Bei Ocado einzukaufen, gilt für viele Briten aus der Mittelschicht als Statussymbol. Viele Jahre lang war der Online-Supermarkt auf der Erfolgs- und Überholspur. Nicht nur die Auswahl an hochwertigen Lebensmitteln, auch die schnelle Lieferung nach Hause zur gewünschten Uhrzeit machte Ocado attraktiv. Die Umsätze und der Aktienkurs schossen hoch. Während des Corona-Lockdowns 2020/2021, als der Onlinehandel boomte, erreichte der Aktienkurs einen absoluten Höhepunkt. Das Unternehmen wurde kurzzeitig mit 22 Milliarden Pfund (fast 26 Milliarden Euro) bewertet, zehnmal mehr als beim Börsengang 2010. Zum Vergleich: Die viel größere Supermarktkette Sainsbury wird mit sieben Milliarden Pfund bewertet.Gefeiert wurde Ocado vor allem für seinen Technologie-Ansatz: Das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen ist einer der Digitalpioniere unter den Supermärkten und brachte 2009 die erste Bestell-App auf den Markt. Noch wichtiger: Ocado hat hochgradig automatisierte Lagerhallen mit modernster Technik entwickelt, die sogenannten Customer Fulfillment Centres (CFCs). Hunderte von KI-gesteuerten Robotern bearbeiten dort Kundenbestellungen. Auch die ganze Logistik und Bestellsysteme werden stark durch KI-Systeme gesteuert.Ocado-Mitgründer und Vorstandschef Tim Steiner beschreibt das Unternehmen in erster Linie als „Tech-Plattform“, die den Lebensmitteleinzelhandel revolutioniert. Einige sprachen gar vom „Tesla der Lebensmittelgeschäfte“. Zu den frühen Investoren und Unterstützern beim Börsengang 2010 zählten der Tetrapak-Milliardär Jörn Rausing und der Investmentfonds des vormaligen US-Vizepräsidenten Al Gore.Einige Deals sind zuletzt geplatztDas Start-up wuchs zu einem Technologiekonzern. Steiner investierte Hunderte Millionen Pfund in die Entwicklung der Software. Ocados IT und Lagerhaustechnik wurden weltweit beachtet. Seit 2017 hat das Unternehmen Partnerschaften mit Supermarktketten in Spanien, Frankreich, Schweden, USA, Kanada, Japan, Australien und Südkorea geschlossen. Diese bauen die CFC-Lager- und Logistikzentren nach und nutzen die Software. Dafür kassiert Ocado Lizenzgebühren.Die Rekordbewertung in der Corona-Zeit stellte sich allerdings als große Blase heraus. Von der absoluten Spitze im Januar 2021 fiel der Kurs um gut 90 Prozent. Allein in diesem Jahr ist der Aktienkurs noch mal um mehr als 20 Prozent gefallen. Ocado wird aktuell noch mit 1,5 Milliarden Pfund (knapp 1,8 Milliarden Euro) bewertet. Der Kurs liegt nun unter dem Wert beim Börsengang 2010. Dieser Sinkflug hat zu Spannungen unter den Investoren geführt.In den vergangenen Wochen gab es Berichte, dass der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Adam Warby, den Vorstandschef Tim Steiner abzusetzen versucht hat. Auch Großaktionär Rausing, der Mitglied im Verwaltungsrat ist, unterstützt einen beschleunigten Abgang von Steiner. Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker, der die Ocado Group seit Beginn führt, wehrt sich dagegen. Steiner hat andere größere Aktionäre auf seine Seite gezogen, die ihn halten wollen. Einige gingen zum Gegenangriff über und fordern Warby zum Rücktritt auf.Die Zweifel an den Zukunftsaussichten des Unternehmens sind zuletzt vor allem deshalb stark gewachsen, weil mehrere internationale Partnerschaften, die Ocados Wert unterstrichen, sich enttäuschend entwickelt haben. Der US-Supermarktriese Kroger hat drei seiner von Ocado lizenzierten robotergestützten Lagerhäuser geschlossen, die kanadische Sobeys-Kette eines. Als Grund wurde ein langsameres Wachstum des Onlinehandels genannt. Diese geplatzten Deals mit Kroger und Sobeys haben der Ocado-Aktie einen heftigen Schlag versetzt.Umsatz von 1,4 Milliarden PfundAndererseits hat Ocado jüngst einen Deal mit dem britischen Wettbewerber Asda angekündigt. Der Tech-Pionier wird der eher traditionellen Supermarktkette helfen, ihre Website, die mobile App und die Auftragsabwicklung von Asda zu verbessern.Für das vergangene Geschäftsjahr 2025 meldete die Ocado-Gruppe, die weltweit mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt, einen Umsatz von 1,4 Milliarden Pfund und einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 178 Millionen Pfund. Aufgrund hoher Abschreibungen blieb aber unter dem Strich ein hoher Verlust von mehr als 350 Millionen Pfund. Mehr als die Hälfte der Erträge fließt aus der Technologie-Sparte, dem Lizenzgeschäft für Software und Lagerhaustechnik. Der kleinere Teil stammt aus dem gemeinsam mit Marks & Spencer betriebenen Online-Supermarkt. Gelingt es Ocado nicht, die hohen Erwartungen in das Wachstum der Tech-Erlöse zu erfüllen, könnten schwere Zeiten anbrechen.