Radprofis sind Versteckspieler. In Barcelona, wo am Donnerstag vor dem Start der Tour de France ein großes Treiben herrscht, gibt es kaum einen Fahrer, der ohne eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern unterwegs ist. Die Augen, heißt es, sind ein Spiegel der Seele. In sie soll niemand schauen, wenn es beim größten und bedeutendsten Radrennen der Welt in den nächsten drei Wochen darum geht, das diesem Sport immanente Leiden zu verbergen, um Stärke zu demonstrieren. Doch in diesem Jahr haben die Versteckspielchen schon lange vor der 113. Austragung der Frankreich-Rundfahrt begonnen.Die Favoriten sind sich in der Vorbereitung komplett aus dem Weg gegangen. Tadej Pogačar fuhr bei der Tour de Suisse. Sein Rivale Jonas Vingegaard beim Giro d’Italia. Der Deutsche Florian Lipowitz, Dritter des Vorjahres, trat in Slowenien an, das französische Ausnahmetalent Paul Seixas bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes. Und Remco Evenepoel, der auch schon mal auf dem Podium stand, fuhr überhaupt kein Vorbereitungsrennen. Eins, zwei, drei, vier, fünf – Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein.Dadurch müsste dem Rennen eine seltene Unberechenbarkeit zuteilwerden. Quervergleiche sind im Radsport selten aussagekräftig. Doch zwei Tage vor dem Start ist nicht nur das Stimmungsbild recht deutlich: Tadej Pogačar ist der, dem die Menge in Barcelona mit Sprechchören am lautesten zujubelt. Und Pogačar ist für die meisten auch der unter den Versteckspielern, der unantastbar scheint, weil er oben in der Baumkrone sitzt, wo die anderen nie hinkommen werden. Niemand kann so gut klettern wie er.„Als würde ich in einen Boxring steigen“Bei der Tour de Suisse wurde das wieder deutlich: Dort wirkte es manchmal so, als wäre Pogačar gar nicht in einem Rennen. Die Kameras fingen ihn ein, als er bei einem 70-Kilometer-Solo allein ganz vorn fuhr und dabei die Muße besaß, sich die Landschaft anzuschauen. Auf einer Etappe half der Kapitän dann auch noch seinem Helfer.Und am Ende gewann er nach fünf Renntagen mit einem Vorsprung von 6:32 Minuten – so einen großen Abstand hatte es seit 1959 in der Schweiz nicht mehr gegeben, was für sich genommen schon recht eindrucksvoll ist, aber noch imposanter wirkt, wenn man einen anderen Zeitabstand als Referenz nimmt: Vingegaard kam im dreiwöchigen Giro d’Italia auf einen Vorsprung von 5:22 Minuten.Wie sich diese Übermacht für andere Fahrer anfühlt, fasste jüngst Sam Oomen in Worte. Er wähnte sich in guter Form vor seiner Reise in die Schweiz. „Dann habe ich an der Tour de Suisse teilgenommen, und es hat sich angefühlt, als würde ich in einen Boxring steigen“, sagte der Niederländer in einem Podcast: „Ich habe einfach immer wieder Schläge eingesteckt.“ Nach Pogačars Solo auf der ersten Etappe hätten viele Fahrer zueinander gesagt, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten.Drei-Klassen-GesellschaftKoen Bouwman vom Team Jayco A’lula ging noch einen Schritt weiter mit seinem Vergleich: Der Abstand zwischen wirklich guten Amateuren zu ihm sei genauso groß wie der von ihm zu Pogačar. Das Peloton gleicht in diesem Bild einer Drei-Klassen-Gesellschaft. Erst kommt der große Dominator. Dann die anderen weltbesten Rundfahrer. Und schließlich der Rest.„Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, hätte ich vermutet, dass wir ein Plateau erreicht hätten“, sagte Pogačars Performance Coach Jeroen Swart jüngst im Interview mit dem Portal „cyclingnews“: „Zu unserer Überraschung hat er sich jedoch weiter verbessert.“ Feinjustierungen im Training hätten das Swart zufolge ermöglicht. Pogačar berichtete jüngst von einem neuen Rekord, den er an einem Anstieg im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada gefahren ist. Der Mann in der Baumkrone ist im Alter von 27 Jahren noch ein Stück höher geklettert.Doch verloren ist das Rennen für die Konkurrenz noch nicht, weil es zumindest auch ein paar Anhaltspunkte gibt, die ihr vor dem Start ein wenig Hoffnung machen können. Auch Pogačar hatte einst mal Schwächen. Lange Anstiege im Hochgebirge zählten dazu. Daran hat er gearbeitet. Das war in der Vergangenheit kein Problem mehr. Schwerer einzuschätzen ist, wie sein Körper auf die drohende Hitze reagiert, die ihm schon das eine oder andere Mal zu schaffen machte. Bei den vergangenen beiden Austragungen der Tour war es nie über einen langen Zeitraum wirklich richtig heiß.Auch Pogačar ist nicht gefeit vor StrapazenHinzu kommt, dass auch Pogačar nicht gefeit ist vor den Strapazen und Gefahren dieses Rennens. Im vergangenen Jahr stürzte er, hatte zum Ende mit Knieschmerzen zu kämpfen und wirkte in der Schlusswoche wie jemand, der die Lust an allem verloren hat, was bei der Tour auf einen einprasselt. „Wenn alles normal läuft aus seiner Sicht, wird es verdammt schwer, ihn überhaupt herauszufordern“, sagt Red-Bull-Teamchef Ralph Denk. Doch die Tour, heißt es immer, ist kein normales Radrennen.Hoffnung wird die Konkurrenz auch aus dem eigenen Vermögen ziehen. Vingegaard berichtet davon, „besser und stärker“ als je zuvor zu sein. Die Doppelspitze von Red Bull mit Evenepoel und Lipowitz eröffnet unter Umständen neue Möglichkeiten. Und dann ist da mit Seixas noch ein neuer Fahrer, der einiges durcheinanderwirbeln könnte. Der Franzose sprach zum Auftakt zwar davon, vor allem Erfahrung sammeln zu wollen, gilt aber als jemand, der früher oder später die Tour gewinnen kann.Pogačar selbst gibt vor, gewarnt zu sein. Bei der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Start sitzt er in der Recinte Modernista de Sant Pau, einem früheren Krankenhaus im Jugendstil mit Malereien an Decken und Wänden. Seine verspiegelte Sonnenbrille hat er nach oben gesteckt. Diesmal kann man ihm in die Augen sehen, was gut für ihn ist, weil sein Blick Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.Als ihm der erste Reporter eine Frage zu Vingegaard stellt, bedankt sich Pogačar erst mal fürs Kommen. Dann erklärt er, dass der Däne nicht der Einzige sei, der ihm nahekommen könne: „Ich denke, es gibt ein paar Fahrer, die um den Sieg kämpfen können“, sagt Pogačar und nickt kurz zu seinem Teamkollegen Isaac del Toro, der ebenfalls ein großes Talent ist und neben ihm auf dem Pressepodium sitzt: „Auch er.“Del Toro zieht kurz die Augenbrauen nach oben, wirkt überrascht von der Aussage seines Chefs. Dann fährt Pogačar fort, streut hin und wieder ein Witzchen ein, lacht später auch viel bei der Fahrerpräsentation. Alles wie immer. Vor seinem Kopfsteinpflasterritt bei Paris—Roubaix sprach er im Frühjahr davon, nervös zu sein. Beim bedeutendsten Radrennen der Welt bringt ihn nichts aus der Ruhe.