Seit 2021 dürfen auch Minderjährige 125er-Maschinen satteln – schon bevor sie Fahrstunden besucht haben. Nun sucht die Politik nach Änderungen. Und wonach suchen die jungen Töfffahrer? Einblick in einen Grundkurs.05.07.2026, 05.31 Uhr8 LeseminutenIn der schwarzen Töfffahrer-Kluft sieht er aus wie ein Superheld. Senad Mustafi*, 24-jährig, kommt mit seiner schnittigen Honda angebraust, bremst ab, stemmt beide Füsse auf den Boden und hievt den schweren Töff auf den Ständer. Im Hintergrund röhren die Zylinder der anderen Maschinen. Drei Motorräder, drei junge Männer, ein Traum – der von der grossen Freiheit auf zwei Rädern, von atemberaubenden Aussichten auf Passhöhen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch ihr Traum beginnt unspektakulär, auf einem grauen Parkfeld im Aarauer Industriegebiet. Obligatorischer Grundkurs, Teil 1.Schwarz, schnittig, schnell: ein Anfänger in seiner Kluft und mit seinem Töff.Immerhin: herrliches Töffwetter an diesem Samstagnachmittag. Die Sonne brennt von oben, der Asphalt von unten. Senad Mustafi streift sich ächzend den Helm ab: «Boah, heiss!» Er zippt sein Ledertenue über der Brust auf und schiebt gleich eine Frage an seinen Fahrlehrer nach. Es ist die klassische Provokation des vorwitzigen Schülers: «Darf ich die Jacke zum Fahren ausziehen?»Michael Küpfer grinst, als hätte er nur darauf gewartet: «Leider nein.» Der Schutz muss sein.Töfffahren ist ein Balanceakt zwischen Abenteuer und Vernunft, und manchmal zwischen Leben und Tod. Das Unfallrisiko ist 60-mal so hoch wie im Auto. Wie die Schweiz mit diesen Gefahren umgeht, ist umstritten. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Unfälle bei den Anfängern verdoppelt. Umso wichtiger sind vorgeschriebene Kurse wie derjenige von Michael Küpfer.Auch er hat erste Schweissperlen auf dem kahlen Haupt. Der weisse Kinnbart reicht bis zur markanten Halskette. Michael Küpfer arbeitet für Blink, die grösste Fahrschule des Landes mit über fünfzig Standorten in der Deutschschweiz. Inzwischen stehen auch zwei weitere Schüler neben ihm im Schatten. Gute Gelegenheit, um nochmals über die richtige Ausrüstung zu reden. Heute sind alle vorbildlich eingekleidet zum Kurs erschienen: feste Schuhe, geprüfte Hosen, gepolsterte Jacken, Helme, Handschuhe.Aber was ist, wenn sie morgen kurz in die Badi wollen? Ziehen sie da bloss Shorts und Flipflops an?Küpfer weiss, dass er die Jugendlichen mit markigen Sprüchen erreichen muss. Deshalb sagt er: «Schürfwunden sehen nicht nur scheisse aus, sondern die Versicherung zahlt auch nicht, wenn ihr ohne die richtige Schutzkleidung verunfallt.» Die drei Schüler nicken nachdenklich.Fahrlehrer Michael Küpfer macht aus Bikern edle Ritter.Genau um solche Grundfragen geht es im Kurs: Bin ich richtig geschützt? Funktioniert alles an meinem Töff? Kann ich anfahren, bremsen? Halte ich genug Abstand zu anderen auf der Strasse? Wie muss ich einspuren und abbiegen?Mehr als nur GrundlagenEs geht um Basics, aber nicht um Banalitäten. Töfffahren war schon immer gefährlich. Und seit 2021 dürfen in der Schweiz 15-Jährige bereits auf die 50er-Kategorie steigen. Und um die 125er-Maschinen zu satteln, muss man nicht wie früher auf den 18. Geburtstag warten. Heute können schon 16-Jährige damit durchstarten – und theoretisch bis auf 130 Kilometer die Stunde beschleunigen.So auch Sebastian Haller*. Mit 16 Jahren ist er der Jüngste im Kurs. Eine Haarsträhne ragt schräg über die Augen, etwas Akne auf den Wangen, etwas Schüchternheit in der Stimme. Gleichzeitig drücken Entschlossenheit und Enthusiasmus durch. Er wolle lieber Töff als Auto fahren. «Weil ich den Wind im Gesicht spüren will.»Ob Jeans, Leder oder synthetischer Stoff: Die Teilnehmer sind für den Grundkurs mit geprüften Hosen eingekleidet. Ziehen sie die auch für den Weg zur Badi an?Aber das tiefe Mindestalter birgt Gefahren, vor allem, weil es mit einer verheerenden Lücke gekoppelt ist. Mit der Gesetzesänderung passte sich die Schweiz den Regeln der Europäischen Union an. Aber nicht den Ausbildungsstandards. In Deutschland gehen künftige «Biker» erst einmal zur Schule. Sie müssen 16 Lektionen à 90 Minuten besuchen, ehe sie zur Theorieprüfung zugelassen sind. Mit dem Lernfahrausweis dürfen sie zu keinem Zeitpunkt alleine auf die Strasse – sondern ausschliesslich mit dem Fahrlehrer. Bis die praktische Prüfung bestanden ist.Ohne Vorkenntnisse auf die StrasseGanz anders in der Schweiz. Wer hier ab 16 Jahren Motorrad fahren will, kann nach dem Selbststudium zur Theorieprüfung. Besteht er sie, erhält er den Lernfahrausweis. Und darf mit den Kenntnissen eines Velofahrers mit dem 125er-Töff sogar auf die Autobahn – ohne eine einzige Fahrstunde, unbegleitet. Den dreiteiligen Grundkurs muss er innerhalb von vier Monaten besucht haben. Es kommt also durchaus vor, dass die Jugendlichen zuerst einmal ihre PS und Grenzen selbständig ausloten, ehe sie nach drei Monaten an Teil 1 des Grundkurses teilnehmen.Für Michael Küpfer ist das unverständlich. «Das bedeutet, dass wir einem 16-jährigen Menschen ohne jegliche Erfahrung im Strassenverkehr eine potenzielle Todesmaschine übergeben. Und wir hoffen, dass er diese erste Zeit irgendwie überleben wird.»Das Resultat sind übermässig viele Unfälle. Die Zahlen des Bundesamtes für Strassen (Astra) und des Bundesamtes für Statistik (BfS) bestätigen das Problem. Innert fünf Jahren haben sich die Unfälle der Töff-Anfänger mehr als verdoppelt. 2020, im letzten Jahr vor der Gesetzesänderung, verunglückten bei den unter 20-Jährigen 536 Personen auf Motorrädern. 2025 waren es bereits 1133 Jugendliche. 17 verloren ihr Leben, mehr als doppelt so viele wie noch 2020 (7).Besonders gefährdet sind die Anfänger in den ersten Monaten. Also genau in der Zeit zwischen dem Erhalt des Lernfahrausweises und den ersten Schulungen mit den Fahrlehrern. Michael Küpfer erzählt, wie er von Eltern eine Abmeldung vom Grundkurs erhalten habe – weil ihr Kind bereits davor verunglückt sei.Dieses Risiko ist den Kursteilnehmern bewusst. Besonders Alex Schneider*, 19-jährig. Während einer Pause im Schatten zieht er an einer Zigarette. Sein Vater verunfallte schwer mit dem Motorrad und kann seither einen Arm nur beschränkt bewegen. Die Familiengeschichte hat seine Aufmerksamkeit auf der Strasse geschärft. «Manchmal blinken Autos oder Traktoren nicht. Beim Überholen muss ich immer aufpassen, gut schauen, anständig fahren.»Die obligatorischen Kurse sollen solche Grundlagen vermitteln. Wer ans Töfffahren denkt, stellt sich Adrenalin und hohes Tempo vor. Hier wird das Gegenteil geübt. Michael Küpfer legt aus zwei langen Seilen eine schmale Gasse auf dem Boden aus. Dadurch müssen die Schüler möglichst langsam fahren und das Gleichgewicht halten. Je länger die Fahrtdauer, desto besser. Michael Küpfer ruft über den Platz: «Noch langsamer!» Er muss mit seiner Lautstärke gegen die Motoren und die Helme ankämpfen – manchmal auch gegen den jugendlichen Übermut.«Noch langsamer!»: Fahrlehrer Michael Küpfer impft seinen Schülern Grundlagen mit markigen Sprüchen ein.Mit der richtigen Einstellung lenkenIm ersten Teil des Grundkurses geht es nicht nur um die richtigen Handgriffe an der Maschine, sondern um die richtige Einstellung. Küpfer gibt den Schülern sein Mindset mit. «Wir sind wie edle Ritter auf dem Ross und schauen auch für die anderen mit.»Er macht ihnen bewusst, dass der Motorradfahrer das schwächere Glied im Verkehr ist. Der Töff ist schmal. Und damit weniger auffällig. Die meisten Unfälle geschehen an Kreuzungen, weil der Töff übersehen wird. Küpfer schaut seine Schüler an und sagt eindringlich: «Bremse lieber einmal mehr als einmal zu wenig, denn dir tut es mehr weh als dem Auto.» Gäbe es eine Bibel der Motorradfahrer, würde dieser Satz als Gebot darin stehen.Parkplatz statt Passhöhe: die Teilnehmer des Grundkurses für Motorradfahrer auf einem Industriegelände in Aarau.Genau auf diese Faktoren will die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) noch stärker hinweisen. Christoph Jöhr leitet bei der BfU die Abteilung Verkehrsverhalten. Er bringt sich beim Astra ein, um die Töff-Ausbildung zu verbessern und die Sicherheit auf den Strassen zu erhöhen. Jöhr sagt: «Bisher lag das Augenmerk eher darauf, wie man den Töff richtig bedient.» Das sei eine Voraussetzung, reiche aber nicht. «Wir möchten, dass die Einstellung während der Ausbildung noch stärker einbezogen wird.»Der Motorradfahrer ist «gläsern»Töfffahren hat viel mit Selbstschutz zu tun. Jöhr bezeichnet die Motorradfahrer als «gläsern». Sie sind weniger geschützt, verletzlicher, weniger sichtbar – und die Autofahrer zu wenig aufmerksam. Das zeigen die Unfallanalysen. Den Rundumblick haben die Automobilisten zwar in der Fahrschule gelernt, aber er geht mit der Zeit vergessen.Hinzu kommt, dass Autofahrer oft abgelenkt sind – durch die Bordelektronik, das Handy, die eigenen Gedanken. Menschen könnten ohnehin nur ein bis drei Elemente pro Sekunde wahrnehmen, sagt Jöhr. «Der Töfffahrer muss verstehen, dass es visuelle Grenzen für den Menschen gibt. Wenn er das versteht, fährt er defensiver.» Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Unfälle mit einem vorausschauenden, defensiven Fahrstil verhindert werden könnten.Damit würden auch die häufigen Selbstunfälle vermieden. Sie sind die zweithäufigste Ursache von Motorradunfällen. Der Experte Jöhr weiss: Biker gehen dort fahren, wo es Spass macht, auf kurvenreichen Strassen. Zum Crash kommt es oft, obwohl der Motorradfahrer gar nicht über dem gesetzlichen Limit lag. Sondern schlicht, weil das Tempo nicht der Lage oder der Erfahrung entsprach.Junge Anfänger sind besonders gefährdet. Ihre Erfahrung auf der Strasse ist gering, ihr Risikoverhalten höher. Das hat auch physiologische Gründe. Die Gebiete im Gehirn, die Gefahren abschätzen und Impulse steuern, sind mit 16 Jahren noch nicht ausgebildet. Jöhr glaubt: «Wenn wir die Kurse optimieren, wird das eine leichte Verbesserung bringen. Deutlich besser wird die Lage aber nur, wenn wir das Mindestalter wieder auf 18 Jahre anheben.»Falsche SicherheitDoch wie kam es überhaupt zu diesem Gesetz? «Lange waren die Unfallzahlen rückläufig», sagt Jöhr, «Prävention für den Strassenverkehr war eher ein untergeordnetes Thema.» Ab der Jahrtausendwende wurden Autos und Motorräder mit Systemen wie ABS oder Airbags sicherer, die Strassen ebenso, etwa dank der Einführung der tieferen Promillegrenze.Laut Jöhr ist nun eher wieder eine Liberalisierung festzustellen. Auf Raststätten gibt es Alkohol, Raser erhalten mildere Strafen, die Wiederholungskurse für junge Autofahrer wurden von zwei auf einen reduziert. Das tiefere Einstiegsalter für Töfffahrer passt in dieses Bild.Deshalb sagt Jöhr: «Es braucht mehr Massnahmen.» Denn die Unfälle gingen nicht nur Einzelne etwas an. «Sie betreffen uns alle. Die Volkswirtschaft ist mit rund 4 Milliarden jährlich belastet.» Diese Zahl setzt sich aus Ausfällen bei der Arbeit und Gesundheitskosten zusammen. Es gehe um viel Geld, aber auch um grosses menschliches Leid, sagt Jöhr.Mit dem «L» Erfahrung sammeln: Das ist wichtig, aber Experten fordern, dass im Vorfeld mit Fahrlehrern geübt wird.Letztlich ist die Politik gefragt. Inzwischen sprechen sich alle Parteien für Änderungen bei den Regeln für Motorradfahrer aus. Auch Walter Wobmann von der SVP. Der leidenschaftliche Töfffahrer hat in jungen Jahren selbst zwei Crashes überlebt. Er sagt: «Die Unfallzahlen sind zu hoch, und es besteht Handlungsbedarf.»Der ehemalige Nationalrat setzt sich in Arbeitsgruppen dafür ein, dass in der Ausbildung stärker auf die richtige Ausrüstung hingewiesen wird, auf die richtige Einstellung, das defensive und vorausschauende Fahren. «Das muss man den Jugendlichen einimpfen.» Wobmann ist Zentralpräsident von Swiss Moto. Auch er unterstützt, dass die angehenden Biker Kurse besuchen müssen, bevor sie selbständig fahren. «Aber ich bin ganz klar dafür, dass das Mindestalter 16 bleibt.»Rückkehr zu 18 als Mindestalter gefordertAnders der Walliser Mitte-Nationalrat Sidney Kamerzin. Der Anwalt hat auch in seinem Berufsleben mit Opfern von Motorradunfällen zu tun. Er hat eine Motion im Parlament eingereicht, um das Mindestalter wieder auf 18 Jahre anzuheben. «Darauf habe ich viele Nachrichten von betroffenen Familien aus der ganzen Schweiz bekommen, auch von Fahrlehrern», sagt Kamerzin.Dass sich etwas ändern wird, ist inzwischen klar. Der Bundesrat hat angekündigt, dass 2027 Varianten in die Vernehmlassung geschickt werden. Dabei wird es wohl um zwei Optionen gehen: um mehr Praxis mit Fahrlehrern. Oder um eine Rückkehr zum Mindestalter 18, wie es Kamerzin fordert. «Für mich geht es nicht um eine politische Frage, sondern um den Schutz der Jugendlichen.»Im Grundkurs in Aarau schreitet Michael Küpfer zur nächsten Übung. Es geht um den Mindestabstand von zwei Sekunden zum vorausfahrenden Auto. Küpfer lässt seine Schüler sich hintereinander auf dem Parkplatz so hinstehen, wie sie den richtigen Abstand vermuten würden. Die Unterschiede sind gross, die nötigen 28 Meter erreicht niemand. «Mit zu wenig Abstand kommt ihr nicht früher ans Ziel, sondern nur an zwei Orte schneller hin: ins Spital oder ins Leichenschauhaus.»Am Ende dieses Nachmittags fragt Küpfer in die Runde: «Wenn ein Kollege euch fragt, ab wann er in den Grundkurs soll, was würdet ihr ihm raten?» Die drei jungen Männer antworten fast gleichzeitig, ihre Stimmen überlagern sich: «Schnellstmöglich.»* Name geändert.Passend zum Artikel
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