Als der furchtlose Jonathan Tah dem Fußballvolk in der Nacht zum Dienstag mit seinem Elfmeterschuss in die Wolken einen Schock zufügte, war der Dax zuvor am Montag mit 24.600 Punkten quasi schlafen gegangen. Anleger, die sich vom Ausscheiden der deutschen Mannschaft bis heute nicht erholt haben, verpassten seither an der Börse einiges. Halbleiteraktien in den USA und Korea schwanken gewaltig, und auch der Dax liegt keineswegs im Sommer-Koma. In der zweiten Wochenhälfte überwand der wichtigste deutsche Aktienindex fast spielend die Hürde von 25.000 Punkten und stellte einen Rekord auf – was fast allein an einer Aktie lag: Higher mit Bayer!Ja, auch die Ölpreise sind gesunken, was die Inflationsgefahren eindämmt und schnelle Zinserhöhungen eher unwahrscheinlich macht. Aber es ist eben weniger das Makro-Umfeld als ein möglicherweise dauerhafter Favoritenwechsel unter den deutschen Aktien – weg von den Technologiewerten hin zu neuen Zugpferden wie Bayer –, die den neuen Dax-Rekord von mehr als 25.600 Punkten am Donnerstag und dann mehr als 25.700 Punkten am Freitag möglich gemacht haben. Und bei Bayer ist es weniger die gute Weltkonjunktur, die den Aktienkurs zieht, sondern der Wegfall von Risiken in den USA, die den Kurs lange belastet haben.Bayer dämmt Rechtsrisiken rund um Glyphosat einDer tief gefallene frühere deutsche Börsenprimus aus Leverkusen, dessen Vereinstrikot Fußballer Tah bis vor einem Jahr trug, agiert – anders als die Nationalmannschaft – seit Kurzem geschäftlich in den USA recht erfolgreich. Zur Beilegung der Rechtsstreitigkeiten rund um die möglichen Krebsrisiken des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup schloss Bayer im Februar zunächst einen Sammelvergleich über 7,25 Milliarden Dollar (gut 6 Milliarden Euro). Dessen endgültige Genehmigung könnte am 19. August in einer Anhörung erfolgen.Am 25. Juni erzielte Bayer schon einen Erfolg vor dem Supreme Court. Das höchste amerikanische Gericht entschied, dass Bayer nicht wegen fehlender Krebswarnungen auf Verpackungen von Unkrautvernichtern verklagt werden kann. Dieses Urteil wirkt an der Börse bis heute nach. Eine Woche später gab die Deutsche Bank für die Bayer-Aktie die Empfehlung „kaufen“ aus. Allein seit Tahs Elfmeter ist der Bayer-Kurs von 46 auf mehr als 53 Euro geklettert. Bayer befördert den Kursanstieg durch weitere Meldungen, nun wird das Glyphosatgeschäft ausgegliedert und erhält den Namen Ruveon, bleibt aber im Bayer-Konzern.Ein Katalane als neuer Bayer-CheftrainerTrotz des Kursanstieges von 40 Prozent in den vergangenen sechs Monaten fehlt Bayer mit einem Börsenwert von 51 Milliarden Euro aber noch einiges bis zur deutschen Börsenspitze – ähnlich wie in der vergangenen Fußball-Saison, als der Meister von 2024 und Vizemeister von 2025 auf Rang sechs einlief. In der Tabelle der deutschen Dax-Werte liegt Bayer nach Börsenwert auf Rang zwölf, weit entfernt von SAP und Siemens an der Spitze. Da scheint die Fußballwelt einfacher. Bayer Leverkusen hat gerade als Fußballcheftrainer Carles Martinez verpflichtet, unter dem die Mannschaft erfolgreicher kicken soll als unter dem dänischen Vorgänger Kasper Hjulmand. Wobei: Mit spanischen Trainern haben wir in Frankfurt gerade so unsere Erfahrungen gemacht, aber lassen wir das. Martinez ist schließlich Katalane.Und der bibeltreue Tah? Den haben seine Eltern nach dem tapferen Jonathan im Alten Testament benannt. Tah kehrt ja nicht mehr nach Leverkusen, sondern zum FC Bayern zurück, als im Nationaltrikot gescheiterter Held. Laut Altem Testament stand Jonathan um das Jahr 1000 vor Christus treu zu Israels späterem König David, der wiederum Jonathan mehr liebte als alle Frauen: Wunderbarer war mir deine Liebe als die Liebe von Frauen, wie es in den Samuel-Büchern heißt. Was für eine Vielfalt schon in der Antike! Tah wiederum trägt als Innenverteidiger der Bayern seit einem Jahr treu das Telekom-T auf der Trikotbrust.Warum die T-Aktie und Microsoft schwächelnDie T-Aktie, für viele Aktionäre lange ein Kreuz, hat sich gemausert und in den vergangenen fünf Jahren 40 Prozent auf Kurse um 25 Euro zugelegt. In dieser Woche ging es allerdings für die Telekom-Aktie lange abwärts. Die im April bekannt gewordenen Pläne zur Verschmelzung mit der amerikanischen Tochtergesellschaft T-Mobile kommen bei Anlegern nicht gut an. Auch die Bundesregierung wirkt reserviert, könnte sie doch ihre Sperrminorität verlieren.Auch andere Telekommunikations-Aktien wie Freenet hatten in dieser Woche einen schweren Stand. Das mag auch an SpaceX liegen, der seit 12. Juni an der Börse handelbaren Raumfahrt- und KI-Aktie von Elon Musk. SpaceX, das durch den größten Börsengang aller Zeiten 86 Milliarden Dollar erlöste, lässt Börsianer zuvor Undenkbares denken. So erscheint eine neue Satellitentechnik möglich, die das Telefonieren noch einmal erheblich verändern könnte. Aber nicht nur das. Die Börsianer fragen sich auch: Könnten weitverbreitete Microsoft-Bürosoftwareprogramme wie Word demnächst durch KI-Agenten abgelöst werden?Schließlich ist Deutschlands Aktienmarkt in Sachen weltweiter Bedeutung den Fußballern ähnlich. Nur 4 Prozent der amerikanischen Aktiengesellschaften bringen unsere deutschen Aktiengesellschaften an Wert auf die Börsenwaage. Daher greifen auch deutsche Anleger gern zu US-Aktien wie etwa Microsoft, die allerdings in den vergangenen drei Monaten mit einem Rückschlag um 20 Prozent erheblich unter Druck standen. Den Kurs des deutschen Paradesoftwareunternehmens SAP beutelte es indes mit einem Kursverlust von 30 Prozent in den vergangenen sechs Monaten sogar noch mehr. Gleichwohl lügt die Börsentabelle nicht: Microsoft kommt auf 2890 Milliarden Dollar Börsenwert, SAP auf umgerechnet 190 Milliarden Dollar.Der beste Wert der vergangenen zwölf Monate im hundert deutsche Aktien umfassenden F.A.Z.-Index, der Chipausrüster Aixtron, verlor am Tag, als der Dax seinen ersten neuen Rekord aufstellte, gut 5 Prozent. Auch der beste Dax-Wert der vergangenen sechs Monate, Infineon, gab am Tag des Dax-Rekords nach. Infineon hat gerade in Dresden mithilfe staatlicher Milliarden-Subventionen ein neues Halbleiterwerk in Dresden eröffnet.Dennoch wird in der Bundesregierung mancher versucht sein, sich den Dax-Rekord ans Revers zu heften. Schließlich überwand der Dax doch just an dem Tag den bisherigen Höchststand aus dem Sommer 2025, an dem Kanzler Merz und Finanzminister Klingbeil eine kleine Steuersenkung für die meisten bekannt gaben. Mehr im Gedächtnis bleiben wird von dieser Einigung der Koalition auf Reformen indes, dass sie dem Krankenstand im Land mit einer Pflicht zum Arztbesuch am allerersten Ausfalltag begegnen will. Leider wirkt das zu kurz gedacht. Noch mal zurück zum Dax-Überflieger der letzten Wochen: Bayers Aspirin mag gegen einfache Kopfschmerzen nach dem WM-Ausscheiden helfen, ist aber ungeeignet gegen nicht selten chronische, wenn auch nur einen Tag andauernde Migräne. Der Dax dagegen macht dauerhaft Laune – nicht nur, aber derzeit vor allem wegen Bayer.