Es ist wirklich egal, wo man in dieser Welt hinkommt – zwei Aufkleber finden sich überall. In der versifftesten Toilette, die der Bahnhof von Neapel zu bieten hat, an der Rolltreppe im New Yorker Trump Tower, in den Gängen der Cheops-Pyramide in Gizeh: Stets grüßt irgendwo ein blaues Signet des Erfolgsklubs TSV 1860, gleich daneben, drunter oder drüber ist meist ein dottergelbes Oval geklebt: „Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“Während „Einmal Löwe, immer Löwe“ als ein der Traditionslinie von Sisyphus entsprungenes Leidensbekenntnis gelesen werden kann, ist bei dem Spruch der Streber aus dem deutschen Südwesten die Frage offen, ob er einfach nur sehr selbstbewusst ist oder den eigenen Größenwahn selbstironisch einordnet. Mittlerweile jedenfalls wurde die Kampagne Opfer des eigenen viralen Erfolgs. Obwohl die Sticker extra auf veganer, PVC-freier Folie gedruckt wurden, bat das Staatsministerium Baden-Württemberg irgendwann, die Aufkleber lieber zu fotografieren, als überall hinzupflastern. Die Umwelt.Özdemir kann nachweislich gut singen, den Landessong überlässt er aber anderenDas Ländle wird schließlich grün regiert – und hat nun einen ökologisch noch korrekteren Weg gefunden, das eigene Image zu polieren. In einem Video, das die Stuttgarter Regierungsaccounts in den sozialen Medien verbreiten, sieht man den neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir Treppen hochspurten. Im Anzug, aber sehr dynamisch, auf die Frage „Herr Ministerpräsident, was hören Sie da gerade?“ nimmt Özdemir seine Kopfhörer ab, Mister Bodenständig hat natürlich noch welche mit Kabeln im Ohr und keine so komische Zahnbürstenköpfe mit Bluetooth-Technik. Er höre den „Gewinnersong zum Landesjubiläum“, antwortet Özdemir. Kenner der Nachkriegsgeschichte wissen natürlich, dass Baden-Württemberg sich erst mit leichter Verzögerung unter den Bundesländern einreihte, 1952. Im kommenden Jahr steht also der 75. an.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Als wild zusammengeflanschte, verspätete Nation der alten Bundesrepublik hat Baden-Württemberg keine eigene Landeshymne, Lokalpatrioten schmettern wahlweise das „Badenerlied“ („Das schönste Land in Deutschlands Gauen“), das „Lied der Württemberger“ („Preisend mit viel schönen Reden“) oder das Hohenzollernlied („Nicht weit von Württemberg und Baden, von Bayern und der schönen Schweiz“). Und weil Cem Özdemir zwar beeindruckende Interpretationen von Schuberts Forelle draufhat, wie man seit seinen Facebook-Videos aus der Corona-Lockdownzeit weiß, aber als Ministerpräsident natürlich nicht alles selber machen kann, gab es nun eine Volksabstimmung über einen Song zum Landesjubiläum. Gewonnen hat, verrät Özdemir im Video nach einem Trommelwirbel mit seinen Zeigefingern: „The Länd“ von der Mannheimer Band Faxen.Die entpuppt sich nachweislich ihrer Instagram-Seite als ein Quartett mit Vorliebe zu knallbunten Ballonseide-Sportoutfits im Retro-Stil. Wer ganz genau hinsieht, kann auf einem das Signet eines großen deutschen Discounters erkennen, ansässig in Neckarsulm, Ländle. Und auch sonst scheint Faxen mit Heimatliebe nicht zu geizen: Sie besingen „Omas Kartoffelsalat“ bei Reggae-Rhythmen und die Deutsche Bahn, bei einer Band aus dem Stuttgart-31-Land BaWü wird das natürlich kein Liebeslied.Eigentore kommen im Wachstumssektor Regionalmarketing ja immer mal wieder vorNun also: „The Länd“. Nach einer einleitenden Synthesizer-Fanfare im Neue-Deutsche-Welle-Stil folgt „Neuer Deutscher Schabernack“, wie die Band ihr Genre betitelt. Sängerin Shana Moehrke kombiniert in der Folge freche Ansagen an Landesklischees („Will nicht mehr kehrn, nehm die Woche frei“) mit Landeskunde („Damals, 1952, haben sich Baden, Württemberg und Hohenzollern gedacht: Komm, das kriegen wir gemeinsam besser hin“), Verweise auf gelbe Sticker fehlen natürlich auch nicht. Der Song, musikalisch irgendwo zwischen einer schwäbischen Nina Hagen und den zwischenzeitlichen Dozenten an der Popakademie Mannheim Wir sind Helden anzusiedeln, gipfelt im Refrain: „The Länd, ich fühl mich zu dir hingezogen/ The Länd, halt die Brezel nach oben“.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Nun ist die Frage, wo bei einer Breze oder Brezel oben ist, regional sehr umstritten, nicht nur in Baden-Württemberg – Faxen, so warf ein im Pop wie in Sachen Backwaren bewanderter Kollege ein, würde die Breze auf dem Bild zum Song eindeutig falsch herum halten. Das wäre dann entweder Selbstironie oder ein Eigentor, solche kommen im Wachstumssektor Regionalmarketing ja immer mal wieder vor. Mit seinem Claim „Das Land der Frühaufsteher“ wollte Sachsen-Anhalt seine Aufgewecktheit demonstrieren (im Schnitt stehen die Leute dort laut einer Studie um 6.39 Uhr auf und damit neun Minuten früher als der Bundesschnitt). Man darf aber davon ausgehen, dass mehr Langschläfer angeekelt wegblickten, wenn sie durch Schilder am Autobahnrand im Land der Frühaufsteher willkommen geheißen wurden, als Investoren sofort zu googeln begannen, wo es hier geeignete Immobilien für einen neuen Standort gibt. Und als das Sachsen ohne Anhalt sich den Spruch „So geht Sächsisch“ ausdachte, mussten Agentur und Auftraggeber bald merken, dass das nach hinten losging. Viele Nichtsachsen sahen in dem Claim den idealen Kommentar, den man unter Nachrichten über die damals aktive Pegida-Bewegung posten konnte – um so Humor und die eigene politische Stabilität nachzuweisen.Solche Klopper sind in „The Länd“ bislang nicht auszumachen. Der erste Kommentar, der sich unter dem Video des Songs auf Youtube gepostet wurde, ist denn auch eher objektive Beschreibung denn sarkastischer Kommentar: „Die Singstrophe klingt doch teilweise wie ‚Berlin‘ von Ideal – nur etwas langsamer.“
„The Länd“ von „Faxen“: Wie klingt Baden-Württemberg, Cem Özdemir?
Nachdem das Bundesland die Welt jahrelang mit gelben Stickern verschandelt hat, versucht es nun, mit „The Länd“ im Gehör kleben zu bleiben.








