Die Stollenschuhe von Dana Graur klackern auf den Steinen, als sie Richtung Rasen läuft. Ihre dunkelbraunen Haare hat sie zu einem Knoten zusammengebunden, das Piercing an ihrem rechten Ohr hat sie abgeklebt. 08:56 Uhr zeigt ihre Smartwatch. Noch vier Minuten bis zum Anpfiff: TuS Makkabi gegen TuS Nieder-Eschbach, Blau gegen Rot. Am Spielfeldrand stehen Eltern und Trainer bereit, um die Spieler anzufeuern. Auch Danas Eltern sind zum Sportpark Preungesheim gekommen, außerdem ihre Freundin Nella und ihr kleiner Bruder. Dana braucht ihre Unterstützung. Denn sie allein wird über das Spiel entscheiden. Nicht mit dem Ball, sondern mit der Trillerpfeife.Es ist das dritte Spiel, in dem die 16 Jahre alte Schülerin als Unparteiische pfeift. Ihr Fußballtrainer beim VfR Bockenheim hatte sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, selbst Spiele zu leiten. Schon vorher hatte Dana genau auf die Schiedsrichter geachtet, wenn sie auf der Bank saß. Sie wollte verstehen, „was die Schiris da machen“. Insgeheim dachte sie: „Ihr seid voll cool.“Für junge Fußballbegeisterte ist die Schiedsrichterei ein lukrativer Nebenjob: Zwischen 25 und 30 Euro bekommen Einsteiger pro Spiel, außerdem Essen, Trinken und die nötige Ausstattung. Auch die Fahrtkosten am Spieltag werden erstattet. Der größte Vorteil ist für viele jedoch ihr Schiri-Ausweis. Mit ihm kommen sie das ganze Jahr über ins Stadion – selbst bei Bundesligaspielen haben Schiedsrichter freien Eintritt.„Pfeifen und entscheiden, das ist mein Recht“Genügend Nachwuchs zu finden, ist deshalb nicht schwer. Weiblichen Nachwuchs zu finden, hingegen schon. Seit knapp fünf Jahren spielt Dana Fußball, nicht ein einziges Spiel sei in dieser Zeit von einer Frau gepfiffen worden, sagt sie. Laut einer Statistik des Deutschen Fußball-Bundes lag der Frauenanteil unter den insgesamt 61.027 Schiedsrichtern in Deutschland im vergangenen Jahr bei 4,5 Prozent. Je nach Einzugsgebiet wurde diese Quote sogar noch unterschritten. Es ist ein Henne-Ei-Problem: ohne Vorbilder wenig Nachwuchs, ohne Nachwuchs wenige Vorbilder. Auch deshalb will Dana Schiedsrichterin werden.Ihre Gelbe und Rote Karte und die Spielnotizkarte bewahrt Dana in der Brusttasche auf.Emil EichingerZur Ausbildung gehört ein Lehrgang, bei dem die 17 Fußballregeln eingeübt werden. Wer den anschließenden Regeltest und eine Laufprüfung erfolgreich absolviert, ist bereit für die sogenannten Patenspiele: Bei mindestens drei der ersten Spieleinsätze steht den Neulingen ein erfahrener Schiedsrichter zur Seite, um Fragen zu beantworten und Feedback zu geben.An diesem Sonntagmorgen ist Claudia Demuth als Patin vor Ort. Auf dem Platz müssen noch die Ecken mit kleinen Plastikhütchen markiert werden, sonst kann das Spiel nicht beginnen. Demuth erinnert Dana daran, den Trainern Bescheid zu geben. In den Spielverlauf wird sie aber nicht eingreifen. „Wenn ich zwischendurch reinrufen würde, dann würde das Danas Autorität als Schiedsrichterin untergraben“, sagt Demuth. „Deswegen mache ich mir Notizen und bespreche sie in der Halbzeit. So kann Dana in Ruhe ihr Spiel pfeifen und wird nicht nervöser.“Entscheidungsfreude, Mut, EntschlossenheitDie erinnert sich noch gut an die Anspannung während ihres ersten Einsatzes: „Ich habe die Spielnotizkarte rausgeholt, um aufzuschreiben, wer ausgewechselt wurde, und meine Hand hat gezittert“, erzählt Dana. Von der Seitenlinie kamen immer wieder Zwischenrufe, mehrmals passierten ihr Fehler. Dennoch weiß Dana: Auf dem Rasen ist sie der Boss. „Pfeifen und entscheiden, das ist mein Recht“, sagt sie. „Wenn ich Abseits pfeife, dann ist es Abseits.“ Nervös ist sie trotzdem, als sie schließlich zur Spielfeldmitte läuft, den Arm hebt und in ihre Trillerpfeife bläst.Niemand beherrsche in den ersten Spielen schon alles perfekt, sagt Patrick Werner vom Hessischen Fußball-Verband. Viel mehr komme es auf drei bestimmte Eigenschaften an: Entscheidungsfreude, Mut, Entschlossenheit. „Selbst in einer hochkomplexen Situation ist erst mal wichtig, dass sich so eine junge Schiedsrichterin traut, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, in diese Pfeife zu pusten und ihre Frau zu stehen“, sagt er. Außerdem sollte sie sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen. Schließlich gebe es viele Störfaktoren: „Spieler, die versuchen, das Beste für sich rauszuholen. Trainer, die versuchen, einzuwirken. Zuschauer, die irgendwas reinrufen.“„Je mehr von euch anfangen, desto cooler wird es“Als Teil des Verbandslehrstabs ist Werner für die Ausbildung von Schiedsrichterinnen zuständig. Um mehr Mädchen dafür zu begeistern, bietet er einen hessenweiten „Girls Only“-Lehrgang an, dessen Kosten der Verband trägt. Das Ausbildungsformat umfasst zwei Onlineseminare, in denen die Regeln besprochen werden, und ein Präsenzwochenende, an dem das Gelernte vertieft wird.Dazu lädt Werner eine Spitzenschiedsrichterin ein, die ihre Erfahrungen teilt. „Da geht es nicht um das Fachliche, das ist ja bei allen gleich“, erklärt Werner. „Aber ich glaube schon, dass Frauen manche Situationen noch mal anders erleben als Männer.“ Das Präsenzwochenende ist deshalb auch eine wichtige Möglichkeit für die Mädchen, sich untereinander zu vernetzen. Von Anfang an sollen sie das Gefühl haben: „Ihr seid nicht alleine. Je mehr von euch anfangen, desto cooler wird es.“Tor, Abseits oder Spielerwechsel? Alle wichtigen Ereignisse notiert Dana auf ihrer Spielnotizkarte.Emil EichingerDas Konzept scheint aufzugehen. Im Januar hat der „Girls Only“-Lehrgang zum zweiten Mal stattgefunden, die Teilnehmerinnenzahl hat sich dabei mehr als verdoppelt. Unter den etwa 15 Neulingen war auch Dana. Den Regeltest am Ende des Lehrgangs bestand sie damals nicht. Sie verspürte großen Druck, die Fragestellungen waren anwendungsbezogen und komplex. „Aber ich wollte ihn noch mal machen, weil ich mir sicher war, dass ich das kann“, erzählt Dana. Beim zweiten Anlauf klappte es.Auf dem Rasen in Preungesheim bewegen sich rote und blaue Trikots durcheinander, zwischen ihnen läuft Dana umher, manchmal auch rückwärts. Im Hintergrund zwitschern Vögel, aus der Ferne wabert das Rauschen einer größeren Straße über den Platz. „Bleib cool“, ruft der Trainer von der einen Seite. „Über innen“, ruft der Trainer von der anderen Seite. „Schieß“, rufen die Eltern am Spielfeldrand. Der Junge im blauen Trikot schießt, die Eltern klatschen. Dana pfeift. 1:0 für Makkabi.Auf einmal poltert es von der Seite: „Ich will doch sehen, wie meine einzige Rote Karte sich schlägt!“ Lachend begrüßt Demuth den Mann in der Trainingsjacke, der sich als Heinz Danz vorstellt. Als Ansetzer bei der Schiedsrichtervereinigung Frankfurt ist er für die Spieleinteilung der Unparteiischen zuständig, außerdem ist er selbst seit vielen Jahren Schiedsrichter.„Ein Schiedsrichter braucht Temperament“Dana hat er schon als Fußballerin erlebt. Sie schoss die meisten Tore – trotzdem musste Danz sie schließlich wegen zweimaligen Fehlverhaltens mit Gelb-Rot vom Platz schicken. „Bei Mädchen passiert das extrem selten“, sagt er. „Aber es zeigt auch, dass sie Temperament hat. Und ein Schiedsrichter braucht Temperament, um sich durchzusetzen.“ In diesem Moment ertönt der Halbzeitpfiff. Zeit für Feedback.Ansetzer Danz und Spielpatin Demuth geben Dana Tipps für die zweite Halbzeit.Emil EichingerSpielpatin Demuth rät Dana, näher am Ball zu bleiben und genauer auf korrekte Einwürfe zu achten. „Einer war falsch, das habe ich gesehen“, räumt Dana ein. „Warum hast du nicht gepfiffen?“, fragt Danz. „Du hast die Pfeife im Mund gehabt, aber dann haben die Eltern angefangen zu meckern.“ Alle drei müssen lachen. „Wenn du’s siehst: pfeifen“, sagt Demuth.„Es ist eine Umstellung vom Fußballer zum Schiri“, erklärt Danz. Das Stellungsspiel sei ein anderes – man müsse sich neben dem Spiel bewegen und voraussehen, was passiert, um rechtzeitig am richtigen Ort zu stehen. Er kickt den Ball vor sich her, signalisiert Dana, dass sie ihm folgen soll, zeigt ihr, wie sie sich am besten positioniert. „Du hast richtig Potential“, sagt Danz. Wenn sie einmal die Laufwege verinnerlicht habe, werde Dana es noch leichter haben: „Ich glaube, dass du dann ruck, zuck auch die großen Jungs pfeifen wirst.“Wer in höhere Spielklassen aufsteigen will, sollte laut Ausbilder Werner mehrere Dinge beachten. Die Laufprüfung, die jeder Schiedsrichter neben dem Regeltest einmal pro Saison absolvieren muss, wird in den oberen Ligen deutlich anspruchsvoller. Außerdem werden Schiedsrichter ab einer gewissen Spielklasse beobachtet, benotet und am Ende der Saison in einem Ranking aufgeführt. Eine gute Platzierung ermöglicht den Aufstieg um eine Klasse. Es gibt aber auch eine Art Schnellspur, den Förderkader. Dort erhalten talentierte und engagierte Unparteiische ein spezielles Coaching und zusätzliche Schulungen, um sich auf die höheren Ligen vorzubereiten.Die zweite Halbzeit beginnt, ein Spieler wirft den Ball nicht richtig ein. Diesmal pfeift Dana. Ein Junge im blauen Trikot wird von einem gegnerischen Ball getroffen. Dana pfeift. Der Ball landet im Netz. Abseits, entscheidet Dana und pfeift. Makkabi schießt noch ein Tor. Diesmal gilt es: 2:0 für Makkabi. Dana pfeift. „Oaah“, sagt Danz, „der Pfiff war richtig schön laut.“ Während Dana so über den Rasen läuft, das Kinn erhoben, die Schultern gerade, die Pfeife in der Hand, sieht sie selber ziemlich cool aus. Nach 60 Minuten Spielzeit pfeift sie zum letzten Mal, zumindest für diesen Tag. Lang, laut und schwungvoll.