Flamingos: «Ich nenne sie ‹Candy-Birds›, weil sie aussehen wie Zuckerwatte»Der Flamingo ist das vermutlich erfolgreichste Tiersymbol moderner Popkultur. Aber wieso eigentlich? Gut, sie sind pink. Aber noch nicht einmal diese Farbe haben sie von Natur aus. Annäherung an einen schrägen Vogel.04.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDieser absurde Vogel ist schon von Natur aus eine Übertreibung: rosa Gefieder, S-förmiger Hals, gekrümmter Schnabel, dünne Beine, wobei er oft genug nur auf einem von beiden steht – vermutlich kann er sich selbst nicht ganz entscheiden, ob er mit seinem Aussehen hübsch oder einfach nur lustig sein will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vielleicht ist diese Uneindeutigkeit ein Grund für seine Beliebtheit: Im Marketing macht diesem Vogel niemand Konkurrenz. Weltweit gibt es höchstens fünf Millionen Flamingos, ihre Nachbildungen hingegen gehen schätzungsweise in die hundert Millionen; sie stehen als Dekoaufsteller im Garten, geben Schwimmringen ihre Form, spiessen Früchte in Cocktailgläsern auf. Der Flamingo ist eines der beliebtesten Symbole der Pop-Kultur. Nur: Warum?Ein Seeadler, das liesse sich verstehen. Mit einer Flügelspannweite von etwa zweieinhalb Metern gleitet er über Küstenstreifen, Seenlandschaften und Flussauen. Oder ein Schneeleopard, dieses seltene Tier ist ein raffinierter, ein beeindruckender Jäger.Ja, so aussergewöhnlich muss es gar nicht sein: Elefant, Löwe, Tiger, vielleicht ein Hund – sogar ein Huhn wäre erklärbar, das legt wenigstens Eier. Aber warum denn bitte ein Flamingo?Gut, er ist pink, eine kreischende Auffälligkeit. Aber noch nicht einmal diese Farbe ist seine eigene; von Natur aus wäre er ein ziemlich unauffälliger Vogel, das Gefieder grau bis weiss. Das Pink bekommt er durch seine Nahrung, von Krebsen und Algen nimmt er Carotinoid-Pigmente auf – der Flamingo frisst sich pink.«Flamingo»: ein tragischer WitzNun ist die Kritik am Flamingo nicht neu. 1972 veröffentlichte John Waters «Pink Flamingos», einen Comedy-Film, der in den USA bis heute Legendenstatus besitzt – im Wesentlichen erklärt der Film 93 Minuten lang der weissen Mehrheitsgesellschaft den Krieg: Der Flamingo als Gartenfigur war damals der Inbegriff des Spiessbürgertums, aber auch Symbol für das Versprechen des amerikanischen Traums; wer sich hochgearbeitet hat, wird irgendwann in die Ferne reisen und echte Flamingos sehen. Waters stellte die Flamingos aber vor den ranzigen Wohnwagen einer Protagonistin, die am Ende des Films Hundekot von der Strasse isst.Das Symbol des weissen, bürgerlichen Amerika, hineingezogen in den Dreck. Damals galt «Pink Flamingos» als schockierend, Zeitungen berichteten von einer «erschütternden Gesellschaftskritik». Und heute? Aufblasbare Flamingos werden an Konzerten verteilt, Matratzen und Ringe in Flamingo-Form schwimmen die Limmat hinunter, in Albanien protestieren Tausende in der «Flamingo-Revolution» und sogar die Ukraine benennt eine ihrer Waffen nach dem schrägen Vogel: den Marschflugkörper Flamingo.Dass Flamingo und Krieg nun wieder zusammenfinden, lässt sich auch als historische Klammer lesen. Der Erfolg des Vogels beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg.Der Krieg nährt die Sehnsucht nach ExotikDas US-Militär mobilisierte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 16 Millionen Soldaten, mehr als vierhunderttausend verloren ihr Leben. Und wenn der neue Alltag durch so ein kollektives Trauma verstörend wird und grau, wer sehnt sich dann nicht nach ein bisschen Fernweh, nach ein bisschen Fremde und Farbe?Vielleicht hat so eine Überlegung auch Las Vegas dazu veranlasst, den Flamingo zu adoptieren: Das Flamingo-Hotel dort ist berühmt für sein Kasino, es öffnete 1946, ein Jahr nach dem Ende des grossen Kriegs.Weil aber das Geld der vielen nicht für Las Vegas reicht und auch nicht für eine Flucht in ein fernes Land, kam Don Featherstone auf eine Idee: Der Durchschnittsbürger verdiene doch wenigstens ein bisschen Pink im grünen Vorstadtgras.Don Featherstone entwarf die ersten Plastikflamingos 1957 im Auftrag von Union Products – er schuf das Design anhand von Fotografien aus Magazinen wie «Time» oder «National Geographic». Der Flamingo kam nicht allein, er wurde innerhalb der Produktreihe «Plastics for the Lawn» vertrieben, Plastikfiguren für den Vorgarten gab es auch als Frösche, Hunde oder Enten – aber keine Figur war auch nur ansatzweise so erfolgreich wie das pinkfarbene Federvieh.Das Smithsonian Museum schreibt, dass der Flamingo nach den Erfahrungen des Krieges zur Projektion von Luxus und Sehnsucht geworden sei, dabei aber nur ein paar Dollar gekostet habe; eine «erschwingliche Exotik» für jeden Vorgarten.Der Flamingo ist zugleich Kult und Anti-KultDer Flamingo nistet bis heute irgendwo zwischen der Luxusästhetik von Vegas-Glamour und der Rebellion gegen die bürgerliche Vorstadtwelt mit ihren gepflegten Gärten.Diese übertriebene Farbe, diese seltsame S-Form des Halses, diese radikale Übertreibung, die kreischt: «Hey, schau her, ich bin etwas Besonderes!» Wer heutzutage Flamingo-Figuren feiert, kann sich wohl denken, dass so viel grelles Werben um Aufmerksamkeit allzu leicht abgetan werden kann als schlechter Geschmack – diese Leute sagen aber eben auch: Genau das ist doch das Geile! Hässlich, aber geil – in Seminaren an Kunsthochschulen und anderen Universitäten wird gelehrt, dass wenig so viel Sog aufbaut wie «die Ästhetik des Hässlichen».Der deutsche Essayist Benedikt Herber hat einmal geschrieben: «Wer Schönheit sucht, ist aufrichtig» – in diesem Sinne wäre der Flamingo nicht nur ein schräger, sondern auch ein verdammt falscher Vogel. Und damit in Zeiten von KI einerseits voll im Trend, andererseits in einer Zeit, in der jeder Marketingprofi nach «Authentizität» schreit, aber auch ein Rebell. Wieder ist der Flamingo beides zugleich: kultureller Trend und Gegenrevolution.Auch echte Flamingos haben eine FangemeindeDie Verführungskraft des Flamingos allein anhand seiner Abbilder zu erklären, würde dem Vogel nicht gerecht. Es käme ja auch niemand auf die Idee, den Erfolg grosser Musiker und Bands wie Pink Floyd, Elvis oder den Beatles erklären zu wollen, indem er ausschliesslich Auftritte von Coverbands besucht.Es braucht echte Flamingos. Also einen Besuch im örtlichen Zoo.Im Zoo Zürich stehen 62 Flamingos nahe am oder direkt im flachen Wasser, sie tun meist gar nicht so viel, sie putzen sich vor allem – das Gefieder fetten, wieder Wasser aufnehmen, wieder fetten. Manche sind noch jung, andere schon so alt, dass sie schon da waren, als Maureen Hofer als kleines Mädchen in den Zoo kam, um die Vögel zu besuchen. Heute arbeitet sie als Flamingo-Pflegerin. Sie verbringt manche Mittagspause am Gehege und schaut den Vögeln zu, und wer hört, wie sie über ihre Schützlinge spricht, der versteht wohl auch, wieso – die warme Begeisterung des Mädchens ist der Frau geblieben: «Hey, das sind pinke Vögel! Ich nenne sie manchmal ‹Candy-Birds›, weil sie einfach aussehen wie Zuckerwatte.»Die Flamingos, sagt Maureen Hofer, hätten viele Anhänger. Neulich habe sie eine Zeichnung von einem Kind gefunden, das Blatt Papier hatte es in einen Busch geweht. Auf die eine Seite war ein Flamingo gezeichnet, auf die Rückseite waren ein paar Zeilen geschrieben: «Liebe Flamingos, ihr seid meine Lieblingstiere. Ich heisse Helena.» Das Bild hängt nun an der Wand im Flamingostall.Die dunkle Seite der FlamingosViele Tiere sehen süss aus, haben dann aber dunkle Seiten: Pinguine sind Diebe, die sich gegenseitig Material zum Nestbau stehlen, Delfine vergewaltigen andere Delfine, Seeotter vergehen sich an Babyrobben, und wenn eine Quokka-Mama einem Raubtier begegnet, holt sie ihr Neugeborenes aus dem Beutel und wirft es ihm hin, um selbst zu fliehen.Was also ist die dunkle Seite der Flamingos?Maureen Hofer überlegt eine Minute, eine weitere, dann eine dritte. Sie schüttelt den Kopf. «Mir fällt wirklich nichts Böses ein. Sie sind friedlich gegenüber anderen Tieren und verhalten sich auch untereinander anständig. Einfach coole Tiere.»Etwas Grausames gibt es dann doch, aber das kommt weniger von den Vögeln als von der Welt, in der sie leben: Flamingos wandern durch Salzseen. Da kann es sein, dass sich eine Salzkruste an den Beinen der Küken festsetzt. Irgendwann wird das Gewicht zu schwer, und das Küken kann kaum noch gehen. Regen würde die Beine freispülen, aber warten gefährdet die Kolonie – also bleiben diese Küken alleine zurück.Flamingos sind Koloniebrüter, das heisst: Die Gruppe ist wichtiger als ein einzelnes Tier. Kranke Vögel sondern sich von selbst ab; auch wer an Altersschwäche stirbt, sucht sich einen Platz, entfernt von der Gruppe.Flamingos sind TräumerFlamingos sind so gut, dass sie noch nicht einmal so etwas wie Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus kennen, keine Konkurrenz um Herrschaft, Führung oder Territorium – alle sind gleich. Sogar Sex haben die Tiere irgendwie demokratisch: Die Mehrheit der Kolonie muss in Brutstimmung sein, erst dann verbreitet sich die Lust. Zudem sind sie Integrationsmeister: Der Zoo Zürich könnte sofort zwanzig neue Tiere in die Gruppe stecken, sie wären sofort aufgenommen. Wobei, ein bisschen Eigennutz ist da schon: je mehr Auswahl, desto bessere Chancen für den einzelnen Vogel, falls ein Raubtier kommt.Das ist es dann aber auch in Sachen dunkler Seite. Zwar passiert es dann und wann, dass ein Flamingo einem anderen verbaute Erde oder Sand aus dem Bruthügel abträgt, aber – anders als bei Pinguinen – ist das niemals Absicht, viel eher sind sie liebevolle Tollpatsche. «Sie sind eher Träumer», sagt Maureen Hofer, «irgendwo in ihrer ganz eigenen Welt.» Zur Strafe gebe es mal eins mit dem Schnabel gegen den Kopf: «Hey, das gehört schon wem!» Der Beinahe-Dieb streitet nicht, er trottet los und holt sich eigenen Lehm und eigene Erde.Eitelkeit? Nein, Überlebenskunst!Koloniebrüter, Gemeinschaft, gut und schön. Aber sind es nicht doch ganz schön eitle Vögel? Zumindest im Zoo Zürich stehen sie sehr oft herum und putzen ihr Gefieder. «Eitel?», fragt Maureen Hofer. «Da projizieren Menschen ihre eigenen Eigenschaften auf das Tier.» Das Gefieder zu waschen und zu fetten, sei überlebenswichtig: «Wenn es regnet und du nicht eingefettet bist, wird das für dich als Vogel schnell lebensgefährlich.» Auch ihr einbeiniger Stand hat biologische Gründe – im kalten Wasser minimieren sie so die Menge an Wärme, die ihren Körper verlässt.Maureen Hofer findet, es gebe zwei Flamingos. Da seien jene der siebziger und achtziger Jahre, der Kitsch und Gegenkitsch der Partymeilen, die Plastikfiguren am Cocktailglas und zum Baden – «diese Billig-Plastikflamingos, das finde ich nicht so schön».Aber die echten Flamingos, das sei doch eine «High-End-Kunst der Natur». Allein der Schnabel: Als Küken ist er noch spitz, das Jungtier ist auf Kropfmilch von den Eltern angewiesen. Je älter der Vogel wird, desto mehr verändert er sich, bis es zur typischen Krümmung kommt. Damit kann das Tier dann – wie mit einem Sieb – die kleinen Krebse und Algen aus dem Wasser filtern; das Gefieder werde pink!Warum also ausgerechnet der Flamingo? Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Vielleicht muss es eher heissen: Warum denn nicht? Er ist ein friedsames Tier, freundlich, solange man kein Krebs ist und keine Alge. Ob schön oder schräg, er kann wohl mit beiden Zuschreibungen leben, mit denen Menschen ihn so gerne versehen.Passend zum Artikel