien und 1988/89 in Ungarn, dann nach dem Ende des Ostblocks auch in Polen und Russland. Ab 1993 etablierte sich mit dem World Wide Web die Basis für „gefunkte Zeitungen“ und vieles mehr, die rund um die Welt steile Zuwachsraten verzeichnete und auch in Frankreich schnell das System Minitel verdrängte. Mit WELT Online war der Axel Springer Verlag ab 1995 fast von Beginn an führend dabei. Dagegen scheiterte 2005 an Bedenken des Kartellamtes die Übernahme von SAT 1.Die Energie der Verlagsmitarbeiter brachte neue Projekte hervor, darunter 2009 mehrere Entwürfe („Dummies“) für eine wöchentliche englische WELT; daraus wurde nichts. Dafür gelang 2013 die Übernahme des Nachrichtensenders N24, der bald zu WELT TV wurde.Mit der Übernahme der US-Gründungen „Business Insider“ 2015 und „Politico“ 2021 stärkte der Verlag sein internationales Profil wie die Innovationskraft, weil beide Digitalpublikationen neue Vertriebswege gehen. Jüngste Neuerungen sind das Global Reporters Network, dessen Beiträge weltweit ein Publikum in dreistelliger Millionenhöhe erreichen, und der Erwerb der Londoner „Telegraph“-Gruppe 2026, der am 30. Juni 2026 offiziell wurde. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus.
80 Jahre Axel Springer Verlag: Crossmedial und international von Anfang an - WELT
Mitte 1946 gründete Axel Springer seinen eigenen Verlag – zunächst noch unter dem Dach des Familienbetriebs Hammerich & Lesser. Erfolgreich wurde das Unternehmen durch seine Offenheit für Innovationen.






