Stell dir vor, du gehst in der Fußgängerzone einkaufen, und plötzlich steht ein Wapiti-Hirsch vor dir – was tun? Es ist eine Situation, auf die man in Schule und Familie nicht vorbereitet wurde. Womöglich hat man stattdessen in seiner Kindheit den aus zoologischer Sicht semirealistischen Walt-Disney-Film „Bambi“ gesehen und denkt: „Streicheln!“ Keine gute Idee, würden die Biologinnen Holly Landles und Shashank Balakrishna von der britischen University of York kommentieren.Im Fachmagazin Frontiers in Conservation Science haben die beiden Forscherinnen jetzt eine Analyse riskanter Mensch-Wildtier-Begegnungen vorlegt. Ganz oben auf der Liste steht: der Wapiti. Er wird nur im amerikanischen Englisch „elk“ genannt, aber ist fast so prächtig wie das in Europa Elch genannte Tier: Seine Schulterhöhe beträgt bis zu 1,50 Meter, er wiegt bis zu 450 Kilogramm, sein Geweih ist bis zu 1,50 Meter breit. Zoologen rechnen ihn zum Taxon der Stirnwaffenträger.Landles und Balakrishna nutzten eine Datenbank von knapp 3500 Vorfällen aus den Jahren 2010 bis 2023, die in den Nationalparks Kanadas erfasst wurden, sich aber auf andere Länder übertragen lassen. An der Spitze standen die Wapitis mit rund 62 Prozent der aggressiven Begegnungen, gefolgt von Grizzlybären mit 14 und Schwarzbären mit 13 Prozent. Maultierhirsche kamen auf sieben und Kojoten auf drei Prozent. Dabei betont die Studie, dass das Risiko der Tier-Mensch-Begegnung von der jeweiligen Kombi von Tierart und Begegnungsort abhängt: „Jede Art hat eine andere ökologische Rolle und nimmt menschliche Bedrohung daher unterschiedlich wahr“, sagt Balakrishna in einer Pressemitteilung zur Studie in Frontiers.Über Menschen am Stadtrand wundern sich moderne Bären nicht mehrSo reagierten etwa Grizzly- und Schwarzbären laut Statistik besonders übellaunig, wenn sie auf Wanderer oder Wildtierbeobachter in abgelegenen Waldgebieten stießen – womöglich weil sie dort besonders überrascht waren. Über Menschen am Stadtrand wundern sich moderne Bären nicht mehr.Eher unentschieden im Kontakt zu Menschen sind hingegen die Wapitis. „Sie meiden Menschen manchmal, nutzen deren Anwesenheit zu anderen Zeiten aber als Schutz vor Raubtieren“, erläutert Balakrishna. Diese Unberechenbarkeit könne erklären, warum sie bei der Zahl der Konflikte an erster Stelle stehen. Offensichtlich laufen in den Köpfen der Tiere manchmal Überlegungen ab, von denen die Menschen nichts ahnen. So seien Maultierhirsche – neben den Kojoten – am häufigsten in aggressive Begegnungen in Siedlungsbereichen verwickelt, insbesondere dann, wenn Hunde präsent sind, vermutlich weil diese ihren natürlichen Fressfeinden – etwa den Wölfen – ähneln, so Balakrishna.Womöglich sollten die Menschen von der Skepsis der Hirsche gegenüber den Hunden lernen. Denn diese sind – nach den Schlangen und Stechmücken – laut WHO für die meisten von Tieren verursachten Todesfälle verantwortlich: Weltweit sterben jährlich 59 000 Menschen an Tollwut, die in 99 Prozent der Fälle durch ungeimpfte Hunde verbreitet wird. Selbst in den USA starben laut den Centers for Disease Control (CDC) zwischen 2011 und 2021 exakt 468 Menschen an Hundebissen, nur 19 Menschen wurden Opfer von Bären, acht erlagen Haien. Und so aggressiv die Wapitis sein mögen, in den Archiven findet sich nur ein einziger Bericht über einen tödlichen Angriff, dem am 26. Oktober 2023 in Arizona eine Frau erlag. Sie hatte versucht, das Tier zu füttern.
Wilde Tiere: Was sollte man tun, wenn man auf einen Grizzly oder Waipti trifft?
Eine Studie analysiert Begegnungen zwischen Menschen und wilden Tieren. Bären reagieren besonders in abgelegenen Gebieten gereizt.







