Trump will das nukleare Arsenal in Europa ausbauen – aber wo sind überhaupt die bestehenden Atomwaffen stationiert?Die USA und Russland sind weiterhin die mit Abstand grössten Atommächte. Doch gefährlich wird es an anderer Stelle.05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDas Imperial War Museum in London zeigte im Jahr 2020 eine Sonderausstellung zur Geschichte der Bombe.Leon Neal / GettyGleich mehrere militärstrategische Ankündigungen von Donald Trump und seiner Regierung haben Europa jüngst in Aufregung versetzt: der Abzug von 5000 Soldaten aus Deutschland, der Verzicht auf die Stationierung von Mittelstreckenraketen, die Reduktion der militärischen Fähigkeiten, die kurzfristig dem Nato-Oberbefehlshaber unterstellt werden können, und zuletzt die Überprüfung der gesamten US-Truppenpräsenz in Europa. Wie gut der Kontinent geschützt und wie glaubhaft die Abschreckungswirkung gegenüber potenziellen Gegnern noch ist, das fragen sich derzeit zahlreiche Hauptstädte in Europa.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Immerhin haben die USA bis anhin keine Signale ausgesendet, dass sie auch den nuklearen Schutzschirm über Europa kompromittieren könnten – im Gegenteil. Wie die «Financial Times» unter Berufung auf involvierte Personen berichtete, will Washington die nuklearen Kapazitäten gar auf zusätzliche europäische Länder ausdehnen. Konkret sollen die Standorte von sogenannten «dual-capable aircraft» (DCA) – also Kampfflugzeugen, die für konventionelle Luftangriffe wie auch als Träger für Nuklearwaffen eingesetzt werden können – ausgebaut werden.Ein solcher Schritt würde in das Bild passen, das der Nato-Generalsekretär Mark Rutte bei jeder Gelegenheit skizziert: Auf die Amerikaner sei weiterhin Verlass, die Europäer müssten einfach mehr Verantwortung bei der konventionellen Verteidigung übernehmen. Dieses «burden shifting», wie die Lastenverschiebung im Nato-Slang genannt wird, ist in vollem Gang.Die Polen und die baltischen Staaten haben schon in der Vergangenheit Interesse signalisiert, amerikanische DCA zu beherbergen – schliesslich sind sie am unmittelbarsten vom russischen Expansionismus bedroht. Aber wo sind Atomwaffen denn momentan in Europa stationiert?Taktische contra strategische AtomwaffenPräzise Zahlen dazu sind aus militärtaktischen Gründen nur selten öffentlich zugänglich, jüngst hat die Diskretion noch zugenommen. «Während Atomprogramme von jeher von Geheimhaltung geprägt waren, haben sich die Atommächte in den letzten Jahren zunehmend in Richtung strategischer Unklarheit und Intransparenz bewegt», schreibt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in seinem soeben veröffentlichten Jahrbuch.Anhand von Militärberichten, Parlamentserklärungen, Satellitenbildern und Einschätzungen von Fachorganisationen lassen sich die Informationen dennoch einigermassen eingrenzen.Vier Nationen verfügen in Europa über Kernwaffen: die USA, Frankreich, Grossbritannien und Russland. Zu unterscheiden sind dabei strategische Atomwaffen von taktischen. Erstere bilden das eigentliche Kernstück der nuklearen Abschreckung und sind für Einsätze in grosser Reichweite vorgesehen. Als Trägersysteme von strategischen Atomwaffen dienen Interkontinentalraketen, U-Boote und Langstreckenbomber.Taktische Atomwaffen werden hingegen auf einem begrenzten Gefechtsfeld eingesetzt und klassischerweise von Kampfjets getragen. Ihre Sprengkraft ist in der Regel geringer als diejenige von strategischen Atomwaffen, sie beträgt aber immer noch ein Vielfaches der Bomben, die 1945 auf Hiroshima und Nagasaki geworfen wurden. Auf amerikanischer Seite sind die B61-Bomben, die seit Ende der 1960er Jahre im Einsatz sind, das klassische Beispiel. Sie sind die letzte verbliebene taktische Atomwaffe der USA.Auf fünf Nato-Länder verteiltGemäss Schätzungen des Nuclear Information Project, hinter dem der Bund amerikanischer Wissenschafter steht, lagert die Armee der USA rund hundert solcher Atombomben in Europa. Verteilt sind diese auf sechs Luftwaffenstützpunkte, die sich in fünf Nato-Mitgliedsländern befinden: in Italien (Aviano und Ghedi), Deutschland (Büchel), Belgien (Kleine Brogel), den Niederlanden (Volkel) und in der Türkei (Incirlik).Kommen nun polnische oder baltische Stützpunkte hinzu, wäre dies eine historische Zäsur. Während des Kalten Krieges war es für die USA naturgemäss undenkbar, Atomwaffen hinter dem Eisernen Vorhang zu lagern. Gleichzeitig ist die gesamte Anzahl der taktischen Atomwaffen der USA in Europa seit dem Ende der bipolaren Weltordnung spektakulär zurückgegangen.Gemäss dem Council on Foreign Relations (CFR) waren es in den 1970er Jahren noch über 7000 Atomwaffen, die neben den heute noch bestehenden Standorten auf weiteren Militärstützpunkten in Grossbritannien, Frankreich und Griechenland verteilt waren. Aufgrund von Rüstungskontrollabkommen und des abflauenden Gefahrenpotenzials aus dem Osten ging die Zahl nach dem Kollaps der Sowjetunion zurück.Französische Atombomben in BelgienIn der EU ist Frankreich, nach dem Austritt Grossbritanniens im Jahr 2020, die einzige verbliebene Atommacht. Das Land hält seine strategische Unabhängigkeit bewusst hoch und ist auch nicht Teil der Nuklearen Planungsgruppe der Nato, obwohl es Mitglied der Militärallianz ist. Angesichts wachsender Zweifel an der amerikanischen Verlässlichkeit bietet Frankreich neuerdings an, europäische Länder unter seinen nuklearen Schutzschirm zu nehmen.Norwegen hat bereits ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet, auch Deutschland, Polen, Schweden, die Niederlande, Belgien, Dänemark und Griechenland sind interessiert. Frankreich verfügt gemäss Sipri über rund 280 einsetzbare Atomsprengköpfe und hat diese sowohl auf U-Booten als auch auf Luftwaffenbasen in Istres und Luxeuil-les-Bains stationiert. Mit der Ausweitung der französischen Nukleardoktrin könnten Atomwaffen künftig auch in Partnerländern stationiert werden. Belgien etwa hat bereits seine Bereitschaft erklärt.Grossbritanniens Atommacht ist bescheidener, Schätzungen gehen von rund 120 einsatzfähigen Sprengköpfen aus. Früher hängte die britische Armee ihre Atomsprengköpfe auch an Kampfjets, mittlerweile setzt sie – als einzige Atommacht der Welt – nur noch auf Atom-U-Boote. Deren Heimathafen liegt im schottischen Faslane-on-Clyde, wobei zwei der insgesamt vier Boote ständig auf See sein sollen.Putin setzt auf WeissrusslandRussland hält die Standorte seiner Nuklearwaffen streng geheim. Laut dem CFR sollen sie auf mehr als ein Dutzend Militärstützpunkte über das ganze Riesenreich verteilt sein – darunter mutmasslich in der zwischen Polen und dem Baltikum gelegenen Exklave Kaliningrad. 2023 hat Präsident Wladimir Putin öffentlich angekündigt, auch im eng verbundenen Weissrussland Atomwaffen zu stationieren.Neben der Absicht, in den westeuropäischen Gesellschaften Verunsicherung auszulösen, entsprach der Kreml damit auch einem langjährigen Anliegen des weissrussischen Machthabers Alexander Lukaschenko. Weissrussland hatte zuvor eigens den Passus, ein atomwaffenfreies Land zu sein, aus der Verfassung gestrichen. Die Kontrolle über die Iskander-Raketensysteme und die Atombomben für Suchoi-Kampfjets bleibt aber weiterhin in russischer Hand.Niemand baut das Arsenal so schnell aus wie ChinaDie europäische Debatte rund um eine Neuausrichtung der nuklearen Abschreckung entspricht dem weltweiten Trend. Zwar ging 2025 die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe gemäss Sipri-Schätzungen von 12 241 auf 12 187 erneut leicht zurück, bei den militärisch nutzbaren Sprengköpfen sei aber ein Anstieg verzeichnet worden. Mit 83 Prozent der Bestände verfügen Russland und die USA weiterhin über den mit Abstand grössten Anteil.China holt, auf tiefem Niveau zwar, weiterhin auf. Der autoritär geführte Staat baue sein Nukleararsenal schneller aus als jedes andere Land und könnte bis Ende des Jahrzehnts mindestens so viele Interkontinentalraketen besitzen wie Russland und die USA, schreiben die Sipri-Forscher im jüngsten Jahrbuch – und schlagen Alarm: «Die Gefahren von Atomwaffen nehmen aufgrund des technologischen Fortschritts, des Zusammenbruchs der nuklearen Rüstungskontrolle und der zunehmenden geopolitischen Spannungen zu.»Passend zum Artikel
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