Bitte einmischen! Wie ein Kinderspital stärker auf besorgte Eltern hören willWenn Ärzte die Warnungen von Müttern ignorieren, endet das bisweilen tödlich. Im Kinderspital in Luzern können verzweifelte Eltern im Notfall Alarm schlagen. Ein Novum in der Schweiz.04.07.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenIn Hunderten von Fällen pro Jahr würden Eltern nicht ernst genommen, schätzt die Schweizerische Patientenorganisation – zum Teil mit fatalen Folgen für die Kinder.Valentin Flauraud / KeystoneEs ist ein Aushang, der sich nahtlos in das Weiss der Gänge einfügt. Doch was an den Wänden des Kinderspitals Zentralschweiz angebracht ist, bricht mit den starren Machtstrukturen der Medizin. «Sie kennen Ihr Kind besser als jeder andere», heisst es darauf. Der Aushang ermuntert Eltern, über eine Hotline Alarm zu schlagen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Sorgen ignoriert werden. Dieses Eltern-Notrecht gibt es bis jetzt in keinem Schweizer Spital.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auslöser der Zentralschweizer Initiative ist ein tragischer Fall aus dem letzten Jahr. Damals starb im Kinderspital in Luzern ein einjähriger Bub an einer bakteriellen Infektion. Die Ärzte hatten die Eltern und das Kind zuerst nach Hause geschickt – obwohl die Mutter auf den kritischen Zustand ihres Kindes hingewiesen haben soll. Die Familie erhob nach dem Tod des Kindes schwere Vorwürfe gegen das Personal: Es habe ihr kein Gehör geschenkt und die Mutter als hysterisch abgetan. Deshalb sei jede Hilfe zu spät gekommen.Das Kinderspital reagierte auf das folgenschwere Ereignis. «Das hat uns tief erschüttert», sagt der Klinikleiter und Chefarzt Martin Stocker. Deshalb führte er im vergangenen Sommer probehalber die sogenannte Martha’s Rule ein. Das Konzept aus England ermöglicht es Eltern, ein unabhängiges Team für eine Zweitmeinung anzufordern, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen. Nun führt das Spital das System eineinhalb Jahre später permanent ein, wie es auf Anfrage der «NZZ am Sonntag» bekanntgibt.Sechshundert lebensrettende KorrekturenMartha’s Rule stammt aus Grossbritannien, wo es die Regel seit 2024 gibt. Wie in Luzern war auch bei den Briten der Tod eines Kindes Auslöser für die Einführung. Die 13-jährige Martha Mills, nach der die Regel benannt ist, starb 2021 an einem septischen Schock. Sie hatte sich im Krankenhaus eine Infektion zugezogen. Die Mutter, eine bekannte britische Journalistin, hatte wiederholt ihre Besorgnis über den schlechten Zustand ihrer Tochter geäussert. Vergebens. Ein Gutachten stellte später fest, dass Martha wahrscheinlich überlebt hätte, wenn sie früher auf die Intensivstation verlegt worden wäre.Die 13-jährige Martha Mills starb 2021 an einem septischen Schock.Merope MillsDas britische Projekt ist ein Erfolg. Befürchtungen, das System würde missbraucht werden und die Meldungen ausufern, haben sich nicht bewahrheitet. Jede siebte klinische Überprüfung, die durch Martha’s Rule ausgelöst wurde, führte zwischen September 2024 und April 2026 zu einer lebensrettenden Änderung in der Behandlung. Das ist über sechshundert Mal in eineinhalb Jahren. Und in über zweitausend Fällen passten Ärzte die Behandlung an, nachdem Angehörige vorstellig geworden waren. Inzwischen gilt die Regel deshalb in jedem britischen Akutspital.In der Zentralschweiz sehen die Erfahrungen anders aus. In den ersten Monaten der Testphase blieb es auf der Hotline des Kinderspitals in Luzern ruhig, wie bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen: Zwischen September 2025 und April 2026 nutzten zwei Elternpaare Martha’s Rule. Zwar sei es in beiden Fällen zu keiner Anpassung in der Behandlung gekommen, sagt Martin Stocker, «aber das sind ja nur Zahlen aus einem Spital». Ausserdem hätten vierzig Elternpaare die Vorstufe von Martha’s Rule ausgelöst und eine leitende Person verlangt, weil sie sich nicht gehört fühlten, sagt der Klinikleiter.Stocker ist überzeugt, dass es die Regel braucht. Für ihn zählen nicht nur die nackten Zahlen. In der Schweizer Spitallandschaft gebe es nach wie vor starre Hierarchien und alte Rollenbilder, die in vielen Fällen dazu führten, dass Patienten und Angehörige zu wenig ernst genommen würden. «Wir brauchen einen Kulturwandel», sagt er. «Martha’s Rule ist ein wichtiges Puzzlestück auf diesem Weg», ist der Kinderarzt überzeugt.Andere Schweizer Spitäler wie das Zürcher Triemli diskutieren die Einführung von Martha’s Rule zwar, doch bis jetzt ist Stocker ein Einzelkämpfer.Hunderte Meldungen bei der PatientenorganisationHandlungsbedarf sieht auch die Schweizerische Patientenorganisation. Sie wird regelmässig zu Medical Gaslighting kontaktiert – so werden die Situationen in der Fachwelt genannt, in denen Ärzte bewusst oder unbewusst Patienten und Angehörige nicht ernst nehmen, ihre Symptome bagatellisieren, herunterspielen oder auf die Psyche schieben. «Wir erhalten dazu mehrere hundert Meldungen pro Jahr», sagt die Geschäftsführerin Susanne Gedamke, wobei sie die Dunkelziffer als «sehr hoch» einschätzt.Viele Patientinnen und Patienten oder deren Angehörige meldeten sich gar nicht erst, weil sie nicht wüssten, an wen sie sich wenden könnten, so Gedamke. Andere Betroffene wollten nicht als «schwierig» gelten oder hätten nach einer belastenden Erkrankung nicht die Kraft für eine Beschwerde, sagt sie.Für die Wissenschafterin Chantal Britt ist auch deshalb klar: Es braucht feste Eskalationswege. «Sie geben Patienten und Angehörigen überhaupt erst die Möglichkeit, zu handeln», sagt Britt, die an der Berner Fachhochschule zum Thema forscht. Gerade Angehörige nähmen Veränderungen bei Kindern und älteren Personen oftmals sehr früh wahr, so Britt, die selbst unter Long Covid leidet und sich dafür engagiert, dass Betroffene von Ärzten ernst genommen werden.Todesfälle und HirnschädenZu welchen Folgen das Ignorieren von Warnungen führen kann, zeigen die jüngsten europäischen Medizinskandale. Wie etwa der um den Herzchirurgen Francesco Maisano am Universitätsspital Zürich und die grösste Untersuchung zu Behandlungsfehlern in der Geschichte des britischen Gesundheitssystems. Letztere brachte Ende Juni Dutzende Todesfälle von Müttern und Babys sowie Hirnschäden bei Neugeborenen zwischen 2012 und 2025 am Spital Nottingham ans Licht.Der Bericht aus Grossbritannien nennt exakt die Punkte als Grund für die tragischen Ereignisse, die Martha’s Rule verhindern soll: Mütter, die angaben, starke Blutungen zu haben oder zu spüren, dass etwas nicht stimmt, wurden als «hysterisch» oder «überbesorgt» abgewimmelt.Nicht nur die Eltern fanden kein Gehör, sondern auch das Personal. Die klinische Hierarchie und die Angst vor Mobbing durch Vorgesetzte hätten dazu geführt, dass junge Hebammen und Ärzte davon abgehalten worden seien, kritische Fälle rechtzeitig zu melden, heisst es im Bericht. Grossbritannien hat Martha’s Rule deshalb nicht nur auf alle Akutspitäler ausgeweitet, sondern auch auf Geburtskliniken und die Neonatologie.Anders als in Luzern können in Grossbritannien nicht nur Patienten und ihre Angehörigen, sondern auch Angestellte von der Regel Gebrauch machen. Diese Möglichkeit wird regelmässig genutzt, wie Zahlen zeigen. Chantal Britt von der Berner Fachhochschule sieht in Martha’s Rule deshalb auch eine Möglichkeit, Skandale wie den des Herzchirurgen Francesco Maisano zu verhindern. «Angestellte können in kritischen Situationen über einen separaten Kanal intervenieren», sagt Britt.Der im Frühling veröffentlichte Bericht zum Maisano-Skandal zeigt, wie die Klinikkultur Mitarbeiter daran hinderte, Maisano zu widersprechen oder bei Operationen korrigierend einzugreifen.Doch das System aus England ist aufwendig. Während das Zentralschweizer Kinderspital die unabhängige Beurteilung durch eigenes Personal gewährleistet, sind in England separate, eigens dafür gedachte Teams auf Abruf bereit. «Es war immer klar, dass wir mit den bestehenden Ressourcen arbeiten müssen», sagt Martin Stocker vom Luzerner Kinderspital.Und was ist mit den Ärztinnen und Ärzten? Empfinden sie Martha’s Rule als Misstrauensvotum? «Wir wussten nicht, wie sie reagieren würden», sagt Martin Stocker. Doch eine Umfrage beim Personal zeigte laut dem Klinikleiter: Die allermeisten Ärztinnen und Ärzte befürworten das Eltern-Notrecht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel