Nikotin: Wie ein Gift die Menschheit um den Finger wickelteFrüher rauchte man stinkige Glimmstengel, heute wird mit Erdbeeraroma gevapt. Vor lauter Lifestyle geht vergessen, wie verführerisch und gefährlich Nikotin ist.05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenOb Dampf oder Qualm: Wenn Nikotin im Spiel ist, sollte man die Finger davon lassen.Maxwell Gold / UnsplashVorbei sind die Zeiten, als man nach dem Besuch einer Kneipe erst einmal sämtliche Klamotten zum Lüften aufhängen oder besser gleich in die Wäsche geben musste, weil sie dermassen nach kaltem Zigarettenrauch stanken. Zigaretten sind seit langem auf dem Rückzug. Inzwischen raucht hierzulande nur noch etwa jeder fünfte Erwachsene regelmässig. Und das meist verschämt auf dem heimischen Balkon oder in gelb markierten Raucherreservaten auf dem Perron.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Jugendliche greifen seltener zur klassischen Zigarette. Doch wie Zahlen des Bundesamt für Gesundheit im kürzlich veröffentlichten Bericht «KidsHealthCH» zeigen, besorgen sie sich ihren Nikotinflash zunehmend auf andere Weise, insbesondere Kids zwischen 11 und 15 Jahren: In der letzten Befragung von 2022 gaben 21 Prozent von ihnen an, in den letzten 30 Tagen E-Zigaretten konsumiert zu haben, 2018 waren es noch 16 Prozent. Knapp drei Prozent konsumierten Nikotin durch Tabakerhitzer wie Iqos, gut sieben Prozent in Form von Snus – Nikotinbeuteln, die unter die Oberlippe geklemmt werden. Diese beiden Trends hatten 2018 noch keine grosse Rolle gespielt. Noch neuer ist das Comeback von Schnupftabak oder «Snuff».Die Industrie hat also neue Wege gefunden, um den uralten Suchtstoff Nikotin weiterhin an Jung und Alt zu verticken. Warum nur ist das Nervengift bis heute so populär?Biologisch gesehen ist Nikotin ein InsektizidDiese Frage stellte sich schon Anfang des 16. Jahrhunderts Bartolomé de Las Casas in seiner «Geschichte Westindiens». Darin beschreibt der spanische Historiker und erste Bischof von Chiapas eine seltsame, von karibischen Ureinwohnern übernommene Sitte einiger seiner Landsleute: Sie inhalierten den Rauch von getrockneten Blättern der in der Neuen Welt heimischen Tabakpflanze. «Ich weiss nicht, welches Vergnügen oder welchen Nutzen sie darin sahen», wunderte sich Las Casas. «Wenn man sie dafür tadelte und ihnen sagte, dass dies ein Laster sei, antworteten sie, sie seien unfähig, damit aufzuhören.»Nikotin macht eben abhängig. Das wussten die Ureinwohner Amerikas schon seit Jahrtausenden: Die ältesten archäologischen Hinweise auf Tabakkonsum aus Nordamerika sind mehr als 12 000 Jahre alt.Tabak als Ritual: Häuptling Dog Belly und einige seiner Oglala Sioux rauchen mit europäischen Siedlern die Friedenspfeife. Holzstich von Albert Bierstadt aus dem Jahr 1859.Sarin / Granger / ImagoDabei hat das Alkaloid der zu den Nachtschattengewächsen gehörenden Tabakpflanze Nicotiana tabacum eine ganz andere biologische Aufgabe: Es dient als starkes Gift zur Abwehr von Fressfeinden. In deren Körper dockt das aufgenommene Nikotin an die Rezeptoren für den Neurotransmitter Acetylcholin an. Diese sitzen unter anderem auf Muskeln, wo sie die elektrischen Impulse von Nerven auf die feinen Muskelfasern übertragen.Nikotin wirkt an diesen Schaltstellen wie der natürliche Botenstoff und führt in grösseren Mengen erst zu Krämpfen, dann zu Lähmungen und schliesslich zum Tod. Für einen Menschen wird es vor allem dann gefährlich, wenn er grössere Mengen des giftigen Krauts über die Verdauung aufnimmt.Vom ersten Nikotinflash zur AbhängigkeitBeim Konsum als Genussmittel nimmt man weit weniger Nikotin in den Blutstrom auf. Dieses flutet dafür umso schneller Körper und Gehirn und löst den bekannten Nikotinflash aus: leichter Schwindel und Kribbeln in den Gliedmassen, es folgen geschärfte Sinne und ein Gefühl der Entspannung.Ein riskanter Nervenkitzel, denn Nikotin gilt als extrem potentes Suchtmittel, sein Abhängigkeitspotenzial ähnelt jenem von harten Drogen wie Heroin. Wie diese führt es indirekt zur Ausschüttung des Glücksbotenstoffs Dopamin im Nucleus accumbens, dem sogenannten Belohnungszentrum des Gehirns. Das Dopamin sorgt dort für eine Welle wohliger Gefühle. «Das war gut, das möchte ich wieder erleben», denkt sich das Gehirn und macht den beginnenden Raucher zum willfährigen Erfüllungsgehilfen seiner Sucht.In der nächsten Phase gewöhnt sich das Gehirn an das Suchtmittel, es kommt zur physiologischen Toleranz. Sie erfordert immer grössere Mengen des Gifts; bei dessen Ausbleiben kommt es zu Stress und Entzugserscheinungen. «Die Abhängigkeit nährt sich also anfangs aus dem Wunsch nach dem schnellen, über Dopamin vermittelten Wohlgefühl. Später überwiegt der Wunsch, den Normalzustand wiederherzustellen und körperliche Entzugserscheinungen zu vermeiden», so fasst es das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg in einer Broschüre zum «Gesundheitsrisiko Nikotin» zusammen.Parallel dazu entwickelt sich die psychische Abhängigkeit: Die als positiv wahrgenommene Wirkung des Nikotins wird mit bestimmten Situationen in Verbindung gebracht – der Raucher konditioniert sich auf die Zigarette zum Morgenkaffee, nach einer Mahlzeit oder als Begleiter des abendlichen Kneipenbiers. Schon diese alltäglichen Reize reichen bald, um ein akutes Verlangen auszulösen.«Die Kraft des Blattes ist wunderbar»Mit diesen perfiden Eigenschaften wickelte das Pflanzengift Nikotin die halbe Menschheit um den Finger. Wie auch immer der erste frühzeitliche Amerikaner auf die Idee gekommen sein mag, getrocknete Tabakblätter anzuzünden und den entstehenden Rauch zu inhalieren: Als die Spanier vor über 500 Jahren den amerikanischen Kontinent erreichten, war der Gebrauch von Tabak dort weit verbreitet, auch wenn er eher auf rituelle Anlässe beschränkt war.Zu Bartolomé de Las Casas’ Leidwesen gelangte das Kraut schnell nach Europa, unter anderem durch Zutun des französischen Diplomaten Jean Nicot, des Namensgebers der Pflanzengattung Nicotiana und ihres Gifts. Der Zürcher Gelehrte Konrad Gessner stellte erste Selbstversuche an: «Als ich von jenem Blatt nur einen kleinen Teil durch Kauen kosten wollte, kam es mich auf der Stelle wunderlich an. Ich kam mir völlig betrunken vor, und es überkam mich ein Schwindel», schrieb er 1665. Sein Fazit ist positiv: «Die Kraft des Blattes ist wunderbar.»Zunächst galt Tabak vor allem als medizinisches Wundermittel: Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Rauch sogar per Blasebalg als Klistier in den Enddarm verabreicht. Das sollte sogar Ertrunkene wieder zum Leben erwecken.Gerätschaft für einen Einlauf mit Tabakrauch aus einem Lehrbuch von 1776. Tabak-Klistiere galten damals als Mittel der Wahl zur Wiederbelebung Ertrunkener.PDBis heute ist Nikotin ein einträgliches GeschäftWirklich populär wurde der auch in den wärmeren Regionen Europas gedeihende Tabak als zunächst in Pfeifen gerauchtes Genussmittel mit grossem Suchtpotenzial. Da halfen auch zahlreiche Versuche wenig, die heidnische Unsitte zu verbieten. Zudem merkten auch sittentreue Staatsoberhäupter bald, dass sich über Steuern und Zölle ordentlich am Tabakgeschäft mitverdienen liess.Die Darreichungsform wandelte sich immer wieder: Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Tabak vermehrt geschnupft, im 19. Jahrhundert breitete sich die Zigarre aus. Bei deren Herstellung fielen Tabakreste an, die man in Papier gewickelt noch rauchen konnte – die moderne Zigarette war erfunden und drängte andere Formen des Nikotinkonsums an den Rand.Wie gesundheitsschädlich Tabakrauch wirklich ist, wurde erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts klar. Allein in diesem Jahrhundert forderte das Rauchen laut Schätzungen rund 100 Millionen Tote – mehr als beide Weltkriege zusammen.Dabei ist Nikotin selbst nicht krebserregend, sondern der Cocktail aus Tausenden von Verbrennungsprodukten und Zusätzen der Industrie. Hersteller von E-Zigaretten und Snus betonen das gern. Doch auch diese neuen Darreichungsformen tragen Risiken in sich, die noch längst nicht ausreichend erforscht sind. Besser also, man begibt sich erst gar nicht in den Bann des Nikotins.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Früher rauchte man stinkige Glimmstengel, heute wird mit Erdbeeraroma gevapt. Vor lauter Lifestyle geht vergessen, wie verführerisch und gefährlich Nikotin ist.






