In der 119. Minute wusste jeder, in wessen Hände das Weiterkommen der australischen Nationalelf gelegt wurde. In jener 119. Minute, kurz vor Ablauf der Verlängerung, verließ Torwart Patrick Beach den Platz – und wurde ersetzt von einem ebenfalls ganz in Lila gekleideten Mann, der nun aber keine grauen, sondern pinkfarbene Handschuhe trug. Sein Name: Mathew Ryan. Sein Auftrag: Halten, was zu halten ist. Egal, ob mit der Hand, mit der Brust, ob mit dem Knie oder mit der Nase.Ryan kam also, um den Australiern das Weiterkommen zu sichern, nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit, im Elfmeterschießen gegen die stark eingeschätzten Ägypter. Doch jener Ryan, zuletzt angestellt bei UD Levante in Spanien und seit einigen Tagen vereinslos, schaffte es nicht, genügend seiner Körperteile zwischen Ball und Torlinie zu werfen. Parieren konnte er keinen der gegnerischen Schüsse. Und weil die Australier Harry Souttar und Lucas Herrington ihre Versuche vergaben, die vier Ägypter, die antraten, aber allesamt trafen, war ihr sportliches Schicksal besiegelt: Die Elf von Coach Tony Popovic ist raus, Australiens Nationalteam wartet somit weiterhin auf seinen ersten Triumph bei einem K.-o.-Spiel einer WM.Dabei wäre mit etwas Glück mehr für die Socceroos drin gewesen, mit etwas Glück und mehr Präzision im Abschluss. Ägypten, als Favorit in dieses Duell gegangen, tat sich schwer mit all der Körperlichkeit, die der Gegner in seine Nahduelle warf. Ein Gegner, der trotz fußballerischer Limitierungen, einige Male gefährlich zum gegnerischen Tor vorstieß. Die Australier traten couragiert auf. Mutig. Und scheiterten, als sich alles auf Nervenstärke verdichtete: auf ein paar Schüsse aus elf Metern Distanz.Die Ägypter hatten sich im Vorfeld viel mit dem Oberschenkel der Nation beschäftigt: Mohamed Salah, der beste Fußballer in der Geschichte des Landes, in der Heimat eine überlebensgroße Figur, war angeschlagen gewesen. Tagelang wurde gebangt, ob er es rechtzeitig schaffen würde. Nun, er schaffte es: Salah stand in der Startelf, gemeinsam mit Angreiferkollege Omar Marmoush, dem anderen Edelkicker der Ägypter. Beide jedoch brachten wenig Produktives zustande. Marmoush tauchte in der zweiten Hälfte freistehend im gegnerischen Strafraum auf, sein Flachschuss ging knapp vorbei. Und Salah? Schlich lange etwas uninspiriert über den Rasen, schlug Flanken ins Nirgendwo, stand im Abseits, schoss nur ein Mal gefährlich aufs Tor. Erstaunlicherweise wirkte der 34-Jährige gegen Ende der Partie gelöster, agiler, wacher. Als habe er sich die Kräfte minutiös eingeteilt. Beim Elfmeterschießen traf er mit einem lässigen Lupfer. Und doch bleibt Salah, wenigstens vorerst, bei seinen 69 Treffern im Nationalteam – einer weniger, als der aktuelle Schützenkönig vorzuweisen hat, Ägyptens Trainer Hossam Hassan.Salah, Marmoush, solche Namen konnten die Australier freilich nicht vorweisen, aber immerhin zwei aus Deutschland bekannte Gesichter: Connor Metcalfe und Jackson Irvine vom FC St. Pauli, beide durften beginnen. Und sie machten wie der Rest des Teams, einen anständigen Job. Die Australier hatten die erste Chance des Spiels, ein Distanzschuss von Cristian Volpato knallte an die Oberkante der Latte. Sie waren gut drin. Doch kurz darauf galt selbiges für den Ball im eigenen Tor: Karim Hafez löffelte den Ball in den Strafraum, Emam Ashour köpfelte, 1:0 Ägypten (13.).Den Ägyptern fehlt die Fantasie, um den Abwehrriegel Australiens zu knackenFortan waren beide Teams vor allem damit beschäftigt, einander zu neutralisieren, ein Ansinnen, das ihnen auf jeweils vortreffliche Weise gelang. Dem Unterhaltungswert war das jedoch nur bedingt zuträglich. Den Ägyptern fehlte die Fantasie, um den Abwehrriegel zu knacken. Die Australier versuchten viel, ihnen gebrach es an der Zuspitzung im Angriff. Und so war es dann auch kein Australier, sondern der Ägypter Mohamed Hany, der eine Flanke zum 1:1-Ausgleich ins eigene Tor verlängerte (55.) – für Hany übrigens bereits das zweite Eigentor bei dieser WM.Die Partie kippte daraufhin mal in die eine, mal in die andere Richtung, allerdings stets in überschaubarem Tempo. Gegen Ende der regulären Spielzeit gerieten die Australier noch einmal in die Bredouille; Ägypten hatte noch mal gute Gelegenheiten, ein Schuss wurde geblockt, ein anderer von Torwart Beach stark pariert. Es folgte eine ereignisarme Verlängerung, beide Teams wollten nichts mehr riskieren. Es passierte nicht mehr viel.Jedenfalls bis Beach für Kollege Ryan ausgewechselt wurde. Bis das Weiterkommen Australiens in dessen Händen lag. Und bis der Überraschungsplan von Coach Popovic mit dem Vermerk „gescheitert“ abgeheftet werden musste.