«Und wenn es tatsächlich passiert?» Mexiko feiert eine riesige WM-PartyVor dem Turnier gab es Bedenken, ob die WM-Spiele in Mexiko angesichts der Gewalt von Drogenkartellen überhaupt stattfinden können. Jetzt feiern Hunderttausende in den Stadien und auf den Strassen – und die Mordraten sinken.Sven Haist, Mexiko-Stadt05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAusgelassene Feier in den Strassen von Guadalajara: Menschen feiern den Sieg Mexikos gegen Ecuador.Francisco Guasco / EPAWer dieser Tage in Mexiko landet und sein Mobiltelefon mit dem Netz verbindet, könnte zunächst meinen, falsch verbunden zu sein. Statt dem vertrauten Dienstleisterkürzel AT&T erscheint am oberen Displayrand eine leicht veränderte Variante: «AT&T ¿Y si sí?» – sinngemäss: «Und wenn es tatsächlich passiert?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die eingängige Redewendung steht für den zunächst vorsichtig formulierten, inzwischen jedoch immer selbstbewusster vorgetragenen Traum der Mexikaner, erstmals in der Historie Fussballweltmeister zu werden. Seit Beginn dieser WM in den USA, Kanada und Mexiko hat sich die Parole von der Sierra Madre Or­iental bis zur Halbinsel Yucatán verbreitet. Hinter ihr steht ein Land, das allzu regelmässig von massiver Gewalt und Kriminalität erschüttert wird.Die Wirkung dieses «Y si sí?», das Hoffnung und Zuversicht transportiert, erfasst selbst ausländische Fussballfans. Es ist eine stille Anerkennung für das, was dieses Land, in dem nach den Jahren 1970 und 1986 zum dritten Mal eine WM stattfindet, den Besuchern entgegenbringt: ein schwer greifbares, dafür aber umso intensiver erlebbares WM-Gefühl, das nördlich des Rio Grande, von Los Angeles bis New York, bislang gefehlt hat.Mexiko hat dieses sich über mehrere Zeitzonen und Tausende Kilometer erstreckende sowie fünfeinhalb Wochen dauernde T­u­rnier im eigenen Land in eine einzige Fussballfiesta verwandelt. Die Menschen feiern sich selbst, ihre Nationalmannschaft und vor allem ihre Gäste – in den Stadien ebenso wie auf öffentlichen Plätzen.In Mexiko wird der Fussball mit all seinen Facetten gelebtAusländische Anhänger werden dabei beinahe liebevoll vereinnahmt, als wären sie selbst prominente Fussballer. An den drei Spielorten Mexiko-Stadt, Monterrey und Guadalajara werden sie von den Mexikanern um gemeinsame Fotos gebeten – aus Respekt, als Erinnerung und auch deshalb, weil Besucher aus fernen Kontinenten abseits einer WM nur selten in Städte wie Monterrey oder Guadalajara reisen.Während viele Amerikaner und Kanadier an diesem Turnier erstmals mit Fussball in Berührung kommen, wird er in Mexiko gelebt: mit allen Höhen und Tiefen. Wie durchdringend diese Leidenschaft ist, zeigte sich erneut am vergangenen Dienstag, als «El Tri», wie die Nationalmannschaft nach den drei Landesfarben Grün, Weiss, Rot bezeichnet wird, mit einem 2:0 gegen Ecuador zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder einen WM-Achtelfinal erreichte. In Mexiko-Stadt feierten rund anderthalb Millionen Menschen auf den Strassen; in Monterrey musste die Fan-Zone wegen Überfüllung vor Anpfiff geschlossen werden.Dennoch kletterten Fans über Zäune und verschoben Absperrungen, um aus der letzten Reihe noch einen kaum nennenswerten Blick auf die Grossleinwände zu erhaschen. Sie wollten schlicht Teil dieses Moments sein. Das erklärt teilweise auch die traurige Nachricht, dass bei den Menschenansammlungen in Mex­ik­o-Stadt vier Todesopfer zu beklagen waren, obwohl es zu keinen Ausschreitungen kam.Drei Menschen starben an Erstickung, eine weitere Person erlitt einen epileptischen Anfall. Vor diesem Hintergrund rief die mexikanische Staatsprä­sidentin Claudia Sheinbaum ihre Landsleute vor dem Achtelfinal an diesem Sonntag eindringlich zu Mässigung auf.Im berüchtigten Aztekenstadion der Hauptstadt Mexiko-Stadt kommt es in der Nacht auf Montag (MESZ) zum Klassiker gegen England – ein Fussballepos, ungeachtet des Ausgangs der Partie. Für England ist es die erste Rückkehr ins «Azteca» seit der historischen Viertelfinalniederlage an der WM 1986 gegen den späteren Weltmeister Argentinien. Damals erzielte Diego Maradona seinen unsterblichen Doppelpack: die «Hand Gottes» und das «Dribbling Gottes».Er hat das passende Kostüm gefunden: Mexiko-Fan im Aztekenstadion.Jorge Reyes / ImagoDer Mythos «Azteca» speist sich aus seinem Fassungsvermögen von 80 824 Zuschauern (früher waren es mehr als 100 000) und seiner furchteinflössenden Höhenlage auf 2240 Metern. Damit ist die Spielstätte den Fussballgöttern näher als jede andere der WM-Geschichte. Das Aufeinandertreffen bildet den emotionalen Schlusspunkt der dreizehn WM-Partien in Mexiko; ab dem Viertelfinal wird ausschliesslich in den USA gespielt.Ein Erfolg mit hohem SymbolwertFür Mexiko ist dieses Turnier, losgelöst vom sportlichen Abschneiden, ein Erfolg von hohem Symbolwert. Bis zuletzt war unklar, ob WM-Spiele im Land aus Sicherheitsgründen überhaupt stattfinden könnten. Nachde­m der mächtige Kartellchef Nemesio Oseguera Cervantes («El Mencho») bei einem Militärschlag gegen die organisierte Kriminalität im vergangenen Februar getötet worden war, überzogen seine Banden das Land mit einer Welle brutaler Racheaktionen.Besonders betroffen war Guadalajara, Hochburg des Jalisco-Syndikats, das er einst anführte. Hinzu kamen wenige Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt zahlreiche Demonstrationen in Stadionnähe; internationale Aufmerksamkeit erhielten die Proteste der Lehrkräfte, die ankündigten: «Ohne Lösung rollt der Ball nicht.» Eine solche Unsicherheit hätte Fans durchaus von Reisen nach Mexiko abhalten können.Um diesen Eindruck zu entkräften, betonte Staatspräsidentin Sheinbaum wiederholt, die jüngsten Gewalttaten hätten keinerlei Auswirkungen auf die Weltmeisterschaft; die «vollständige Sicherheit» der Besucher sei jederzeit gewährleistet. Dazu entwickelte die Regierung das Sicherheitskonzept «Kukulkan»; der Name geht auf eine gefiederte Schlangengottheit der Maya zurück und steht als Symbol für Schutz.Kern der Strategie ist der Einsatz von ungefähr 100 000 Sicherheitskräften, verteilt auf die drei Austragungsorte. Präsenz zeigen sie an Flughäfen, Verkehrsknotenpunkten, Fan-Festen, touristischen Sehenswürdigkeiten, in Fussgängerzonen sowie rund um die Stadien. Diese Bereiche gleichen einer Sicherheitszone, so dass Kurzbesuchern kaum auffällt, wie stark Städte wie Monterrey oder Guadalajara sonst von Kartellen geprägt sind.Alle wollen dabei sein – selbst wenn sie vom Spiel kaum etwas sehen.Sashenka Gutierrez / EPADie Sondermassnahmen während des Turniers greifen: An den Spielorten sollen die Mordraten mitunter rekordverdächtig zurückgegangen sein. Zwischenfälle, die die Sicherheit ausländischer Fans betreffen, sind kaum zu vernehmen. Diese wiederum äussern sich überwiegend euphorisiert über die mexikanische Lebensfreude und die Gastfreundschaft. Nicht wenige wünschten deswegen, dass mehr WM-Spiele in Mexiko angesetzt worden wären.Auf diese Resonanz hatte Sheinbaums Regierung gehofft, auch um das eigene Image als sicheres Ferienland weiter zu festigen. Mit knapp fünfzig Millionen Touristen jährlich zählt Mexiko bereits zu den meistbesuchten Ländern. Prognosen bei dieser WM gehen von mehr als fünf Millionen Fussballfans aus.Die Erfolgsmeldungen weiss Sheinbaum zu platzieren. Kürzlich sagte sie, Mexiko sende «Freude, Glück und Begeisterung» um den Globus. Ihr kommt zugute, dass sich US-Präsident Donald Trump bis jetzt von der WM fernhält und die öffentlichen Auftritte des kanadischen Premierministers Mark Carney eher angestrengt wirken.Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ausserhalb der Stadtzentren sowie in der mexikanischen Bevölkerung abseits der Ballungsräume wenig bis nichts verändert haben dürfte. Immer wieder berichten Medien aus ländlichen Regionen von Bewohnern, die kritisieren, ihnen sei es angesichts der allgegenwärtigen Gefahren nicht möglich, die WM-Spiele im selben Mass öffentlich zu feiern wie andernorts. Die Angst, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit Opfer von Gewalt zu werden, sei zu gross.In diesem Zusammenhang lässt sich die ausgelassene Stimmung in den Städten durchaus auch auf die dort vorhandenen Schutzstrukturen zurückführen. Wünschenswert wäre jedenfalls, dass die während des Turniers für ausländische Gäste geltenden Standards der eigenen Bevölkerung ebenfalls langfristig zugutekommen.Bevor der Alltag in Mexiko wieder einzieht, gibt es ein letztes Mal auf heimischem Boden grossen Fussball. Die Mexikaner bemühen den Nimbus des Aztekenstadions, in dem sie in sämtlichen bisherigen elf WM-Partien nie verloren haben. Wenn es am Ende tatsächlich mit dem Titel klappen sollte, könnte «¿Y si sí?» womöglich noch eine Weile sichtbar bleiben – auf den Mobiltelefonen der Mexikaner.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel