PfadnavigationHomeNewstickerDPAInfolineWissenschaft (DPA)Bericht: EU-Badegewässer doch nicht so unbedenklichStand: 04:34 UhrLesedauer: 4 MinutenVor allem Schwangere und Kinder sind gefährdet. (Symbolbild)Quelle: Elisa Schu/dpaViele europäische Badegewässer gelten als exzellent, doch Dutzende Gefahrenstoffe bleiben bei der offiziellen Bewertung außen vor. Experten kritisieren: Das kann für Badende zum Risiko werden.Die Qualität der deutschen und weiteren europäischen Badegewässer ist offenbar in bestimmten Fällen bei weitem nicht so unbedenklich wie von der zuständigen europäischen Behörde angegeben. Der Grund: Die Bewertung der Europäischen Umweltagentur EEA basiert lediglich auf Messungen von zwei Fäkalbakterien. Andere Erreger und Dutzende chemische Schadstoffe werden dagegen nach Angaben des Medienhauses Correctiv überhaupt nicht berücksichtigt, obwohl der Behörde auch diese Werte für Badegewässer vorliegen.In einem Mitte Juni veröffentlichten Bericht hatte die EEA Europas Badegewässern überwiegend eine ausgezeichnete Wasserqualität bescheinigt. Demnach hatten knapp 85 Prozent der mehr als 22.000 Badestellen in den 27 EU-Staaten sowie Albanien und der Schweiz eine exzellente Wasserqualität, 96 Prozent erfüllten immerhin die EU-Mindeststandards. In Deutschland hatten knapp 91 Prozent der rund 2.300 untersuchten Badestellen eine exzellente Wasserqualität.Allerdings beziehen sich die Angaben lediglich auf sogenannte intestinale Enterokokken und Escherichia coli. Diese Bakterien können bei Menschen zum Beispiel Magenverstimmungen, Durchfall oder Infektionen verursachen.Experte: Die Gewässer-Bewertung ist irreführendNicht berücksichtigt werden dagegen unter anderem Cyanobakterien - auch Blaualgen genannt - und chemische Schadstoffe wie etwa Pestizide, Mineralöle und PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). Letztere sind allgegenwärtig und reichern sich im Körper an. «Die gegenwärtige Bewertung reicht nach meiner Meinung nicht aus», sagte der Toxikologe Hans-Jörg Martin vom Universitätsklinikum Kiel der Deutschen Presse-Agentur (dpa). «Ein Gewässer kann die Grenzwerte von chemischen Stoffen sprengen und dennoch als exzellent eingestuft werden. Das ist irreführend.»Dass solche Fälle nicht selten sind, zeigt eine Analyse von Correctiv zu offiziellen Gewässerdaten der EEA - also derselben EU-Behörde, die den jährlichen Badegewässer-Bericht erstellt -, die auch chemische Schadstoffe berücksichtigen. Demnach gelten EU-weit mindestens 7.866 Badestellen gemäß den Vorgaben der Badegewässerrichtlinie als sauber, obwohl sie an Gewässern liegen, die nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind. Besonders viele Badestellen an belasteten Gewässern gibt es nach Correctiv-Angaben in Italien, Deutschland, Dänemark, Ungarn und Frankreich.In einer Stellungnahme der EEA hieß es, Grundlage für die Bewertung der Badegewässerqualität sei die EU-Badegewässerrichtlinie - und die sehe nur die zwei Fäkalbakterien vor. Etwaige Änderungen bei den zu berücksichtigenden Erregern oder Schadstoffen sowie bei Schwellenwerten wären Sache der EU-Mitgesetzgeber und nicht der EEA.«Potenzielle Folgen für die menschliche Gesundheit»Die aktuell vorgestellte Analyse basiert auf einem EU-weiten Monitoring, bei dem lokale Behörden Gewässer auf Dutzende chemische Schadstoffe untersuchen - von Schwermetallen wie Arsen über Pestizidrückstände bis hin zu Industriechemikalien wie PFAS. Diese Daten dienen der Überwachung der Ökosysteme und dem Schutz von Wasserlebewesen - in die Bewertung der Badegewässer fließen sie bisher nicht ein.Wie hoch die Belastung mit den Schadstoffen jeweils ist, geht aus den Messdaten nicht hervor. Allerdings sind laut Correctiv Fälle bekannt - etwa am Badestrand Filzteich in Sachsen -, in denen Gewässer so stark mit Schadstoffen belastet sind, dass Gesundheitsgefahren drohen können. «Würden die Behörden bei der Bewertung der Badewasserqualität auch chemische Parameter berücksichtigen, fänden sie belastete Badegewässer - mit potenziellen Folgen für die menschliche Gesundheit», sagte der Toxikologe Martin.EU-Kommission räumt Probleme mit Cyanobakterien einDieses Problem hat die EU-Kommission selbst eingeräumt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe dazu aufgerufen, Cyanobakterien in Badegewässern mehr Aufmerksamkeit zu widmen, heißt es in einem Bericht von 2025. Das sei insbesondere angesichts des Klimawandels wichtig, denn neben hohen Nähstoffkonzentrationen begünstigen auch höhere Temperaturen die Vermehrung dieser Erreger. Dann könne eine Badestelle auch dann mit Gesundheitsgefahren verbunden sein, wenn sie als exzellent eingestuft worden sei. Daher sollten in die Bewertung von Badegewässern neben Fäkalbakterien auch zusätzliche Stoffe einfließen, empfiehlt der Bericht.«An Badestellen sollte vor dem Baden gewarnt werden, wenn das Wasser nachweislich mit Schadstoffen in stark erhöhten Konzentrationen belastet ist», sagte der Chemiker Markus Große Ophoff von der Hochschule Osnabrück, der einer Expertenkommission des Umweltbundesamts (UBA) angehört. Dabei gelte es vor allem, vulnerable Gruppen wie Schwangere und Kinder zu schützen.«Meeresschaum oder auch der Schaum an Seen kann besonders stark mit PFAS belastet sein», erläuterte der Chemiker. Viele PFAS seien oberflächenaktiv. «Und Schäume bieten eine besonders große Oberfläche und reichern daher diese Schadstoffe an.»dpa-infocom GmbH
Bericht: EU-Badegewässer doch nicht so unbedenklich - WELT
Viele europäische Badegewässer gelten als exzellent, doch Dutzende Gefahrenstoffe bleiben bei der offiziellen Bewertung außen vor. Experten kritisieren: Das kann für Badende zum Risiko werden.








