Der Iran-Krieg hatte die verhaltene Erholung der deutschen Wirtschaft Anfang des Jahres wieder zunichtegemacht – Energiepreise rauf, Wachstumsprognosen runter. „Das ist nicht wirklich mit der positiven Brille zu sehen, muss man sagen“, sagte Christian Scharpf (SPD), Münchens Referent für Arbeit und Wirtschaft, am Freitag bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts 2026. Doch dann kam er zum eigentlichen Thema seines Vortrags: München. Und da klang Scharpf merklich zufriedener.Die Landeshauptstadt hat Berlin im vergangenen Jahr als Gründungsmetropole abgelöst. 19,3 Neugründungen je 100 000 Einwohner zählte München – mehr als Berlin (16,8) und Düsseldorf (15,4). Auch beim Risikokapital zog München an der Bundeshauptstadt vorbei: 2,7 Milliarden Euro flossen in Münchner Start-ups, in Berlin waren es 2,4 Milliarden. Zum Ökosystem gehören inzwischen acht Einhörner – Unternehmen mit einer Börsenbewertung von mindestens einer Milliarde Dollar – und zwei sogenannte Decacorns, also Firmen jenseits der Zehn-Milliarden-Marke: das Rüstungsunternehmen Helsing und das Softwareunternehmen Celonis. „Das freut mich ganz besonders“, sagte Scharpf, „weil man immer sagt, unsere Zeit sei zu verzagt und die Leute hätten keinen Biss mehr. Die Zahlen zeigen etwas anderes.“Der Münchner Arbeitsmarkt erreichte 2025 einen historischen Höchststand: 976 230 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, ein Plus von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Bayern und Deutschland legten jeweils nur um 0,1 Prozent zu. Besonders erfreulich fand Scharpf den Zuwachs im produzierenden Gewerbe von 1,8 Prozent, ein Befund, den er als „zartes Pflänzchen“ bezeichnete. „Ich freue mich, dass wir eine Hightech-Metropole geworden sind. Aber wir wollen unsere Mischung erhalten.“ Und dazu gehören auch produzierende Unternehmen wie BMW, MAN, Infineon, Siemens Mobility oder Knorr-Bremse.43,1 Prozent aller Beschäftigten in München haben einen Hochschulabschluss. Die hohe Akademikerquote hat allerdings ihren Preis: Der Anteil der Hochqualifizierten unter den Arbeitslosen stieg von 19 auf 27,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote insgesamt kletterte von 4,5 auf fünf Prozent; 56 454 Menschen sind derzeit ohne Arbeit, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Scharpf ordnete das schnell ein. Im Städtevergleich stehe München glänzend da: Berlin kommt auf 10,3 Prozent, Köln auf 9,1, Hamburg auf 8,3. Sorgen macht ihm vor allem eine Gruppe: Über 55-Jährige stellen inzwischen fast jeden vierten Arbeitslosen in München. Besonders betroffen: Frauen.Das Manager Magazin schrieb zum Jahresauftakt vom „München Code“ – jenem schwer kopierbaren Mix aus Konzernen, Forschung, Gründergeist und Lebensqualität, der die Stadt seit Jahrzehnten auszeichnet. Scharpf übernahm den Begriff gern und verwies auf die Stärke der Stadt: München erwirtschaftet 19 Prozent des bayerischen Bruttoinlandsprodukts, obwohl nur 11,4 Prozent der Bayern hier leben. Die Arbeitsproduktivität – 122 227 Euro je Erwerbstätigen – liegt weit vor Berlin und Hamburg.Das Leibniz-Rechenzentrum in Garching. Robert Haas„Der München Code ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger, kluger Stadtentwicklung“, sagte Scharpf. Sieben Dax-Konzerne, die führende deutsche Start-up-Szene, eine Kreativwirtschaft, die mit 28,6 Milliarden Euro Umsatz (Stadt und Landkreis) sowohl Hamburg als auch Berlin übertrifft – das alles sei kein Selbstläufer, sondern Ergebnis von Vielfalt. „Unsere Stärke liegt in der Mischung“, so der Wirtschaftsreferent. Dazu gehören auch die vielen Tech-Konzerne, die sich in München angesiedelt haben, und eine wachsende digitale Infrastruktur: Im Februar nahm das Leibniz-Rechenzentrum den ersten europäischen Quantencomputer in Betrieb, im Tucherpark entsteht mit der Industrial AI Cloud eine der größten KI-Fabriken Europas.Die Gewerbesteuereinnahmen kletterten 2025 auf einen Rekordwert von 3,63 Milliarden Euro. Stärkste Zahler sind Banken und Versicherungen mit gut einer Milliarde Euro, gefolgt vom Dienstleistungssektor (533 Millionen) und dem Groß- und Einzelhandel (353 Millionen). Die IT-Branche brachte 262 Millionen. Auf den oft geäußerten Einwand, Google und Apple zahlten in München keine Steuern, entgegnete Scharpf leicht gereizt: „Die zahlen schon Steuern.“ Das produzierende Gewerbe kam auf 331 Millionen – im Vorjahr waren es allerdings noch 503 Millionen Euro, ein Rückgang, den Scharpf selbst als „bemerkenswert“ bezeichnete.Er schloss seinen Vortrag mit einer Mahnung an sich selbst und die Stadt. München sei resilient, das „wirtschaftliche Kraftzentrum Deutschlands“, wie das Ifo-Institut titelte. Aber: „Wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.“ Bezahlbarer Wohnraum, ÖPNV-Ausbau, Entbürokratisierung – das seien die Hausaufgaben, die München selbst erledigen müsse.
Jahreswirtschaftsbericht 2026: Das Geheimnis der Münchner Wirtschaftskraft
Neue Rekorde bei Start-ups, Risikokapital, Gewerbesteuer und Beschäftigten: Dahinter steckt ein Mix, den es so nur in München gibt.






