Die verbaute Treppe: Macht KI die Gen Z zur neuen verlorenen Generation?Viel weniger Einstiegsjobs, viel mehr junge IV-Rentner: Die Generation Z droht aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden, bevor sie überhaupt richtig angekommen ist. Was passiert da gerade?05.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Malte Mueller / GettyOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«KI wird dich deinen Job kosten.» So behauptet ein populäres Meme, das gerade unter Studierenden die Runde macht. Es zeigt einen jungen Mann, der am Ende einer langen Bank sitzt. «Welchen Job denn?», lautet die Antwort des Jugendlichen. Die Generation Z ist bekannt dafür, ihre Probleme mit witzigen Cartoons zu verarbeiten. Und dieses bringt ihr momentanes Lebensgefühl lapidar auf den Punkt: Künstliche Intelligenz raubt ihnen den Job, noch bevor sie je einen bekommen haben.Natürlich ist die düstere Prognose kein exaktes Abbild der Realität. Aber aus der Luft gegriffen ist sie nicht, wie zwei brisante Publikationen beweisen: Letzte Woche hat eine Studie des Dienstleistungsunternehmens Jobcloud gezeigt, dass die Zahl der Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger seit der Einführung der generativen künstlichen Intelligenz Ende 2022 um 32 Prozent zurückgegangen ist. Vorab in KI-exponierten Branchen wie Administration, Marketing, Finanzen und IT sind viele Einstiegsjobs verschwunden.Gleichzeitig wirft auch die eben veröffentlichte Statistik der Invalidenversicherung einen langen Schatten auf die Menschen zwischen Ausbildung und Berufseinstieg: Noch nie gab es unter den Jungen so viele IV-Rentner wie heute. Jeder zehnte Rentenbezüger ist noch keine dreissig Jahre alt.Ausgerechnet die Generation Z, auf deren schmalen Schultern die gigantischen Kosten der überstrapazierten Vorsorgesysteme lasten, droht heute in noch nie da gewesener Zahl aus dem Markt auszuscheiden, bevor sie überhaupt richtig darin angekommen ist. Dabei ist diese Generation demografisch so klein und so gut ausgebildet, dass man ihr jahrelang predigte, sie werde dereinst ihre Arbeitsstellen auswählen und Forderungen stellen können. Schliesslich galt bisher, dass kleine Alterskohorten höhere Einkommen erzielen als grosse, die um Positionen rangeln müssen. Noch vor kurzem haben Human-Resources-Abteilungen ältere Führungspersonen mit Kursen für die Vorlieben der Junioren sensibilisiert. Jetzt will plötzlich niemand mehr die vermeintlich so gesuchten Fachkräfte mit Tertiärausbildung einarbeiten.Lohngefüge wird auf den Kopf gestellt«Ich beneide diese Generation nicht darum, in der heutigen Zeit in den Arbeitsmarkt einsteigen zu müssen», sagt der Organisationsforscher Hans Rusinek von der Hochschule St. Gallen, der zum technologischen Wandel und zur Zukunft der Arbeit forscht. Die Verunsicherung unter den Studenten sei sehr gross, sagt er. Denn gerade in den Branchen, die noch zu Beginn ihres Studiums als sicherer Wert galten, werden heute reihenweise Jobs weggespart.Nun hat es konjunkturelle Dellen, Strukturkrisen und Jugendarbeitslosigkeit schon früher gegeben – selbst bei den neusten Zahlen sind sich Experten einig, dass nicht nur KI, sondern auch die Konjunktur eine Rolle spielt. Und dass neue Technologien alte Berufe ersetzen, ist eine historische Konstante. «Erstmals aber», sagt Monika Bütler, Ökonomin und Honorarprofessorin für Wirtschaftspolitik in St. Gallen, «trifft es auch die gut Ausgebildeten.» Die Disruption durch KI werde am gewohnten Lohngefüge in der Schweiz rütteln, gibt sie sich überzeugt. Die Löhne von vielen Handwerkern etwa, das zeige sich in angelsächsischen Ländern bereits, schlössen zu den Gehältern von Akademikern auf. «Die künstliche Intelligenz», so Bütler, «hat Bildung als Garant für ein hohes Ansehen und Gehalt infrage gestellt.»Die Grossväter der heutigen Gen Z konnten mit einem abgeschlossenen Studium noch eine ganze Familie ernähren und oft auch ein Haus bauen. Ihre Mütter und Väter mussten zwar häufig beide arbeiten, um den Lebensstandard zu halten, aber die Jobsicherheit war hoch. Ein Studium galt als ultimativer Schutzschild gegen den sozialen Abstieg. Generationen von Eltern haben alles dafür getan, ihren Kindern den Weg an die Hochschulen zu ebnen. Heute hat ebendieser Schutzschild Risse bekommen.In den USA wird diese Entwicklung bereits mit einer neuen Kennzahl gemessen – dem sogenannten «Graduation Gap»: Unter jungen Hochschulabsolventen ist die Arbeitslosigkeit in den Staaten inzwischen höher als in der Gesamtbevölkerung. In der Schweiz ist das zwar noch nicht der Fall, aber auch hier stieg die Arbeitslosenquote unter den Hochschulabsolventen in den letzten zwei Jahren von 1,4 auf 2,2 Prozent und damit stärker als in der Gesamtbevölkerung. Während in Handwerksbranchen, Pflegeberufen und Schulen händeringend Personal gesucht wird, schrumpft gemäss der Jobcloud-Erhebung der Anteil ausgeschriebener Einsteigerjobs in der digitalen Wissensökonomie seit 2023 rapide.Der Einbruch am Fuss der KarriereleiterWenn die künstliche Intelligenz in Sekunden erledigt, womit die Junioren sich früher die Sporen abverdienten und sich branchenspezifisches Grundwissen aneigneten, führt das zu einer gefährlichen Entwicklung: Der Organisationsforscher Hans Rusinek warnt davor, dass Unternehmen ihre eigene Nachwuchs-Pipeline der kurzfristigen Effizienz opferten. Wer keine Juniors einstellt, wird die Seniors immer von aussen rekrutieren müssen. Für die Jungen aber fällt mit den Einstiegsjobs die traditionelle «Treppe» in den Beruf weg. «Im Grunde hängt der Markt schief», sagt Rusinek. «Die Unternehmen sind angesichts von KI je länger je weniger bereit, ihren Angestellten die Fähigkeiten beizubringen, die für die späteren Positionen verlangt werden. Und die es auch für Innovationen braucht.»Davon betroffen sind nach der grossen Akademisierungswelle der letzten zwei Jahrzehnte viele. In der Schweiz besitzt heute jede zweite Person unter 35 einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung. Zunächst einmal hat die Emanzipation dafür gesorgt, dass die Frauen zahlenmässig an den Universitäten nicht nur aufgeholt, sondern die Männer sogar überholt haben. Dann ist die hohe Hochschulquote auch der Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems geschuldet. Vorab aber hat die Akademisierung ökonomische Gründe: Tertiäre Abschlüsse galten bisher als Gehalts-Booster.In Echtzeit kann man heute beobachten, wie KI das verändert: Gemäss einer Umfrage einer Recruiting-Firma wertet in den USA bereits jeder vierte Arbeitgeber bei Bewerbungen praktische Erfahrung höher als einen Bachelor-Abschluss. Natürlich werden tertiäre Abschlüsse für Mediziner und Richterinnen, für Ingenieure und Biochemikerinnen nicht so bald obsolet. Doch gemäss Rusinek wissen die Jungen durchaus, woher der Wind weht: «Studierende haben heute vermehrt den Anspruch, im Studium auch praktische Kompetenzen zu erwerben.» Von Kollegen in Deutschland habe er gehört, dass bei KI-exponierten Studiengängen die Bewerbungszahlen bereits sänken.In der Schweiz lässt sich dies bisher nicht an gesunkenen Anmeldezahlen an Hochschulen festmachen, wie eine Umfrage der Redaktion zeigt. Dennoch: Das Thema beschäftigt auch sie. «Netzwerken, Praxiserfahrung und der frühzeitige Kontakt zu Arbeitgebern werden wichtiger», schreibt die Universität Zürich, die ihre Studenten für diese neu erforderte «Career Readiness» zu sensibilisieren versucht. Auch die ETH Zürich investiert in den engen Austausch mit Wirtschaft und Industrie sowie die Stärkung von langfristig nützlichen Kompetenzen wie Teamarbeit, analytischem und interdisziplinärem Denken. Gefördert werde das etwa mit sogenannten «Fokusprojekten», bei denen Studenten an realen Problemstellungen arbeiteten.Politisch hingegen sieht man in der Schweiz noch keine Notwendigkeit, aktiv zu werden. Die Antwort des Bundesrats auf die Anfrage des SP-Nationalrats Islam Alijaj, was er angesichts der schwindenden Junior-Positionen für Hochschulabsolventen zu tun gedenke, war so kurz wie knapp: nichts. Abgesehen von einem Monitoringbericht zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt, der 2027 erscheinen soll, sieht der Bundesrat keinen Handlungsbedarf.Zukunftsangst macht krankAuch wenn Prognosen im Zusammenhang mit KI einem Kaffeesatzlesen gleichkommen, wie die Ökonomin Monika Bütler sagt, ist sie zuversichtlich, dass die Gesellschaft sich an die neu gesuchten Berufsprofile im Markt anpassen werde. Doch eines glaubt sie mit ziemlicher Sicherheit voraussagen zu können: «Die Einkommensverteilung wird teilweise auf den Kopf gestellt. Für Politik und Gesellschaft bedeutet das eine grosse Herausforderung.»Eine grosse Herausforderung sind die schwindenden Zukunftsperspektiven durch KI bereits im Hier und Jetzt für die Psyche der Betroffenen. Im letzten Generationenbarometer des Umfrageinstituts Sotomo gaben 88 Prozent der unter 35-Jährigen an, nicht mehr das Gefühl zu haben, die Zukunft der Gesellschaft mitgestalten zu können. In der Fachwelt hat die existenzielle Verunsicherung längst einen Namen: «AI FOBO» – Fear of Becoming Obsolete: die Angst, technologisch überflüssig zu werden.Das trendy klingende Akronym ist mehr als eine harmlose Abkürzung für ein aktuelles Phänomen. Es droht zur Diagnose zu werden. So beobachtet der Chefarzt Jan Holder vom Ambulatorium für Psychiatrie und Psychotherapie Psych-Central in Zürich, dass nicht nur die Zahl der Jungen, die wegen Arbeitsunfähigkeit in Behandlung kommen oder zugewiesen werden, wächst, sondern auch ihre Belastung durch die berufliche Verunsicherung: «Die regelmässig in Medien publizierten Listen von KI-gefährdeten Berufen etwa lösen bei den Patienten Ängste aus und nähren das Gefühl, in dieser Gesellschaft gar nicht mehr gebraucht zu werden.»Diffuse Ängste aber, das weiss Urs Hepp aus Forschung und Praxis, haben einen grossen Anteil an den psychischen Schwierigkeiten, die gerade bei jungen Menschen gestiegen sind und zu der starken Zunahme der IV-Neurenten geführt haben. Der Psychiater und Forscher im Bereich Mental Health, der für verschiedene Gesundheitsbehörden arbeitet, warnt: «Gerade bei Angstsymptomatiken verstärkt eine lange und unbegleitete Krankschreibung das Vermeidungsverhalten.» Komme es in der Folge zu einer IV-Berentung, schade diese den meisten jungen Menschen mit psychischer Belastung mehr, als sie ihnen nütze. «Sie katapultiert sie meist endgültig aus dem Berufsleben.»Auf dem Spiel steht nicht nur für jeden einzelnen jungen Menschen viel, sondern auch für die Gesamtgesellschaft. Ohne eine Jugend, die Perspektiven entwickeln kann, fehlt ihr der Zukunftsmotor.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel