Und als sie da andächtig auf dem Sarg blickten, die Männer in weiß, darunter der stellvertretende saudische Außenminister, da wurde ein Vers aus dem Koran verlesen. So geschah es für jede Delegation, die pakistanische, die katarische, die chinesische, für die Vertreter der Hamas, der Hisbollah oder der Taliban.Die Saudis hörte den Vers 13 aus Sure 3: „Schon gab es ein Zeichen in zwei Heeren, die aufeinandertreffen: Das eine kämpfte auf Gottes Weg, das andere war ungläubig. Gott stärkt, wen er will.“ Wer nun weiß, dass das iranische Regime Saudi-Arabien während des Krieges immer wieder mit Drohnen und Raketen angriff, schon allein, weil dort US-Soldaten stationiert sind, kann in der Koransure einen Hinweis erkennen: Entfernt euch lieber aus dem Bündnis mit den USA, sonst zahlt ihr den Preis dafür.Neues SelbstbewusstseinDas iranische Regime denkt in solchen Symbolen, es glaubt daran, dass es so seine Macht zeigen kann. Es ist das neue Selbstbewusstsein einer Führung, die sich ihrer Macht viel sicherer ist als noch vor ein paar Monaten. Die glaubt, dass sie den Krieg gegen die Vereinigten Staaten und Israel gewonnen hat. Und dass sie nicht nur das eigene Volk wieder zweifelsohne beherrscht, sondern dass sie auch außenpolitisch wieder stark ist. Das dürfen dann auch gern die Rivalen in Saudi-Arabien wissen.Sicher genug fühlt sich dieses Regime jetzt für die Beerdigung von Ali Chamenei. Der Oberste Führer, seit 1989 im Amt, war am ersten Kriegstag gestorben, bei einem Luftangriff auf seine Residenz in Teheran. Damit fing der Krieg an, und weil Israel in den Wochen danach immer wieder iranische Führungsfiguren gezielt tötete, trauten sich viele lange gar nicht in die Öffentlichkeit. Bis heute hat man Modschtaba Chamenei nicht gesehen, den Nachfolger seines getöteten Vaters. Er soll bei demselben Angriff schwer verletzt worden sein.Vor der Beerdigung nun war die Frage, ob Modschtaba erscheinen würde. Es wäre seine Rolle aus geistliches Oberhaupt, als oberster Imam, als Vorbeter der Nation. Bisher wurde er nicht gesichtet, aber die Trauerfeierlichkeiten für Ali Chamenei haben auch erst angefangen. Bis kommenden Donnerstag sollen sie dauern. Laut New York Times will Chamenei teilnehmen, der Sicherheitsapparat lehnt das aber bisher ab.Übers Wochenende lässt das Regime den Sarg Chameneis in der Mosalla aufbahren, einem monumentalen Gebetshaus im Zentrum der Hauptstadt. Für Montag ist eine Prozess einmal quer durch Teheran geplant. Am Dienstag wird der Leichnam für einen Tag in Ghom sein, einem wichtigen Ort der schiitischen Geistlichkeit.Ali Chamenei und seinem Regime ging es immer auch um die Schiiten im ganzen Nahen OstenAm Mittwoch will ihn das Regime nach Nadschaf und Kerbala fliegen, in den Irak also, es sind Pilgerstädte, in denen sich den Schiiten heilige Schreinen befinden. Ein Zeichen, dass Ali Chamenei eben nicht nur der iranische Staatschef war, sondern dass es ihm und seinem Regime immer um die Schiiten im ganzen Nahen Osten ging. Egal ob im Irak, in Libanon oder Jemen. Als junger Mann hat Chamenei in Nadschaf studiert.Am Donnerstag schließlich, eine Woche nach Beginn der Beerdigung, soll Chamenei beigesetzt werden. In Maschhad, seiner Geburtsstadt im Nordosten des Landes. Vier Monate nach seinem Tod durch Bomben jener Feinde, gegen die er sein Leben lang gekämpft hat.Offiziell heißt es aus Teheran, dass man bis zu 20 Millionen Trauernde erwarte. Die Zahl muss man zwar nicht ernst nehmen, sie gehört zur Propaganda, aber das Regime dürfte alles tun, um der Welt eine Beerdigung von historischem Ausmaß zu zeigen. Der Verstorbene war immerhin kein General oder Politiker wie andere auch, er war das Gesicht dieser Diktatur, er stand für das System.In den vergangenen Jahren war die große Sorge des Regimes immer, was passieren würde, sollte Chamenei sterben: Würde es Chaos geben, würde die Islamische Republik sich in Machtkämpfen verlieren, vielleicht sogar stürzen?In der Führung dürften sie heute erleichtert sein, dass Chamenei, 86 Jahre alt, keines natürlichen Todes starb. Der Krieg erlaubte der Revolutionsgarde, auf die Schnelle eine De-Facto-Militärherrschaft aufzubauen. Im Krieg mussten sie keine neuen Proteste der Menschen fürchten. Und die Garde konnte seinen Sohn als Nachfolger durchsetzen, gegen den es unter den Klerikern durchaus Widerstand gab.Modtschtaba war immer der Kandidat der Revolutionswächter, nun ist er Oberster Führer von ihren Gnaden. Und lässt sie tun, was sie für richtig halten, er hält es ja auch für richtig: dass man keine Schwäche mehr zeigt, weder gegenüber Israel noch gegenüber regionalen Gegnern wie der saudischen Monarchie oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dass man zurückschlägt, wenn die USA angreifen, und nicht mehr zögert wie oft zu Lebzeiten des Vaters.Dritte Phase – die Herrschaft der RevolutionsgardeMänner wie Ahmad Vahidi, der neue Chef der Revolutionsgarde, dürften den Israelis und Amerikanern im Geheimen dankbar sein. Auch wenn sie nun voller Trauer am Sarg stehen, wo eine Ära der Islamischen Republik zu Ende geht. Die ersten zehn Jahre nach der Revolution 1979 regierte Ajatollah Ruhollah Chomeini, der Imam, der aus dem Exil einflog, als die Menschen den Schah gestürzt hatten. Bei seiner Beerdigung im Jahr 1989 kam es zu einem solchen Chaos, dass der Leichnam in die Menge fiel. Einige Trauernde starben.Mit dem Tod von Chamenei nun beginnt eine dritte Phase, die Herrschaft der Revolutionsgarde. Das ist es, was die Beerdigung relevant macht: Das Regime will beweisen, dass eine neue Zeit auf die alte folgt. Von einer Trauerwoche ist die Rede, an die man sich noch in Jahrzehnten erinnern soll. Bis auf den kleinen Schönheitsfehler eventuell, dass der neue Staatschef, Chamenei Junior, nicht dabei war. Die Woche wird es zeigen.Südlich von Teheran, auf dem Hauptfriedhof Behescht-e Zahra, sollen bereits neue Gräber ausgehoben worden sein. Neben den vielen Gräbern, die es dort für in den Kriegen Gefallene gibt. Neben denen von Menschen, die im Frieden starben. Und den Tausenden, die das Regime im Januar auf den Straßen erschießen ließ.Die Bilder der Leichensäcke, die zu Jahresbeginn um die Welt gingen, auch sie kamen aus Behescht-e Zahra. Nicht nur die Angehörigen der Toten werden diese Woche den Trauerzeremonien fern bleiben. Die große Mehrheit der Iranerinnen und Iraner lehnt das Regime ab, sie jubelten, als bekannt wurde, dass Chamenei tot war. Viele von ihnen sind dieser Tage nicht in Teheran, wer kann, hat die Stadt verlassen. Die Stadt, in der sie einen Kleriker betrauern, der noch spät in seinem Leben nichts dagegen hatte, auf die eigenen Bürger schießen zu lassen.Die neuen Gräber nun in Behescht-e Zahra stehen bereit für jene, die an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen und sie nicht überleben. Am Montag, zur großen Prozession, wird in der iranischen Hauptstadt eine gefühlte Temperatur von 40 Grad erwartet. Da könnte Trauern im Freien lebensgefährlich sein.