Masthühner sollen in kurzer Zeit viel Fleisch ansetzen. Was passiert, wenn sie diesem Schicksal entkommen? Eine Chronik mit unerwarteten Wendungen.Tag 2, Dienstag, 3. März: Fünf Küken auf dem Weg ins GlückSie piepsen ununterbrochen. Egal, ob nur das Brummen des Autos zu hören ist oder leise Musik. Ein aufgeregtes, hilfloses, fast verzweifeltes Piepsen, das manchmal leiser wird und dann wieder laut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass heute ihr Glückstag ist, können die fünf Mastküken nicht wissen. Gestern erst sind sie im bernischen Belp aus dem Ei geschlüpft. Nun krabbeln sie auf dem Beifahrersitz in einer Kartonschachtel herum, als ginge es um Leben und Tod.Aus den Lautsprechern singt David Bowie «We can be heroes». Und vielleicht sind die fünf ja so etwas wie Helden. Normalerweise würden sie einem Maststall entgegenfahren, je 100 von ihnen in einer Transportkiste, die viel grösser ist als meine Schachtel und viel mehr Luftlöcher hat, aus denen kleine Schnäbel ragen.Die Brüterei Wüthrich besteht aus mehreren Betonbauten. Kleinere Bestellungen wie meine holt man am Empfang ab, der aussieht wie ein Postschalter auf dem Land. Wäre da nicht dieses Dauerpiepsen aus dem Raum nebenan. Bis zu 100 000 Küken schlüpfen hier täglich. Also musste es schnell gehen: Während die eine Sekretärin die Bestellung holte, tippte die andere meinen Einkauf: fünf Mastküken, die zwischen 2 Franken 70 und 3 Franken 80 pro Stück kosten. Macht total 14 Franken und 90 Rappen – «Gute Mast!».Das soll jedoch nicht ihr Schicksal sein.Auf der Autobahn Richtung Zürich zwängt eines seinen Kopf durch das Luftloch, als wollte es sich vergewissern, dass sein Leben tatsächlich eine unerwartete Wendung genommen hat: Mastküken werden geboren, um möglichst schnell als «Pouletbrüstli» oder «Flügeli» zu enden. 85,3 Millionen sind es jährlich in der Schweiz – und inzwischen diskutiert sogar das Parlament darüber, ob sie zu schnell wachsen und dabei zu sehr leiden.Was aber, wenn solche Tiere die Chance bekommen, wie in der Werbung zu leben? Wenn sie nichts müssen und alles dürfen, was Hühner gerne tun? Körner picken, Würmer fangen, im Sand baden – bis ans natürliche Ende ihrer Tage?Das will ich in den nächsten Wochen herausfinden. Es sind Wochen, in denen die Küken zu Anführern und Mitläufern werden, um ihre Rollen dann wieder zu tauschen. Wochen zwischen Schönheit und Leid, Hühnerutopie und Produktionsrealität. Wochen, die in ein unerwartetes moralisches Dilemma münden und in Fragen, auf die es keine richtige Antwort gibt.«Was bezwecken Sie damit?», fragte Simon Ineichen, Fachspezialist bei der Stiftung Aviforum, dem Kompetenzzentrum für Schweizer Geflügelwirtschaft. Er ist einer von mehreren Experten, die ich für dieses Projekt angefragt habe: «Diese Hybriden eignen sich nicht für ein langes Leben in der Natur.» Sie seien für die wirtschaftliche Fleischproduktion gezüchtet und nicht als Haustiere. Und der «Keimdruck» sei in gemischten Hühnergruppen höher. Sprich, da lauern mehr Krankheiten als unter kontrollierten Mastbedingungen. Und überhaupt: Auf was für einen Betrieb kommen sie? Ist die Hühnerhaltung angemeldet? Und haben Sie eine Bewilligung?Werden aus diesen Küken dereinst glückliche Hühner?Das Aviforum ist die Wissenszentrale der Geflügelbranche. Im bernischen Zollikofen bildet sie Fachleute aus, berät Mastbetriebe und forscht für Produzenten, die Journalisten zunehmend misstrauisch begegnen. Denn Poulet ist beliebter und umstrittener denn je: Mit 16,5 Kilo hat der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit 2000 um über 80 Prozent zugenommen. Weil mehr als 85 Millionen Schweizer Mastpoulets den Hunger nicht stillen, wurden im vergangenen Jahr 60 817 zusätzliche Tonnen aus Brasilien, Ungarn und Deutschland importiert.Gleichzeitig schockieren Tierschutzorganisationen mit Bildern, die sie mit versteckten Kameras aufnehmen und den Medien zuspielen. Zuletzt waren es Bilder, die aus einem Partnerbetrieb der Migros-Tochter Micarna stammen sollen, der grössten Pouletproduzentin des Landes. Zu sehen waren Hühner, die unter ihrem Gewicht zusammenbrechen, die ihr Futter nur noch kriechend erreichen oder tot im Sägemehl liegen. Es waren Hühner der schnell wachsenden Züchtung Ross 308, die rund 90 Prozent aller Mastpoulets ausmachen.«Verkauft die Migros Quäl-Poulets?», fragte der «Blick», und die grüne Nationalrätin Meret Schneider forderte mit einer Motion ein Verbot von Ross 308. Auch in meiner Schachtel piepsen zwei Ross-308-Küken, während Olten vorbeizieht, Zürich, hinauf Richtung Forch, den Hügeln des Zürcher Oberlands entgegen.Noch tragen die Bäume keine Blätter. Aber es soll heute 17 Grad warm werden, und auch in den nächsten Tagen ist mildes Frühlingswetter angesagt, zum Glück. Wenn die Kleinen nebst Futter und Wasser etwas brauchen in ihrem Zuhause, dann ist es Wärme.Der Hof Narr liegt in Hinteregg, rund fünfzehn Kilometer von Zürich entfernt. Von weitem wirkt er wie ein normaler Bauernhof: Auf den Weiden grasen Schafe, und vor der Scheune streichen einem Katzen um die Beine. Es gibt einen Hofladen mit Biogemüse und Selbstgemachtem. Doch hier leben Tiere, die einen Namen haben, und Menschen, die mit Schweinen kuscheln.Dieser Hof ist ein Lebenshof, auf dem Tiere weder genutzt noch geschlachtet werden. 2013 haben ihn die Tierethikerin Sarah Heiligtag und ihr Mann, der Umweltwissenschafter Georg Klingler, übernommen. Als Quereinsteiger hatten sie wenig landwirtschaftliche Erfahrung, aber viel Herz und eine grosse Vision für Tiere, die alle fühlen und leiden. Inzwischen leben sie hier mit zwei Kindern, acht Mitarbeitern und vielen Tieren – und zählen zu den wenigen Menschen, die Erfahrung mit Mastküken haben, ohne sie zu schlachten.«Jetzt müssen sie sich erst einmal erholen», sagt Sarah, als sie in die Schachtel blickt. Die Küken sind etwas angeschlagen vom Transport. Zwei lassen benommen ihre Köpfe hängen, die anderen versuchen, untereinander Schutz zu finden. «Sie suchen ihre Mutter.»Was mehr als 90 Prozent aller Schweizer Mastküken nie erleben: Natur.Ausgebrütet wurden sie nicht von Hennen, sondern von Maschinen: Am 8. Februar kamen die Eier für achtzehn Tage in den Vorbrüter der Brüterei Wüthrich, wo die Embryos bei 37,7 Grad Organe, Federn, Augen und Schnabel entwickelten. Anschliessend wurden die Eier auf einem Laufband durchleuchtet wie Gepäckstücke am Flughafen und von den unbefruchteten getrennt. Für die letzten drei Tage kamen sie in einen Schlupfbrüter, am 21. kämpften sie sich aus der Schale ins Leben, gleichzeitig mit bis zu 25 000 anderen Küken.Unsere fünf dürften die einzigen sein, die ein eigenes Hühnerhaus beziehen. Es liegt unter einem Holunderbaum und ist von Wiesen umgeben. Sogar einen Teich gibt es weiter unten im Gehege, wo zwanzig Hühner in allen Ausführungen herumstaksen – allesamt aussortierte, ungewollte oder gerettete, die hier mit Laufenten, Trutenvögeln und Tauben in einer Villa Kunterbunt leben.Während die Küken die ersten Schritte aus der Schachtel wagen, recken die Hennen vor den Gittern ihre Hälse. Ein Zwerghuhn rennt euphorisch vor dem Türchen hin und her. Eine weisse Riesenhenne wagt sich hinein, sucht aber bald wieder das Weite. «Schade», sagt Sarah. «Als Schweizerhuhn wäre Flocke gross genug, um alle fünf zu wärmen.»Wärmen? Simon Ineichen, der Aviforum-Experte, hat geraten, die Küken in den ersten Wochen von den anderen Hühnern zu trennen. Sie könnten sich anstecken – mit Parasiten wie Würmern oder einer Darmerkrankung namens Kokzidiose, die blutigen Durchfall verursacht. Geimpft sind sie auch nicht, wie er empfohlen hat. Selbst die anderen Hühner könnten ihnen gefährlich werden und aggressiv sein, insbesondere wenn Neulinge in eine bestehende Gruppe integriert würden. «Sie töten mitunter sogar Mäuse und fressen diese auch», sagte Ineichen.«Quatsch», widerspricht Sarah, «unsere Hühner sind weder krank noch aggressiv, und diese Küken brauchen eine Mama.» Als ausgebildete Landwirtin hat sie in den vergangenen dreizehn Jahren viele Hühner aufgenommen, auch Mastküken, die dann von Hennen adoptiert wurden. Ihre Hoffnungen ruhen auf einer Seidenhenne namens Judy.«Sie könnte gluggerig sein», sagt Sarah. Judy niste mehr als üblich und zeige damit an, brüten zu wollen. Doch jetzt zeigt Judy kein Interesse, und die Küken brauchen sowieso Ruhe.18 Uhr 38: Sarah schickt ein Foto, auf dem die fünf unter der Wärmelampe kuscheln, dicht aneinandergedrängt. Heute Nacht wird es mit Temperaturen gegen null zu kalt für sie.21 Uhr 58: «Ich habe sie ins Haus genommen, mit Judy. Sie hat sie sofort unter ihre Flügel genommen.»Tag 3, Mittwoch, 4. März: Auf der Suche nach einer LeihmutterWas bedeutet das eigentlich für Küken – eine Mutter zu haben oder nicht?Die Naturforschung kennt das Prinzip der Prägung. Bekannt wurde es durch den österreichischen Zoologen Konrad Lorenz und seine Gänseküken, die nach dem Schlupf eine unwiderrufliche Bindung zu ihm aufbauten – dem ersten sich bewegenden Objekt, das sie sahen. Von da an liefen sie ihm hinterher wie einer Gänsemutter.Bei Hühnern passiert dasselbe: Was immer sie zuerst sehen, gilt als «Mutter». Selbst Bälle, Blinklichter oder andere Küken, die unsere fünf im Schlupfbrüter als Erstes gesehen haben dürften. Danach wurden sie handverlesen, eines nach dem anderen, piep, piep, piiieeep. Hätte eines von ihnen deformierte Beine gehabt oder keine Augen, wäre es mit CO2 betäubt und eingeschläfert worden. Stattdessen fuhren sie auf dem Laufband hinauf, durch eine Zählschranke, um von da wieder herunterzupurzeln, in Kisten zu je 100 Küken.Was bedeutet dieses Dauerpiepsen? Rufen sie nach ihrer Mutter? Haben sie eine Ahnung davon, was sie vermissen?«Schwer zu sagen», sagt Claudia Wascher, Verhaltensbiologin an der Anglia Ruskin University in Cambridge. «Aus biologischer Sicht ist es sicher Schwachsinn, zu behaupten, dass Mastküken keine Mutter brauchen.» Hühner seien Nestflüchter, seit achtzig Millionen Jahren darauf getrimmt, ihrer Mutter zu folgen. Ohne sie könnten Küken in der freien Wildbahn nicht überleben, keine Wärme finden, keinen Schutz. Darum beginnen sie schon im Ei mit der Glucke zu kommunizieren. «Man kann ihre Bedürfnisse bedingt ersetzen – nicht aber eine Mutter, von der sie alles lernen.» Sonst würden kommerzielle Betriebe nicht so positive Ergebnisse mit sogenannten «dark brooders» erzielen. Das sind Heizelemente mit Vorhängen, unter denen es warm und dunkel ist wie unter echten Hennen. «Fehlt die Mutter, sind sie gestresster», sagt Wascher, die auch hofft, dass eine Henne sich unserer Küken annimmt. «Adoptionen funktionieren bei Hühnern grundsätzlich sehr gut.»Sarah Heiligtag ist die Gründerin des Hof Narr. Hier hält sie Rossi auf dem Schoss.Tag 4, Donnerstag, 5. März: Namen statt Zuchtbezeichnungen8 Uhr 18: «Guten Morgen», schreibt Lia Friedli in den Chat. «Judy wollte sie letzte Nacht nicht mehr unter die Flügel nehmen, darum haben sie unter der Wärmeplatte geschlafen. Jetzt sind sie alle wieder draussen, sie essen und trinken fleissig.»Eine Adoptivmutter haben sie also noch nicht, dafür aber die Tierpflegerin Lia. Sie füttert die Kleinen mit Biokükenmehl, umsorgt sie, wägt sie und nimmt sie abends in ihre Wohnung, bis die Nächte wärmer werden. Zudem sollen sie heute etwas bekommen, was Mastküken nie erhalten: Namen. Bis anhin haben sie nur Zuchtbezeichnungen. Zwei sind Ross 308, je eines JA 757, Ruby XL 451 Cross, JA S 757.Sie alle gehen auf eine Kreuzung von asiatisch-britischen Kampfhähnen und amerikanischen Zweinutzungshühnern zurück, die Eier legten und Fleisch ansetzten. Der «Cornish»-Hahn war muskulös und breitbrüstig, die «White Plymouth Rock»-Henne schnell wachsend und fruchtbar. Aus ihnen entstand in den 1940er Jahren «Cornish Cross» – der erste moderne Masthybrid und Urahn der Küken, die am Nachmittag ihr Häuschen erkunden und das Gittergeflecht, hinter dem sie bald eine noch viel grössere Hühnerwelt entdecken.1957 wären sie in 56 Tagen 905 Gramm schwer geworden. Heute könnten die zwei gelben Ross 308 in derselben Zeit fast fünfmal so viel Gewicht ansetzen. Produzenten sprechen von Effizienz, Tierschützer von Qual. Die Forschung zeigt, dass schnell wachsende Masthühner häufiger an Bein- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden als langsamer wachsende, mehr Gehstörungen haben und höhere Sterblichkeitsraten aufweisen. Zu den schnell wachsenden zählen unsere beiden Ross-308-Küken, die vom amerikanischen Unternehmen Aviagen stammen, dem führenden Anbieter von Zuchttieren in der Hühner- und Putenmast.Schwarze Knopfaugen, gelber Flaum – sie sehen aus wie Zwillinge und bilden nicht nur in dieser Kükenschar eine Mehrheit, sondern auch in Geflügelbetrieben auf der ganzen Welt. Das eine ist minimal grösser und hat erste Umrisse von weissen Flügelchen im gelben Flaum. Das andere erscheint etwas umtriebiger und trinkt vor allen anderen aus der Kükentrinkflasche und nicht nur aus der Wasserschale. Das Grössere nennen wir Rosso, das Umtriebigere Rossi, ohne zu wissen, ob sie weiblich oder männlich sind.Geschlechtsmerkmale wie Hahnenkämme werden erst später deutlich sichtbar. Experten könnten Weibchen zwar schon anhand längerer Schwungfedern bestimmen. Aber wozu? Nur im Ausland werden Männchen separat und länger gemästet, hierzulande wird gemischtgeschlechtlich «eingestallt». Üblich ist hingegen überall, sie mit «Performance»-Werten zu beschreiben: In 36 Tagen können Ross-308-Küken ein «Lebendgewicht» von rund 2,4 Kilo erreichen, bei einem «Tageszuwachs» von bis zu 100 Gramm und einer «Futterverwertung» von 1,4 Kilo pro Kilo Fleisch. Hierzulande, wo ihr Wachstumspotenzial nicht voll ausgeschöpft wird, erzielen sie ohne Kopf, Hals und Innereien eine «Schlachtausbeute» von 72,3 Prozent mit einem «Brustfleischanteil» von 22,6 Prozent.Die Entwicklung eines Ross-308-Kükens: Rosso am Tag 9, mit 113 Gramm (links); Rosso am Tag 30, mit 860 Gramm (rechts).Das dritte gelbe Küken sieht Rosso und Rossi zum Verwechseln ähnlich, bis auf ein paar schwarze Punkte im gelben Flaum: ein Erkennungsmerkmal der Linie JA 757, die von der französischen Aviagen-Tochter Hubbard stammt und mittelschnelles Wachstum bei fast gleich hoher «Schlachtausbeute» verspricht. Wir nennen es Hubby.Die Brüterei Wüthrich führt diese Linie noch nicht lange, wie Jonas Wüthrich erklärte, Geschäftsleitungsmitglied im Familienunternehmen. Hubbys Vorgänger hat er bis 2025 für Mistkratzer an Micarna-Betriebe geliefert. «Doch die Elterntiere produzierten 30 Prozent unfruchtbare Eier», sagte Wüthrich, der sich von der neuen Züchtung bessere Resultate erhoffte. Nachgefragt werde JA 757 derzeit vor allem von Direktvermarktern, die ihre Hühner noch ein paar Tage länger im Auslauf halten wollten, wofür die Ross 308 dann zu schwer seien. «Bei der Kundschaft kommt es gut an, die Tiere draussen zu sehen.»Noch bessere Voraussetzungen dafür sollte das braune Küken mit dem dunkelbraunen Streifen auf dem Rücken mitbringen: Ruby XL 451 Cross, kurz Ruby. Die französische Firma Sasso bewirbt das langsam wachsende Tier als «robust und wie geschaffen für das Freilandleben». Noch aber ist es das kleinste, das am schrillsten piepst und am meisten Schutz unter den Flügelchen der anderen sucht.Und dann ist da noch das hellbraune: Das «S» im JA S 757 steht für «slow», also sehr «langsam» wachsend. «Braunes Federkleid, Bio-Poulet-Delikatesse», heisst es auf der Website von Wüthrich. Mit bis zu 30 Gramm kann es täglich nicht einmal halb so viel Fleisch ansetzen wie Rosso und Rossi. Dafür lebt es als Biopoulet mit mindestens 63 Tagen mehr als doppelt so lang. Es soll Bibo heissen.Tag 7, Sonntag, 8. März: Unterschiedliche CharaktereDie Küken sind jetzt eine Woche alt und sollen zum ersten Mal spüren, was mehr als 90 Prozent aller Mastküken nie erleben: Natur.Rossi steht schon am Gitter, flattert mit den Flügelchen, als könnte sie es kaum erwarten, bis Sarah Heiligtag das Türchen aufmacht. Los geht’s, dem Abenteuer entgegen. Die anderen brauchen etwas länger, um zu begreifen, dass ihnen ein 120-Quadratmeter-Gehege zu Füssen liegt, eine Fläche, die Masthybriden normalerweise mit 1800 anderen teilen – vor allem drinnen, nicht draussen.Rund 90 Prozent von ihnen leben unter BTS-Bedingungen. BTS steht für «besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme», die mit Direktzahlungen unterstützt werden. Als besonders tierfreundlich gelten Hallen mit bis zu 27 000 Küken, mit einer «Besatzdichte» von 30 Kilo pro Quadratmeter, was 15 Hühnern entspricht, einem A4-Blatt pro Tier.Hinein darf man nur mit Schutzanzügen, damit keine Krankheiten eingeschleppt werden. Es ist wie unter der Glucke bis zu 33 Grad heiss. Auf dem Betonboden liegt Einstreu, erhöhte Sitzflächen sollen zusätzlich Platz schaffen. Ab dem 22. Tag atmen sie das erste Mal Luft in einem «Aussenklimabereich», aber nur wenn es draussen mindestens 13 Grad warm ist. Sonst bleiben die Klappen zu, weil zu viel Energie verlorenginge. Ausgemistet, gewaschen und desinfiziert wird nach dem «Ausstallen»: wenn die Tiere unterwegs zum Schlachter sind.Alle Küken entwickeln eine enge Bindung zur Tierpflegerin Lia Friedli.Auf dem Hof Narr sind die Hühner den ganzen Tag draussen. Auch die Küken, die unter Aufsicht die neue Welt erkunden – Rossi und Rosso voraus, die anderen hinterher –, vom Häuschen zum Gartenzaun und dort weiter durchs Gras und querfeldein, aber bloss nicht zu weit voneinander weg und gleichzeitig nicht zu nahe an die anderen Hühner, die jetzt neugierig angestakst kommen. Hier geht schliesslich was: fünf Küken und mittendrin Günther, der Truthahn, der mit rot angelaufenem Gesicht gluckernde Balzrufe von sich gibt.Rossi steuert auf Günther zu, als wäre er aus ihrer 95-Gramm-Perspektive kein 45-Kilo-Riese. «Wilde Truthähne können sogar auf Bäume fliegen», sagt Sarah. Aber auch Günther kommt aus einem Betrieb, auf dem er in 22 Wochen auf 22 Kilo gemästet worden wäre. Jetzt ist er zweieinhalb Jahre alt und doppelt so schwer. Ist das nicht zu schwer? «Nein, solange er so viel Lebensfreude zeigt, sehe ich keinen Anlass, ihn zu erlösen», sagt Sarah, die inzwischen zu den bekanntesten Tierrechtlerinnen des Landes zählt. Mit dem Projekt «Transfarmation» berät sie Bauern, die aus der traditionellen Landwirtschaft aussteigen wollen. Bis heute sind das bereits 242 Betriebe, die Hafermilch produzieren oder Proteine anbauen, statt Kälber oder Küken zu mästen.Verhaltensbiologen teilen Hühner in zwei Gruppen ein: Anführer und Mitläufer. Wer hier wer ist, zeigt sich schnell: Rossi, die Abenteurerin, rennt mit dem ersten Wurm im Schnabel davon und alle anderen hinter ihr her. Sie wird auch die Erste sein, die sich weit von den anderen wegwagt, und die Erste, die zurückpickt, wenn sie gepickt wird.Rosso, der Grösste, wiegt mit 113 Gramm bereits doppelt so viel wie Ruby, das Küken unter den Küken. Er kann zwar vor allen anderen aus der Wasserschale der Grossen trinken, scheint aber vom Wesen her eher ein Geniesser zu sein. Er kuschelt gern und ist oft früher zurück im Häuschen, unter der Wärmelampe.Hubby, Bibo und das kleine Ruby sind eher Mitläufer und die Letzten, die sich trauen, aus Lias Box zu fliegen – obschon ihre Flügelchen früher ausgebildet sind als die von Rosso und Rossi.Dass die Küken so unterschiedlich sind, überrascht Mike Toscano nicht. Er ist Tierschutzforscher an der Universität Bern und betreibt am Zentrum für tiergerechte Haltung von Geflügel und Kaninchen Grundlagenforschung zu der Frage, wie man die Lebensbedingungen in der Massentierhaltung verbessern kann. Zum Beispiel, ob Küken sich besser entwickeln, wenn man ihnen den Stress durch den Transport erspart und sie «on farm», also gleich im Stall, schlüpfen und dort auch sofort Futter und Wasser bekommen.«Hühner sind Individuen», sagt Toscano, dessen Hennen im Rahmen des Projekts «Hen Track» Sender tragen, die alles registrieren, was sie tun, ob sie lieber draussen sind oder drinnen, dank Rampen häufiger oben sitzen als unten. «Wir beobachten selbst in Herden von 10 000 Tieren die unterschiedlichsten Verhaltensmuster.» Sie können bei denselben genetischen Voraussetzungen und Lebensbedingungen zu Couch-Potatoes oder Energiebündeln werden, neugierig oder apathisch, und ihre Muster später wieder verändern. Und das hat unzählige Ursachen, die schon im Ei beginnen und erst jetzt besser erforscht werden.Weil unsere Küken im Dunkeln ausgebrütet wurden, haben sie sich nach dem Schlupf zwar schneller erholt, sind jetzt aber schlechtere Multitasker. Das hat mit der sogenannten Gehirnlateralisierung zu tun: Von Natur aus drehen sich Küken im Ei so, dass nur das rechte Auge durch die Schale Licht sieht, wodurch die linke Gehirnhälfte stärker trainiert wird. So kann das Huhn später mit dem linken Auge besser den Himmel absuchen, während es mit dem rechten nach Körnern am Boden Ausschau hält.Dass Rossi so aktiv ist, obschon sie wie Rosso auf «Fressen, fressen, fressen, wachsen, wachsen, wachsen» getrimmt sei, könnte aber auch mit positiven Erfahrungen zu tun haben. Der Wurm zum Beispiel, den sie gefangen hat, sei sicher ein Erfolgserlebnis gewesen, sagt Toscano. Umgekehrt könnten Küken draussen einen Habicht sehen, vor Angst hineinrennen, sich dabei verletzen und denken: «Nie wieder will ich da raus.»Verspricht mittelschnelles Wachstum und hohe Schlachtausbeute: Hubby.Tag 21, Montag, 23. März: Ein Paar und eine Hühnergang11 Uhr 55: «Ich hatte einen schönen Moment mit Rosso», schreibt Lia und schickt ein Video, wie er sich auf ihrem Schoss in ihren Faserpelz kuschelt. Später noch eines, wie er auf ihren Kopf fliegt, als wäre es das Normalste der Welt.Hühner sind hochsoziale Tiere, die durch Erfahrungen lernen und Bindungen aufbauen. Auch untereinander bilden die Küken jetzt Grüppchen. Ruby, die Kleinste, sucht oft die Gesellschaft von Rosso, dem Grössten. Geht er früher in den Stall, liegt sie neben ihm, während die anderen drei eine Gang um Rossi bilden.Tag 30, Dienstag, 31. März: Bald wäre SchlachtterminWären Rosso und Rossi in der Mast gelandet, könnten sie morgen kopfüber an einem Haken hängen und am Förderband zu einem Elektrobad transportiert werden. Dort würden sie ins Wasser getaucht und per Stromschlag betäubt. Weiter ginge es in einen Metalltunnel, wo ihnen Messer die Köpfe abschneiden würden. In Schlachthöfen wie dem von Micarna in Courtepin (FR) passiert das rund 70 Hühnern pro Minute, rund 130 000 pro Tag, 34 Millionen pro Jahr.Wann genau ihr Schlachttermin wäre, hinge davon ab, was für ein Produkt aus den schnell wachsenden Küken werden soll: Mistkratzerli leben in der Regel 21 Tage, Poulet am Stück 30 Tage; werden sie in «Brüstli», «Schenkel» und «Flügeli» zerlegt, sind es rund 36 Tage.Für Rosso und Rossi stehen heute aber nicht Fliessbänder und Sterben auf dem Programm, sondern Mehlwürmer und ein kleiner Fitnesstest. Denn Rosso legt ein neues Verhalten an den Tag, das Sarah und Lia gar nicht gefällt: Wenn alle Küken unterwegs sind, an Halmen zupfen oder nach Würmern suchen, sitzt er plötzlich ab, in der Wiese, unter dem Gartenstuhl, überall, kurze Pause, dann geht’s weiter. Könnte das ein Anzeichen von Gehstörungen sein, an denen laut einer französischen Studie fast die Hälfte aller Ross-308-Hühner leiden? Wenn ihre Körper schneller wachsen, als ihre Beine tragen können?Rosso wiegt mit 860 Gramm erst halb so viel wie prognostiziert. Alle Küken wachsen viel langsamer, als die Performance-Werte erwarten lassen, am langsamsten Rossi, die erst ein Drittel des Gewichts hat. Sie haben täglich mehrere Stunden Auslauf und brauchen ihre Energie auch für die Wärmeproduktion. Die Zwetschgenbäume im Gehege tragen zwar schon Blüten, aber der März macht auf April. Vor ein paar Tagen lag wieder Schnee.«Die Wahrscheinlichkeit, dass Rosso Gelenkprobleme hat, ist schon sehr gross», sagt Lia. Oder ist dieses Absitzen normal?Das Ross-308-Küken wächst heran: Rosso am Tag 65, mit 3,3 Kilo (links); Rosso am Tag 85, mit 4,6 Kilo (rechts).«Nein», sagt die Verhaltensbiologin Claudia Wascher, «das ist ein Alarmzeichen.» Ihr Kollege Mike Toscano hingegen sieht noch keinen Anlass zur Sorge. Er empfiehlt, seine Reaktion auf eine besondere Belohnung zu testen. Und bei Mehlwürmern, muss man wissen, drehen Hühner durch. Wirft man sie aus, kommen sie aus allen Richtungen angerannt. Als wir das tun, ist Rosso wie alle anderen zur Stelle, subito und trittsicher.«Es ist üblich, dass die Aktivität mit zunehmendem Gewicht abnimmt», sagt der Berater Simon Ineichen im Versuchsstall des Aviforums in Zollikofen. Hier sehen alle Hühner aus wie Rosso und Rossi. Und auch sie sitzen häufig, oft sogar Seite an Seite, als hätten sie sich abgesprochen. Manche sogar in Seitenlage, mit abgespreizten Beinen. Und das ist normal?«Ja, das ist sogar eine Wohlfühlposition», sagt Ineichen. «Ich kann Ihnen versichern, diese Tiere sind kerngesund.» Schliesslich werde an mindestens drei Rundgängen pro Tag kontrolliert, ob sie aus gesundheitlichen Gründen ausgemerzt werden müssten. Hierzulande hätten Ross-Küken grundsätzlich wenig Bewegungsprobleme, weil sie in 36 Tagen nicht zu schwer würden. Die Gesundheit sei inzwischen auch in der Zucht eines der wichtigsten Selektionskriterien. «Zu viele Abgänge gehen ja auch wirtschaftlich nicht auf.» Dennoch gehören sie zur Mast. In schnell wachsenden Herden betrage die «Mortalitätsrate» 1 bis 4 Prozent und sei in der Regel niedriger als im Freiland, wo die Tiere auch durch Raubvögel oder Füchse umkämen.Tag 36, Montag, 6. April: Erkundungstouren10 Uhr 02: «Die Küken haben ihre erste Nacht draussen gut überstanden», schreibt Lia. «Ich bin gestern Abend noch bei ihnen geblieben, bis es dunkel war, weil sie rufen, wenn sie etwas nicht kennen.»Am Nachmittag liegen Rosso und Ruby unter den Bäumen. Sie sind häufig zusammen, während die anderen immer ausgiebigere Erkundungstouren unternehmen. Alle sind inzwischen gross genug, um den ganzen Tag draussen zu sein.Rossis Gang ist auf der unteren Seite des Geheges unterwegs, wo die Blüten bereits den Boden bedecken und die Küken austesten, ob man die auch fressen kann. Einzig der frühere Mitläufer Bibo sucht nun weit entfernt nach Würmern. Und auch Rosso entdeckt Lia häufiger allein. «Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht mehr mitkommt.» Dafür zeigt sie noch ein Überraschungsvideo, in dem die Küken in der Dämmerung auf ihre Beine springen. Als sie ihren Faserpelz öffnet, kriecht eines nach dem anderen hinein und unter ihre Arme.Noch sind nicht alle Federn gewachsen: Rosso erprobt die Freiheit.Tag 51, Dienstag, 21. April: Muss Rosso eingeschläfert werden?Rosso hat einen Termin bei Remy Sprecher, Tierarzt und Hühnerspezialist in Dietlikon. In den vergangenen Tagen ist er noch mehr gesessen als sonst. Jetzt wartet er im Katzenkistchen und macht keinen Mucks. Auch von den anderen ist höchstens einmal ein «Gak» zu hören. Vier Hühner hat Valentina Zibung mitgebracht. Als Tierheilpraktikerin ist sie auf dem Hof Narr für die Gesundheitsfragen zuständig. Zudem wird Lia bald zu einer langen Reise aufbrechen.«2,4 Kilo», sagt Sprecher, der Rosso wägt: 200 Gramm über dem durchschnittlichen Schlachtgewicht und damit gleich schwer wie das Schweizerhuhn Billy, das vor ihm an der Reihe war. Rosso ist sieben Wochen alt, Billy sechs Jahre. Rassehühner werden vier bis sieben Jahre alt.«Kräftige Beine hat er zwar, aber auch sie können dieses Gewicht nicht ewig tragen», sagt Sprecher, während er Rosso abtastet, den Bauch, die Beine, die Knie. Er ist auf Heimtiere spezialisiert, behandelt aber auch Lege- und Masthybriden. Rosso piepst schrill. «Das linke Knie ist geschwollen. Er reagiert stark, auch wenn ich nur leichten Druck ausübe.»Dann hört Sprecher Herz und Lunge ab. Masthybriden können auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln, wenn ihre Körper schneller wachsen als Herz und Lungen. «Sie atmen, und ihre Herzen pumpen, können den Körper aber trotzdem nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgen», so erklärt Sprecher die sogenannte Bauchwassersucht oder Aszites. Irgendwann sei der Kreislauf überlastet und der Druck in den Lungengefässen zu gross, die rechte Herzkammer versage, und Flüssigkeit drücke in den Bauchraum.Nach Aszites sieht es aber nicht aus, immerhin: «Seine Atemgeräusche sind leicht verstärkt, das könnte aber auch Nervosität sein.» Doch wie schlimm ist es? Muss Rosso eingeschläfert werden? «Nicht zwingend, zumal er noch sehr lebhaft ist. Aber gegen die Schmerzen muss man etwas unternehmen.»Damit ist dieses Projekt an einem Punkt angekommen, der noch nicht durchdacht wurde. Ziel war es, herauszufinden, wie viel Huhn in diesen Hybriden steckt. Wie sie sich unter bestmöglichen Bedingungen entwickeln.Wir wollten die Küken so naturnah wie möglich aufwachsen lassen, also ohne Impfungen, Medikamente oder Zusätze im Futter. Aber Rosso leidet. Also bekommt er von nun an doch zweimal täglich Metacam, einen Schmerz- und Entzündungshemmer. «Erholen werden sich seine Gelenke nicht», sagt Sprecher, «aber die Schmerzen können wir ihm nehmen, zumindest für eine Weile.»Rosso darf zurück auf den Hof Narr. Im Gegensatz zu Petunia, einer Legehenne, die vor fünf Jahren ausgestallt wurde und den Unterleib voller Zysten hat. Operieren? Das würde zu viel Leiden bedeuten. Stattdessen zieht ihr Sprecher eine Maske an, aus der sie in den nächsten Minuten Narkosegas einatmet. Valentina hält sie in den Armen, streichelt Petunia, bis sie einschläft. «So ein Scheiss», sagt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. «Dabei wäre es so einfach: keine Eier, kein Poulet.»Weite Welt: In einem Mastbetrieb hätte Rossi (links) eine Fläche in der Grösse eines A4-Blatts zur Verfügung.Tag 54, Freitag, 24. April: Wo ist die rote Linie?9 Uhr 25: «Bibo ist tatsächlich ein Hahn», schreibt Lia. «Er hat heute Morgen ganz deutlich gekräht. @Carole: Du müsstest langsam einen Platz suchen.» Krähen zu viele Hähne, beschweren sich die Nachbarn.Das grösste Problem aber ist das moralische Dilemma, das in diesem Projekt steckt. Und die Suche nach Antworten auf Fragen, auf die es keine richtigen Antworten gibt: Wo ist die rote Linie? Wie gut wirken diese Medikamente, und wann ist der Zeitpunkt, Rosso zu erlösen? Am besten beantworten können sie all jene, die die Tiere in ihrer Obhut haben und von nun an stündlich vorbeischauen: Sarah, Valentina und das Hof-Narr-Team.Die Mittel schlagen an. Es kommen wieder Updates und Videos, die das gute Hühnerleben beweisen: Rosso beim Körnerpicken, Rosso beim Sandbaden, Rosso mit Baldur, einem erwachsenen, ziemlich machoiden Hahn. Zu Rosso aber ist er fast charmant. Ist Rosso vielleicht doch eine Sie?Tag 63, Sonntag, 3. Mai: Hungern ist eine Form von Leid«Ja, Rosso ist eine Henne und Rossi ein Hahn», sagt Sarah im Gehege, von einer Hühnerschar umgeben. Auf ihrem Schoss: Rossi, jetzt eindeutig mit einem grösseren, roten Kamm und mit rund 3 Kilo nur noch 300 Gramm leichter als Rosso. Weil auch er angefangen hat, Insekten im Sitzen zu fangen, bekommt er nun ebenfalls Metacam – präventiv.Es gehe den beiden prima, sagt Sarah, die Tiere im Zweifelsfall lieber früher als später erlöst. Aber es ist ein Abwägen, Stunde für Stunde. «Eine strikte rote Linie gibt es nie.» Besonders bei Hühnern, die Schmerzen kaum zeigen und schwerer zu lesen sind als andere Tiere. «Darum müssen wir bereit sein, blitzschnell zu handeln.» So schnell wie bei Günther, dem Truthahn. Vorgestern wurde er eingeschläfert, hier, in seinem Zuhause.Auch Günther hatte statt eines normalen Sättigungsgefühls einen auf maximale Fleischzunahme ausgerichteten Stoffwechsel. Könnte man diesen Tieren nicht einfach etwas weniger zu fressen geben, damit sie nicht weiter zunehmen? «Nein», sagt Sarah, «Hungern ist eine andere Form von Leid.»Und sie sind ja auch noch nicht so schwer wie die sechs Hennen auf der anderen Zaunseite, die Rossos und Rossis Mutter sein könnten. Sie stammen von Sodis Bruteier AG in Schnottwil (SO). Das ist der Mastelternbetrieb, der seine Eier an die Brüterei Wüthrich liefert. Dort hungern die Tiere nicht, wie der Betriebsleiter Adrian Eberhard klarstellt: «Wir portionieren jeden Tag die Futtermengen, damit die Hennen ihr Zielgewicht halten und für die Produktion optimal leistungsfähig bleiben.» Füttere man zu wenig, sei die Legeleistung nicht gut und die Qualität der Eier schlecht. Ausgestallt werden sie nach 62 Wochen mit rund 4,2 Kilo, die Hähne mit 5 Kilo.Dass den Hennen auf dem Rücken Federn fehlen, sie stellenweise kahl sind, erklärt Eberhard mit dem «regelmässigen Tretakt»: Wenn der Hahn die Henne tritt, wie es im Fachjargon heisst, also begattet, hält er sich mit den Krallen fest. «Das führt zu einem mechanisch bedingten Ausfall der Federn.» Aber das ist jetzt vorbei. Ebenso das Leben im geschlossenen Stall mit 12 000 anderen Hühnern, unter künstlichem Licht. Jetzt müssen diese Hennen lernen, in der Natur zu leben.In Westeuropa geht der Trend weg von schnell wachsenden Hybriden wie Ross 308. In den Niederlanden wird frisches Poulet seit 2023 nur noch mit einem Label verkauft, das unter anderem eine Mindestmastdauer von 56 Tagen verlangt. Jüngst hat Norwegens Geflügelbranche beschlossen, Ross 308 aus der Produktion zu verbannen. Und hierzulande will die Migros mit der Linie Optigal auf diese Küken verzichten.Doch langsamer wachsende Hybriden fressen mehr, bis sie Poulet sind. Das belastet nicht nur die Umwelt stärker, auch der Preis für die Konsumenten steigt. Wären die bereit, mehr für ein «Brüstli» zu bezahlen? Wohl kaum. Freiland- und Biopoulets gibt es ja bereits, doch sie machen weniger als 10 Prozent der einheimischen Produktion aus. Und wem Schweizer Poulet jetzt schon zu teuer ist, kauft das billige aus Brasilien, wo es keine verbindlichen Mindeststandards gibt.Auch in den EU-Ländern sind die Bedingungen mit Besatzdichten von bis zu 42 Kilo statt der hiesigen 30 Kilo pro Quadratmeter viel schlechter. Und von einem Wintergarten können viele EU-Hühner nur träumen. Ändern will das die Initiative «Better Chicken Commitment», der sich Firmen wie Nestlé angeschlossen haben. Sie fordert nicht nur Besatzdichten wie in der Schweiz, sondern auch langsamer wachsende Tiere. Ebenso wie Forschende, die im Auftrag der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ein Gutachten verfasst haben: Sie empfehlen sogar nur 11 Kilo pro Quadratmeter, um den Hybriden zu ermöglichen, noch Hühner zu sein.Tag 85, Montag, 25. Mai: Gefangene ihres KörpersEs ist Sommer. Der Holunder blüht und verbirgt das Hühnerhaus in einem Dschungel von Grün. Mit 12 Wochen wären die fünf ehemaligen Küken inzwischen alle Poulet. Selbst der «sehr langsam» wachsende Bibo. Stattdessen ist er ein Hahn mit schönen Schwanzfedern, 2,2 Kilo schwer.Er sitzt im Schatten, Seite an Seite mit Hubby, seiner Lieblingshenne. Vielleicht gefällt Bibo, wie schlank sie trotz ihrer mittelschnellen Genetik geblieben ist: Statt 3,8 Kilo wiegt sie nur 2,4 und ist damit auch leichter als Ruby, das anfänglich scheueste aller Küken, jetzt das eigenbrötlerischste. Ihre braunen Federn verschwinden fast im hohen Gras.Wo aber sind Rosso und Rossi? «Lange geht es nicht mehr», hatte Sarah vorhin gesagt, was niemanden überrascht. Erwartet hätte jedoch selbst sie nicht, dass Rossi, die Abenteurerin von einst, mit 4,7 Kilo der schwerste aller Hofhähne wird. «Es ist die Perversion der Zucht.»Da sind sie ja, im Haus der Seidenhühner, am Sandbaden, Federnputzen, Scharren. Sie haben sich gut in die Hühnergruppe integriert, sind aber immer noch viel beieinander. Und auch wenn sie in Freiheit leben, bleiben sie Gefangene ihres Körpers.Am längsten beschäftigen wird uns vermutlich Bibo, der ein Zuhause braucht. Doch niemand will einen Hahn.Love-Story? Die Henne Hubby und der Hahn Bibo verbringen immer mehr Zeit miteinander.Ein Artikel aus der «NZZ Folio»