Dieser Wotan gibt alles. „Leb’ wohl, du kühnes, herrliches Kind! Du meines Herzens heiligster Stolz! Leb’ wohl! Leb’ wohl! Leb’ wohl!“ Bis zum finalen „Feuerzauber“ muss man sich erst mal durchsingen können in dieser Mörderpartie. Nicholas Brownlee trägt im dritten Akt von Wagners „Walküre“ beim Abschied von Brünnhilde nur noch Hemd und Hose, auch den Helm mit den Flügeln hat er abgelegt. Was für eine Leistung in diesem Münchner Backofen-Sommer!Der Amerikaner zählt mit seinen gerade mal 37 Jahren schon zu den großen Wagner-Sängern unserer Zeit. Im ausverkauften Nationaltheater bejubeln sie den erschöpften Bassbariton nach jeder Vorstellung von Tobias Kratzers neuer „Walküre“. Und man kann sich in etwa vorstellen, was auf dem Max-Joseph-Platz los sein wird, wenn Brownlee an diesem Samstag nach mehr als fünf Stunden zum Schlussapplaus vor die Staatsoper treten wird. Was für ein Geschenk zum Jubiläum 30 Jahre „Oper für alle“! Was für ein Geschenk für alle Fans dieses beliebten Gratis-Open-Air-Events, das der einstige Staatsintendant Sir Peter Jonas 1997 erfand!In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die Bayerische Staatsoper gemeinsam mit Sponsor BMW viele Kapitel der Opernliteratur aufgeschlagen. Da war Kulinarisches dabei, wie zum Start 1997 Bizets „Carmen“, dann Verdis „Aida“ und „Rigoletto“, Puccinis „Tosca“ und „Manon Lescaut“, Mozarts „Don Giovanni“. Es gab die großen, schwerblütigen Russen, Mussorgskis „Boris Godunow“ und „Chowanschtschina“ oder Tschaikowskys „Eugen Onegin“. Auch ihnen hat das Münchner Publikum eine Chance gegeben, die Schönheit dieser Musik entdeckt. Es bewunderte die couragierte Leonore, Heldin in Beethovens „Fidelio“, und erschauderte vor Richard Strauss’ „Salome“. Und immer war da Wagner, oft mit Jonas Kaufmann, als Lohengrin, Parsifal, Tristan. Ein „Walküren“-Siegmund fehlt ihm noch.Königssaal als Walhall: Wotan (Nicholas Brownlee) mit den Walküren, die aus den gefallenen Helden eine neue unbesiegbare Armee für ihren Vater aufbauen. Monika RittershausDie „Walküre“ steht nun zum zweiten Mal an bei Oper für alle, damals, 1998, gab’s eine Edelbesetzung mit Waltraud Meier, Gabriele Schnaut und James Morris. Und Plácido Domingo als Siegmund, der laut SZ-Kritiker etwas fremdelte „im germanischen Mythensumpf“.Es ist auch nicht einfach, in Wagners ausuferndem „Ring“-Personal durchzusteigen; wer sich seine seltsamen Stabreim-Monster merken kann, ist sowieso ein Held. „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala!“ singen die Rheintöchter im „Rheingold“. Und in der Walküre dichtet Siegmund: „Winterstürme wichen dem Wonnemond“.Gewalt in der Ehe: (von links) Hunding (Ain Anger) ist misstrauisch. Was verbindet seine Frau Sieglinde (Irene Roberts) mit diesem fremden Besucher? Siegmund (Joachim Bäckström) hat seine Schwester wiedergefunden. Monika RittershausSeit der Uraufführung der „Walküre“ am 26. Juni 1870 im Königlichen Hof- und Nationaltheater zu München haben sich unzählige Sängerinnen und Sänger deutscher und nicht deutscher Muttersprache mit diesen Texten und jenen der anderen Ring-Episoden herumschlagen müssen. Tobias Kratzers Ensemble macht das nun ganz grandios textverständlich: Neben Brownlee singen die aus Finnland stammende Sopranistin Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde), der schwedische Tenor Joachim Bäckström (Siegmund), die amerikanische Mezzosopranistin Irene Roberts (Sieglinde), der Este Ain Anger (Hunding) und die gebürtige Moskauerin Ekaterina Gubanova.Zusammen mit Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski am Pult ist Regisseur Kratzer ganz tief getaucht und diesem Epos auf den Grund gegangen. Schon mit seinem „Rheingold“, dem ersten Teil seines neuen Münchner Rings, hat er es fertiggebracht, Hardcore-Wagnerianer ebenso mitzunehmen wie jene, denen beim Namen Wagner allenfalls der „Walkürenritt“ aus Coppolas Film „Apocalypse Now“ einfällt. Als großer Geschichtenerzähler und Theatermann weiß Kratzer, wie man aus Wagners Werk Oper für alle macht. Mit diesem gewissen Münchner Touch zumal.Walküre-Premiere an der Bayerischen Staatsoper:Hojotohoh! Heiaha! Wagners Girls sind kampfbereitDer Monaco Franze musste einst ihre Namen üben: Helmwige, Gerhilde, Ortlinde, Waltraute, Siegrune, Roßweiße, Grimgerde, Schwertleite. Ein Treffen mit Wagners Walküren in der Bayerischen Staatsoper.Achtung, Spoiler! Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass Kratzer und sein kongeniales Video-Team – Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi – die Walküren auf München loslassen. Weshalb es sich unbedingt lohnt, bis zum dritten Akt durchzuhalten. Überall tauchen Wotans Töchter auf, sie stürmen zum berühmten Orchestervorspiel auf ihren Rössern durchs Siegestor, reiten an entgeisterten Münchnern vorbei durch den Hofgarten, fischen einen ertrunkenen „Krieger“ aus dem Eisbach, klauben einen verunglückten Radler auf, um schließlich über den umgestalteten Max-Joseph-Platz ins Nationaltheater einzuziehen.Dort trifft man die Damen dann wieder im majestätischen Königssaal des Nationaltheaters, wo sie am Klonkrieger-Heer für Wotan basteln. Nicht im echten Prunksaal, sondern in einer bewunderungswürdigen Kopie auf der Bühne. Überhaupt hat Tobias Kratzers Bühnenbildner Rainer Sellmaier wieder viel im Detail gezaubert, weshalb man auch den Besuchern auf dem Platz ein Opernglas dringend empfehlen würde. Stichwort Laserschwert.Laserschwert, Klonkrieger, Zwillinge, die getrennt wurden und sich als Erwachsene wiederfinden und verlieben, ein Vater, der gegen seine Kinder Partei ergreift, die böse Seite der Macht, ein Epos, das sich über Generationen spannt, all die musikalischen Leitmotive. Die Fans von „Star Wars“ werden einiges wiedererkennen und einräumen müssen, dass George Lucas Wagners „Ring der Nibelungen“ nicht ganz unbekannt gewesen sein dürfte. Und Tobias Kratzer wiederum, seit 2025 Intendant der Hamburger Staatsoper, konnte sich in seiner „Walküre“ eine Anspielung auf die Weltraum-Saga auch nicht verkneifen.Brünnhilde (Miina-Liisa Värelä) wird den geflohenen Geschwistern Siegmund (Joachim Bäckström) und Sieglinde (Irene Roberts) beistehen. Monika RittershausFünf Stunden und zehn Minuten, so steht es im Programmheft der Staatsoper, wird die „Walküre“ dauern. Start ist um 17 Uhr, es gibt zwei Pausen. Wenn dann nach 22 Uhr die Sängerinnen und Sänger, noch glühend vor Hitze und Adrenalin, zum Portal des Nationaltheaters sausen, um den Schlussapplaus entgegenzunehmen, werden dort gewiss noch Zigtausende auf sie warten. Ist doch diese „Walküre“ bis zur letzten Sekunde spannend und für eine Überraschung gut. Stichwort Feuerzauber.Ein Opern-Ereignis für alle, auf das übrigens auch das Publikum in Barcelona wartet. Der neue Münchner Ring ist eine Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu. Im Februar 2027 starten sie dort dann mit „Rheingold“, in der Spielzeit 2027/2028 folgt die „Walküre“. Ob Wotans Töchter dann hoch zu Ross über die Ramblas reiten werden, oder Brünnhilde mit ihrem Heli Antoni Gaudís Sagrada Família umkreist?Oper für alle, „Die Walküre“, 4. Juli, 17 Uhr Beginn der Übertragung aus der ausverkauften Bayerischen Staatsoper auf dem Max-Joseph-Platz, mitzuverfolgen auch im Livestream unter www.staatsoper.tv/de
30 Jahre Oper für alle: Die Walküren sind los in München
Wagners „Walküre“ wurde nicht nur in München uraufgeführt, in Tobias Kratzers Neuinszenierung bekommt das Werk auch einen ganz besonderen München-Touch. Ein wahres Geschenk zum Jubiläum 30 Jahre "Oper für alle".






