Hamburg ist groß, zumindest so groß, dass es zur zweitgrößten Stadt Deutschlands reicht. Hamburg sieht sich zudem als Weltstadt, vor allem wegen des Hafens, der Stadtbewohnern weiterhin als „Tor zur Welt“ gilt und eine Menge Wirtschaftskraft bereitstellt. Mit Blick auf die globale Dimension des Fußballsports ist Hamburg allerdings Provinz, bestenfalls ein Randbezirk. Eine Fußballmannschaft auf Weltniveau wird dort jedenfalls schon länger nicht mehr beherbergt. Und deshalb ist vom Hamburger Hafen nur eine überschaubare Anzahl an Spielern zur Weltmeisterschaft in Nordamerika aufgebrochen.Immerhin einer erwies sich als echter Pionier: Connor Metcalfe, 26, hat jüngst das erste WM-Tor des FC St. Pauli geschossen. Das ist natürlich nur halb richtig, ausweislich der Bilder trug er dabei ein gelbes Shirt und eine grüne Hose, das traditionelle Outfit des Nationalteams von Australien. Zudem zeigte die Videotafel im Stadion von Vancouver eindeutig ein 2:0 gegen die Türkei an, als sich eine Busladung an australischen Fußballern an der Eckfahne stapelte, zum Jubel über ihren Triumph im ersten Gruppenspiel.Abstieg des FC St. Pauli:Hand in Hand ins UnterhausAuf dem Kiez haben sie lang zueinander gehalten. Zu lang? Nun endet eine Saison im Abstieg, in der es auf „sehr vielen Ebenen“ nicht gereicht hat für den FC St. Pauli. Die Zukunft von Trainer Blessin ist offen.Und doch berichteten alle in Hamburg angeschlossene Medienhäuser, es sei endlich vollbracht, endlich habe ein St. Paulianer bei einer WM ins Tor getroffen. Und zwar diesmal ins richtige Tor. Zuvor hatte der Kiezklub lediglich den Schützen eines Eigentors in die große, weite Fußballwelt entsandt: Aziz Bouhaddouz, 2018 beim 0:1 seiner Marokkaner gegen Iran. Connor Metcalfe dürfte nun eine Sonderseite in St. Paulis Klubchronik bekommen.Und wer weiß, vielleicht gelingt den Australiern an diesem Freitag (Anpfiff 20 Uhr) im Sechzehntelfinale gegen Ägypten etwas wahrhaft Historisches: Zum dritten Mal haben die Socceroos eine WM-Vorrunde überstanden, ein K.-o.-Spiel haben sie bislang aber noch nie für sich entschieden. Weitere Eigentore von St. Paulianern, das steht fest, sollten dringend vermieden werden, wenn es mit dem Vorrücken in die nächste Runde klappen soll. Und aus Hamburger Sicht soll es das natürlich, zumal neben Metcalfe noch eine echte Kiezgröße im australischen Kader steht: St. Paulis Kapitän Jackson Irvine, 33, ein bekanntes Gesicht der Bundesliga.Bekannter zumindest als das von Mittelfeldkollege Metcalfe. Wobei interessant zu wissen wäre, wie die Sache in einer Fußgängerzone in Melbourne oder Sydney ausgehen würde: Metcalfe zählt bei Australiens Coach Tony Popovic zu den Führungskräften, er war nur einmal eine Halbzeit lang draußen und schoss, siehe oben, bereits ein wichtiges Tor. Irvine dagegen durfte erst einmal von Beginn an mitmachen, beim 0:0 im letzten Gruppenspiel gegen Paraguay, als es galt, sich mit einem Remis in die K.-o.-Runde zu mauern. Beiden Teams reichte dieses 0:0, und das sah man auch. Wobei: Paraguay? War da was?Im Klub ist es umgekehrt, da ist Irvine deutlich öfter in der Startelf anzutreffen als Metcalfe. Dass die gewohnte Hierarchie in Übersee nicht gilt, hängt auch damit zusammen, dass Coach Popovic sein Mittelfeldzentrum so giftig wie möglich halten möchte. Irvine kann lange Wege zurücklegen, allerdings in eher überschaubarem Tempo. Metcalfe dagegen ist als unermüdlicher Ballschlepper etwas dynamischer unterwegs, zumal er eine offensivere Rolle bekleidet: Die Australier spielen eine Art Laubbaum-System, mit drei Verteidigern, sechs Mittelfeldmännern und nur einem echten Stürmer. Im Spiel gegen Paraguay war Irvine einer von zwei Sechsern. Metcalfe dagegen spielt leicht nach vorn versetzt, aber eben nur leicht: Die Australier wissen, dass Außenseiter bei einer WM in der Regel nicht weit kommen, wenn sie auf flotten Kombinationsfußball setzen.Metcalfe und Irvine verstehen sich gut – in der nächsten Saison könnten sich ihre Wege aber trennenUnnachgiebige Defensivarbeit ist für Coach Popovic offenbar auch eine Altersfrage. „Der Trainer hat eher auf jüngere Spieler gesetzt“, sagte Irvine jüngst, aber sei’s drum, für ihn sei das okay: Hauptsache, der Plan gehe auf. Popovic stellte Irvines „Erfahrung“ heraus, fügte aber sogleich an, sein Team habe „ein bisschen mehr als das“ gebraucht. Der australische Coach ist bekannt für rustikale Ehrlichkeit. Doch Irvine ist ohnehin keiner, der die Kabine mit persönlichen Befindlichkeiten belastet. Zumal es zwischen ihm und Metcalfe ohnehin keinen Futterneid gibt. Beide unternehmen in Hamburg viel zusammen, was sicher Spaß macht, da „Connor einer der Komiker in der Gruppe“ sei. So hat es Irvine dem TV-Sender Sky aus dem australischen Camp berichtet.Sie sollten ihre gemeinsame Zeit bei der WM also noch möglichst genießen: Wegen St. Paulis Abstieg in die zweite Liga gilt Metcalfes Zukunft als unsicher. Irvine dagegen hat angekündigt, bleiben zu wollen. Er ist im gleichnamigen Hamburger Stadtteil heimisch geworden. Das „Tor zur Welt“ ist von dort nur zehn Gehminuten entfernt.