Deniz Göktaş wusste, was ihn am Flughafen erwarten würde. Der Komiker hatte bei einem Auftritt den türkischen Präsidenten ungewöhnlich offen kritisiert. Seit Tagen war er Stadtgespräch in Istanbul; 8,6 Millionen Mal wurde seine Stand-up-Show „Totes Meer“ oder auch „Toter Deniz“ auf Youtube schon angeklickt. Deniz ist das türkische Wort für Meer. Am Donnerstag kehrte Göktaş von einer Urlaubsreise zurück und wurde bei der Einreise an der Passkontrolle festgenommen.Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass gegen ihn wegen „Beleidigung religiöser Werte“ ermittelt werde. Am Donnerstag kam türkischen Medienberichten zufolge der Vorwurf der Präsidentenbeleidigung hinzu. Der entsprechende Paragraph im Strafgesetzbuch wird regelmäßig gegen Kritiker Recep Tayyip Erdoğans angewandt. Seit Erdoğan 2014 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, sind 160.000 Ermittlungen wegen Präsidentenbeleidigung eingeleitet worden. Göktaş soll am Freitag einem Haftrichter vorgeführt werden.Der Komiker wurde im selben Jahr geboren, in dem Erdoğan zum Bürgermeister von Istanbul gewählt wurde: 1994. „Wir haben eine gemeinsame Reise hinter uns“, sagte Göktaş dazu. In dieser Zeit habe er dem Politiker dabei zugesehen, wie er sich „von einem schüchternen Diktator zu einem Diktator entwickelt hat, der mit seiner Identität im Reinen ist“.Wenn man ignoriere, was das für die übrigen Türken bedeute, sei das doch eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeitsentwicklung, spottete Göktaş. Er sei studierter Psychologe und wünschte sich, Erdoğans Therapeut zu sein. Aber für diesen Job werde sicher ein Verwandter eingestellt, „um das Geld in der Familie zu halten“. Damit bezog er sich auf die beiden Schwiegersöhne Erdoğans: der eine ein früherer Finanzminister, der andere Chef eines Rüstungsunternehmens.Regierungskritiker loben ihn als mutigFür ein türkisches Publikum waren das unerhörte Sätze. Nicht nur türkische Journalisten, auch Satiriker und Komiker üben sich seit Jahren in Selbstzensur. Erst vor wenigen Monaten waren vier Mitarbeiter des Satiremagazins „LeMan“ festgenommen worden. Kaum jemand wagt es, den Namen des Präsidenten auszusprechen. Viele Komiker sprechen in Metaphern, wenn sie nicht ins Slapstick-Milieu gewechselt sind. Göktaş' Auftritt auf einer bekannten Istanbuler Bühne hätte wohl nicht viel Aufmerksamkeit bekommen, hätte er nicht einen Mitschnitt davon am 24. Juni auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht.Der Komiker ging auch auf den inhaftierten Erdoğan-Rivalen Ekrem İmamoğlu ein. Wie man höre, lese dieser viel im Gefängnis. Unter anderem den Koran. „Offenbar liest er jene Teile des Korans, die sich mit Gerechtigkeit befassen“, scherzte Göktaş. Er sprach auch über das türkische Bildungssystem, das über historische Ereignisse schweige, wie den Pogrom von Sivas gegen ein alevitisches Kulturfestival am 2. Juli 1993. Göktaş stammt selbst aus einer alevitischen Familie. Manche halten es für symbolisch, dass er am 2. Juli festgenommen wurde. Das Datum hat für Aleviten in der Türkei eine große Bedeutung.Aus regierungsnahen Kreisen wurde Göktaş in sozialen Medien harsch attackiert. Erdoğans Kritiker lobten ihn dagegen als mutig. „Endlich hat jemand offen gesagt, dass der Kaiser nackt ist“, sagte der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar vorige Woche in einem Video. „Er weiß, wie Humor zu einer Waffe des Widerstands wird, die in nur zwei Tagen zwei Millionen Menschen Mut einflößen kann.“