Ein Sammler? Ein schräger Vogel? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt in diesen Räumen vermuten. Raten Sie mit!Gudrun Sachse (Text), Daniel Winkler (Bilder)03.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFabelwesen und Fantasy-Figuren im Arbeitszimmer.Keltischer Lebensbaum über dem Bett im Schlafzimmer.Unzählige DVD stapeln sich in Regalen und unter dem Fernseher.Die Psychologin Ingrid FeiglEin Haushalt mit allerlei Bewohnern – Menschen, einer lebendigen Katze und diversen Fabelwesen. Wo man auch hinguckt, finden sich Skulpturen und Gestalten aus Fantasy, Mythen und Märchen. Geht es hier um Beruf oder Hobby? Dient das Büro mit all den Schachteln und Paketen als eine Art Versandhandel mit HR-Giger-Anleihen? Oder ist das ein persönliches Sammlermuseum?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon aus Platzgründen wirken all die Köpfe, Gestalten und Kunstwerke etwas übertrieben. Und für einen leidenschaftlichen Sammler scheint das Ganze zu wenig geordnet.Das Wohnzimmer, ein eher schmuckloser Raum mit Fertigvorhängen und Spotbeleuchtung, ist quasi das private Heimkino mit Grossbildschirm, wuchtigem Sofa und vielen Kissen. Prominent thront ein Buddha mittendrin, ein Ungeheuer guckt vom Regal herunter, und Kleingetier tummelt sich unter den Tischchen.Das Filmeschauen ist nicht nur abendlicher Zeitvertreib. Unzählige DVD stapeln sich in Regalen und unter dem TV, da schaut man sich vielleicht auch aus professionellen Gründen Science-Fiction- und Fantasyfilme an. Sind all die Kunstobjekte etwa für Filmausstattungen gedacht? Oder taucht man einfach gerne in andere Welten ein und gibt sich, nicht mehr jung, seiner Leidenschaft für «Star Wars» und Co. hin?Wo man sich in dieser Wohnung ausser vor dem TV, im Büro und im Bett sonst noch aufhält, bleibt im Dunkeln.Verpflegung findet vermutlich beiläufig in der Küche statt. Nächtigen tut das eingespielte Paar im ruhigen Schlafzimmer, jeder unter seiner eigenen Decke und mit individuellem Kissen. Die Nachttische sind bei ihm mit Lektüre bestückt, bei ihr mit Steinen. Oder umgekehrt.Über dem Bett hängt ein sehr, sehr grosser Baum, blühen tut er grad nicht, aber er wird für die Schläfer Symbolkraft haben.Ein irgendwie schräger Vogel wohnt hier!Der Innenarchitekt Jörg BonerDie Schleiereule auf der verglasten Vitrine im Arbeitszimmer hat den Überblick. Sie ruht auf einem Ast und schaut in die illustre Runde. Hier wohnen offensichtlich Figuren aus verschiedenen Filmgenres: Aus «Alien» ist jemand da, «Der Herr der Ringe» ist vertreten, die Gremlins sind unverkennbar, und neben «Hellraiser» könnte sich gar noch ein Figürchen aus «Jurassic Park» hier eingenistet haben.Die meisten sind zu gross für die Katzentüre. Von selbst hat es also niemand hier hineingeschafft. Das ist schon einmal beruhigend. Die Heimtierpforte aus opakem Plastik und einem transparenten Türchen ist sorgfältig in die Terrassentüre eingesetzt. Vielleicht überwacht die Katze den Laden. Wer weiss, was hier alles vorgeht in der Nacht.Diese Wohnung ist so etwas wie eine Schnittstelle zwischen realem Leben und Fiktion. Ein Filmset, das Figuren der Unter- und der Zwischenwelt versammelt. Für einen Bastelraum hingegen fehlen die Werkzeuge, unverarbeitete Materialien und der irdische Staub. Es scheint also eher eine Ludothek für Erwachsene zu sein und weniger eine Werkstatt. Ein Lager echter Requisiten vielleicht, ein Altersheim für wilde und geheimnisvolle Kreaturen aus einigen Kultstreifen der Filmgeschichte.Das Sofa im Wohnzimmer und das Bett im Schlafzimmer erscheinen beinahe fremd. Sie weisen auf lebende Personen hin, die es hier offensichtlich auch noch gibt. Vielleicht ist der keltische Lebensbaum hinter dem Bett ein Schlüssel zu dieser Wohnung. Er macht die Lebenswelt der beiden Bewohner sichtbar und beschreibt die direkte Verbindung in die Unterwelt.Hier wohnen zwei, die sich mögen. Das Bett ist schmal, schmaler als der Lebensbaum. Der Rest der Wohnung ist Film. Ein grossformatiger, zur Zeit der Fotoaufnahme dunkler Bildschirm ist das Versprechen. Er spielt sie alle ab, die filmischen Schätze, die auf unzähligen Tablaren gelagert werden. Die beiden Bewohner leben nicht nur mit Filmen, sie leben wohl auch vom Film. Über den Film haben sie sich kennengelernt.Die Auflösung: Roman Güttinger, 56, Verkaufsleiter FilmverleihRoman Güttinger: «Wie viele Objekte ich genau besitze, weiss ich nicht; ich schätze um die 60 000.»«Ich wohne in Schlieren direkt an der Hauptstrasse, an guter ÖV-Lage. Ich habe fünf mit Filmrequisiten gefüllte Lagerräume und verdiene durchschnittlich, deshalb bevorzuge ich eine günstigere Wohnung am Stadtrand. Ausserdem ist es – was man kaum denken mag – viel ruhiger als an der Kalkbreite, wo ich vorher lebte; dort fuhren nonstop Krankenwagen und Polizeiautos vorbei.Wie mein Tag beginnt? Mit Aufwachen. Fertig. Ich trinke keinen Tee und mag keinen Kaffee, ich esse ein Gipfeli auf dem Weg zur Arbeit. Ich bin extrem umtriebig. Beruflich hätte ich gerne etwas mit Special Effects gemacht, aber in der Schweiz bedeutete das damals, die Nase von Ruedi Walter zu pudern, das wäre nichts für mich gewesen.Ich kenne etliche aus der Branche, die meisten machen noch anderes zum Überleben. Auch Kollegen, die an grossen Filmen wie «Star Wars» gearbeitet haben, haben vielleicht vier Monate lang einen super bezahlten Job und danach wieder nichts. Ich bin da zu schweizerisch, das ist nicht mein Ding. Ich brauche ein sicheres, regelmässiges Einkommen, allein schon wegen der Miete für meine Lagerräume.Wie viele Objekte ich genau besitze, weiss ich nicht; ich schätze um die 60 000. Als ich zu sammeln begann, gab es noch die Kinozeitschrift «Kino» mit Kleinanzeigen. Da stiess ich auf meinen ersten grossen Deal: ein Alien aus Amerika. Es folgte über Wochen ein Briefwechsel, es dauerte endlos. Als ich alle Infos hatte, sagte ich zu, und er organisierte eine Spedition. Als die Figur ankam, war ich enttäuscht; ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Es half, dass mein Umfeld beeindruckt war.Kaufen damals und heute, dazwischen liegen Welten. Heute genügen drei Klicks, und du hast es vor der Tür.Wenn ich verkaufe, dann nur, weil ich ein besonderes Stück erwerben möchte. Dazu gehörte einer meiner Schätze: die zwölf Meter lange, lebensgrosse Alien-Königin aus «Aliens».Mein Ziel war und ist es noch immer, einen Sponsor für ein Museum zu finden. Ich habe sieben Yodas und fünf E. T.s in Originalgrösse, ich besitze das Kleid von Kate Winslet aus «Titanic», die Schuhe aus «Forrest Gump» und den Fuss des Glücksdrachen Fuchur aus «Die unendliche Geschichte».Wie das auf den Markt kommt, ist unterschiedlich; vieles aber landete damals nach Filmproduktionen im Müll. Wenn man Glück hatte, angelte es jemand heraus und verkaufte es.Beim Film faszinieren mich alle Facetten, sowohl das Ergebnis als auch das Stehen vor und hinter der Kamera. Da ich den Regisseur Marc Forster kenne, habe ich beim James-Bond-Film «Quantum of Solace» mitgespielt; er hatte für Friends und Family VIP-Statistenrollen organisiert, das sind diejenigen, die auch nach dem Cut noch im Bild bleiben. Bei «Spider-Man» bin ich auch zwei, drei Sekunden zu sehen.Ich habe trotz Katzentüre keine Katze. Da ich mehrmals miterlebt habe, wie Katzen sterben, wollte ich meinem Herzen kein Haustier mehr antun. Es ist einfach zu traurig. Jetzt haben wir aber einen Hund; der ist gerade im Tessin im Haus meiner Freundin. Sie lebt meist dort.Abends schaue ich Filme, kann aber auch stundenlang basteln, mit meinen Freunden an Konzerte gehen oder Karaoke singen. Ich stelle selbst keine Figuren her, aber ich male gelegentlich etwas an oder baue Bestehendes um. Meinem Hobby gehe ich frühmorgens, mittags oder spätabends nach, allein das ist vermutlich schon mehr, als die meisten Menschen in einem Full-time-Job leisten. Äusserlichkeiten sind mir weniger wichtig, ich investiere lieber in meine Sammlung.«Wenn es mich einmal ‹putzt›, kann ich nichts mitnehmen, also gebe ich mein Geld für Dinge aus, die mir Freude bereiten.»Ein Artikel aus dem «NZZ Folio»Passend zum Artikel
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