PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenGewalt im GesundheitsbereichUnsere Helfer – die PrügelknabenStand: 07:40 UhrLesedauer: 5 MinutenNorman Hecker, Chefarzt der Klinik für Akut-und Notfallmedizin in Gelsenkirchen, Präventionsexperte, seit 20 Jahren Notfallmediziner – und GewaltopferQuelle: Silvia Reimann/Silvia Reimann
DuesseldorfÄrzte und Pfleger leben gefährlich: 57 Prozent klagen über Drohungen, Schläge, Tritte. Das besagt die erste repräsentative Studie zur Gewalt im Gesundheitswesen. Verheerende Folgen deuten sich längst an.Vor zwei Tagen“, so erzählt Chefarzt Norman Hecker, „überwältigte hier im Wartebereich eine Schwester einen Patienten“ – weil der einen Kollegen angegriffen hatte. Während er so erzählt, spaziert Hecker vorbei an der schweren Sicherheitstür, an deren Schwelle jüngst ein ausrastender Patient eine andere Schwester mit einer abgeschlagenen Glasflasche bedrohte. Dann passiert Hecker in seinem fliegenden weißen Kittel den Schockraum, in dem reanimiert wird. Hier geriet auch der 51-Jährige schon in ein Handgemenge: Ein Betrunkener wollte einem Pfleger eine Flasche Desinfektionsmittel ins Gesicht schütten. Der groß gewachsene und sportliche Hecker sprang dazwischen und packte den Täter. Beide fielen zu Boden, und schließlich rangen „gefühlt 20 Patienten und Pfleger“ auf einem großen Haufen – zu Heckers Leidwesen. Er lag zwar über dem Täter, aber unter den 18 anderen Kombattanten, berichtet er lächelnd.Mehrheit der Pfleger und Ärzte wurde GewaltopferSchläge und Tritte, Drohungen, ordinärste Beleidigungen, sexualisierte und rassistische Übergriffe gehören zum Alltag im deutschen Gesundheitswesen. Tatorte sind überwiegend die Notaufnahmen der Krankenhäuser. „Dort hat sich etwas tiefgreifend verändert“, seufzt Hecker, der die Fachabteilung der Notaufnahme des Evangelischen Klinikums Gelsenkirchen leitet, das zum Evangelischen Verbund Augusta Ruhr gehört. Der Befund ist unbestritten. Doch die Ausmaße der Gewalt wurden bislang nur für Teilbereiche des Gesundheitswesens erforscht. Nun aber hat das NRW-Gesundheitsministerium die erste Studie zu Gewalt, Rassismus und Antisemitismus gegenüber Beschäftigten im gesamten Gesundheitssektor für ein Bundesland in Auftrag gegeben. WELT stellt schon jetzt exklusiv erste Ergebnisse vor. Demnach wurden 57 Prozent aller Pflegekräfte und Ärzte in den vergangenen 18 Monaten Opfer von körperlicher oder verbaler Gewalt. Überwiegend waren die Opfer in Krankenhäusern tätig (zu 59 Prozent).„Hauptverantwortlich sind nach wie vor die klassischen Tätergruppen – psychisch Kranke, Drogenkonsumenten und demenziell Erkrankte“, erläutert Hecker, der die Präventionsarbeit in dem Netzwerk „Sicher im Dienst“ mitgestaltet. „Aber nach Corona stieg nicht nur die Zahl der Gewalttaten; es kamen auch Täter dazu, die keiner der drei Gruppen angehören. Es wirkt, als wäre die Bevölkerung insgesamt reizbarer, eskalationsfreudiger geworden.“ Opfer werden gemäß der Studie vor allem junge Mitarbeiter. Knapp 80 Prozent der Unter-30-Jährigen waren von Gewalt betroffen, aber nur 29 Prozent der Über-60-Jährigen. Zudem wurden vor allem Unter-30-Jährige (zu 59 Prozent) Opfer sexualisierter Attacken. „Scheißausländer“ vs. „Nazis“Daneben „erleben Beschäftigte aber auch sehr oft rassistische Gewalt“, ergänzt die Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW), die diesen Aspekt bereits stichprobenartig beleuchtet hat. Auch Hecker erzählt, Rassismus tauche auf seiner Station regelmäßig auf – und zwar gleich doppelt: „Zum einen werden unsere Mitarbeiter mit Migrationshintergrund als ‚Scheißausländer‘ und ‚Deutschenhasser‘ beschimpft, zum anderen werden unsere deutschstämmigen Mitarbeiter als ‚Ausländerhasser‘ oder ‚Nazis‘ beleidigt. Da zeigen sich die Risse unserer Gesellschaft.“ Dass sich auffallend viele Migranten unter den Tätern befänden, bestätigt er aber nicht: „In unserer Notaufnahme“, sagt Hecker, „spiegelt sich die Zusammensetzung der hiesigen Bevölkerung wider. Und unser Klinikum liegt im Gelsenkirchener Zentrum.“Lesen Sie auchDamit all diese Delikte künftig verlässlich erfasst werden, wird derzeit einiges unternommen. So überzeugte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vorvergangene Woche auf der Innenministerkonferenz seine Amtskollegen, fortan alle Formen der Gewalt im Gesundheitsbereich in den Polizeilichen Kriminalstatistiken der Länder gesondert zu erfassen. Zudem sollen sowohl in NRW als auch im Bund demnächst digitale Datenbanken starten, die alle Gewalttaten differenziert und fortlaufend zählen – als permanentes Lagebild. Diese Entschlossenheit zeigt, für wie dramatisch auch die Politik Gewalt gegen Pfleger und Ärzte inzwischen hält.Eine zerstörerische Atmosphäre der AngstDenn verheerende Folgen deuten sich längst an. So berichtet jede vierte Klinik laut Deutscher Krankenhausgesellschaft von Kündigungen infolge körperlicher oder verbaler Übergriffe. Und 87 Prozent der Krankenhäuser bestätigten, Gewalterlebnisse hätten ihre Mitarbeiter schon erheblich belastet. „Wenn solche Erfahrungen nicht gründlich aufgearbeitet werden“, ist auch Hecker überzeugt, „drohen posttraumatische Belastungsstörungen und eine Atmosphäre der Angst, die ein ganzes Team sprengen kann“. In der Notaufnahme einer Ruhrgebietsklinik trat dieser Fall ein. Dort erschien das Pflegepersonal nach einem Gewaltausbruch kurzerhand nicht mehr zum Dienst – bis die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht wurden. Auch die Ärztekammer Nordrhein warnt, die Gewalt verringere „die Attraktivität besonders belasteter Arbeitsbereiche wie Notaufnahmen, psychiatrischen Einrichtungen, Rettungsdiensten und Arztpraxen“. In Zeiten des Fachkräftemangels gefährde „dies die Versorgungssicherheit“. Woraus Minister Reul gegenüber dieser Zeitung eine einleuchtende Konsequenz zieht: „Wer meint, die Menschen, die uns in Notsituationen helfen, seien die richtigen Prügelknaben, der hat nicht verstanden, dass er damit uns alle trifft!“Fluchträume, Alarmknöpfe, Body-Cams, externe SecurityDie meisten Krankenhäuser haben laut der KGNW inzwischen zwar „umfassende Präventionskonzepte eingeführt oder erarbeiten diese aktuell, um beispielsweise in brenzligen Situationen eine Eskalation möglichst zu vermeiden“. Flächendeckend aber hat die Politik noch keine Mindestschutzstandards festgelegt – denn die müsste sie dann auch bezahlen. Und so existiert in Sachen Prävention ein bunter Flickenteppich. Sehr verbreitet sind Trainings in Deeskalation und Selbstschutz (ein Tipp: „Immer die Raumdominanz bewahren!“). In den Notaufnahmen von rund 28 Prozent der NRW-Kliniken marschiert inzwischen auch externe Security auf. In einzelnen Kliniken – etwa in Dortmund – werden Mitarbeiter aktuell probeweise mit Body-Cams ausgerüstet. Videoüberwachung ist ohnehin verbreitet. Dagegen ist offenbar noch nicht die Mehrheit der Kliniken mit Alarmknöpfen zur Polizei und zu Kollegen anderer Stationen ausgestattet. Dafür sind Fluchträume, in denen Beschäftigte sich in Sicherheit bringen können, im Kommen. Oft wird das Geld dafür allerdings erst nach gravierenden Gewaltexzessen bewilligt. In Essen zum Beispiel: Dort hatten ausrastende Mitglieder eines Clans mindestens sechs Mitarbeiter teils schwer verletzt. Daraufhin rüstete die Klinik im großen Stil auf – und schuf viele Dutzend Fluchträume mit Alarmknopf und Sicherheitstür.Es sind nicht allein „die Verhältnisse“Interessanterweise behauptet kaum ein Akteur im Gesundheitswesen, die Konflikte würden sich in Luft auflösen, wenn endlich der Personalmangel unter Pflegern und Ärzten behoben wäre. Auch Hecker glaubt zwar, es würde „weniger Ärger in den Ambulanzen geben, wenn Personal reichlicher vorhanden und Wartezeiten kürzer wären“. Aber: „Selbst bei bestmöglicher Personalausstattung wird die Gewalt nicht verschwinden. Personalmangel verursacht die Eskalation nicht, er begünstigt sie nur.“ Die Vermutung, nur „die Verhältnisse“ trieben Menschen zur Gewalt, lehnt er ab. Und dann geleitet Hecker seine Gäste wieder heraus aus der Notaufnahme – vorbei an Sicherheitstüren, Alarmknöpfen, Kameras, Fluchträumen und Einlasskontrolle.








