Nach dem Beginn der Arbeiten für den Ausbau der Bundesstraße 49 in Reiskirchen-Lindenstruth hat ein Gegner des Vorhabens Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Gießen gestellt. Der Ausbaugegner Jörg Bergstedt begründet die Anzeige mit Baggerarbeiten am Oberboden in der Nähe einer Brücke und der aus seiner Sicht unterbliebenen Umsiedlung von Zauneidechsen. Die Reptilien hätten vor Beginn dieser Erdarbeiten in einen neuen Lebensraum gebracht werden müssen. Dies folge aus dem Naturschutzgesetz und den Vorgaben des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs. „Damit wurden alle möglichen Lebensstätten geschützter Arten und dort eventuell vorhandene Einzeltiere vernichtet“, schreibt Bergstedt. Diese Zerstörung stelle eine Straftat dar. Hessen Mobil als zuständige Behörde widerspricht.Bergstedts Strafanzeige umfasst einschließlich mehrerer Bilder zur Dokumentation des mutmaßlichen Rechtsbruchs 14 Seiten. Wie er schreibt, wurden Anfang März Plastikzäune um die Flächen an zwei Brückenbauwerken an der Ausbaustrecke gezogen, die für Eidechsen undurchdringlich sein sollten. Die Zäune sollten umgesiedelte Exemplare an der Rückkehr in ihren früheren Lebensraum hindern. „Zudem sollte ein Ersatzlebensraum erstellt werden, in den die Eidechsen verbracht werden sollten.“ Die Echsen hätten bis Mitte Mai umgesiedelt werden müssen, dies sei aber nicht passiert.Büro von Hessen Mobil in Schotten besetztNur in den ersten Apriltagen sei etwas zum Schutz der Reptilien geschehen. „In dieser Zeit war der Plastikzaun allerdings durch Sabotage zerstört, das heißt, das Wegtragen der Eidechsen war wirkungslos, da diese zurückwandern konnten“, schreibt Bergstedt weiter. Von der Zeit der mutmaßlichen Eiablage bis in den Juni hinein seien nach Beobachtungen von Anliegern keine Eidechsen eingefangen worden. Zudem sei das sogenannte Zielbiotop nicht gepflegt worden. Es sei zugewuchert und deshalb für die Reptilien ungeeignet.Hessenmobil weist diese Vorwürfe zurück. im Herbst seien Ersatzlebensräume für die Reptilien geschaffen worden. Zauneidechsen aus den mit Reptilienschutzzäunen umzäunten Baufeldern seien seit Ende März dieses Jahres regelmäßig umgesiedelt worden. „Ungeachtet der Zerstörung der Reptilienschutzzäune wurde die Umsiedlung der Zauneidechsen durch ein beauftragtes Fachbüro fachgerecht, kontinuierlich sowie unter Berücksichtigung der artenschutzrechtlichen Anforderungen in enger Abstimmung mit der Oberen Naturschutzbehörde fortgeführt“, hebt die Behörde hervor. Die Umsiedlung der Zauneidechsen im Baufeld des sogenannten Brückenbauwerks 3 sei im Juni ordnungsgemäß abgeschlossen worden. Trotz intensiver Kontrollen an zwölf Terminen habe das beauftragte Fachbüro dort keine Zauneidechsen nachweisen können. Ende Juni begannen angesichts dessen die Erdarbeiten, wie es weiter heißt.Bergstedt engagiert sich in der Projektwerkstatt Saasen. Wie Lindenstruth gehört Saasen zu Reiskirchen. Die Projektwerkstatt versteht sich als „offene Aktionsplattform“ für kreative politische Aktionsgruppen, Projekte und Seminare und ist politisch weit links angesiedelt. Sie ist auch eine Wohngemeinschaft. Bergstedt gilt als Anarchist. Seit Jahrzehnten tritt er im Raum Gießen politisch in Aktion. Seit Mitte der Neunzigerjahre wendet er sich etwa gegen die Aussaat gentechnisch veränderter Pflanzen und hat Uni-Versuchsfelder zumindest in Teilen zerstört, was er als „Feldbefreiung“ versteht. Wegen seiner Aktionen ist er mehrfach mit Polizei und Justiz in Konflikt geraten. 2010 musste er wegen einer „Feldbefreiung“ einige Monate in Haft. Andere Verfahren gegen ihn wurden dagegen eingestellt.Umzäunt: Erdarbeiten für die Südumgehung Reiskirchen/LindenstruthProjektwerkstatt SaasenIm Februar dieses Jahres rief die Projektwerkstatt Saasen mit einer Aktion bei Hessen Mobil in Schotten Aufsehen hervor. Mehrere Protestierer drangen in das Haus der Straßenbauverwaltung ein. Drei Frauen klebten sich am Fensterbrett fest, um gegen den Bau der B49 zwischen Lindenstruth und Reiskirchen zu protestieren und die Reaktivierung der Bahnstrecke Nidda–Schotten zu fordern. Polizisten nahmen sie fest. Die Aktion beschäftigte vier Stunden lang die Polizei. Ein Protestierer hatte zuvor einen Platzverweis erhalten.Außer Bergstedt und seinen Mitstreitern wenden sich noch andere Bürger gegen die sogenannte Südumgehung Reiskirchen/Lindenstruth. Die neue Strecke soll nach Angaben von Hessen Mobil ein Teilstück der Bundesstraße von Gießen über Grünberg nach Alsfeld ersetzen und die Ortsdurchfahrten von Reiskirchen und Lindenstruth von Schwerverkehr entlasten. Die vorgesehene Ortsumgehung beginnt am Anschluss an die Autobahn 5 und wird rund 4,2 Kilometer lang sein. Der 2016 gefasste Planfeststellungsbeschluss ist seit September 2023 bestandskräftig. Der Verwaltungsgerichtshof hatte zuvor die Klagen einer anerkannten Umwelt- und Naturschutzvereinigung und einer Inhaberin eines Reiterhofs gegen den Neubau der Bundesstraße B49 als Ortsumgehung abgewiesen.Gleichwohl reichte die Betreiberin des Biohofs eine sogenannte Nichtigkeitsfeststellungsklage gegen den Planfeststellungsbeschluss ein. Nach Angaben des Gerichtshofs bezweifelt sie die zugrunde liegenden Verkehrsprognosen und Entlastungswirkungen der Neubaustrecke. Der Gerichtshof sieht aber keine Nichtigkeitsgründe und hat die Klage vor zwei Monaten abgewiesen.