Bahnfahrern und Berufspendlern im Rheingau und in Wiesbaden stehen herausfordernde Zeiten bevor: Vom 10. Juli an saniert die Bahn AG die rechtsrheinische Strecke im Mittelrheintal zwischen der hessischen Landeshauptstadt und Troisdorf bei Bonn. Die etwa 160 Kilometer lange Strecke wird deswegen voraussichtlich bis zum 12. Dezember voll gesperrt sein. Die Bahntochter DB InfraGO erneuert Gleise, Weichen, Stellwerke und Signale. Auch die 36 Bahnhöfe an der Strecke werden modernisiert. Die Kosten der Generalsanierung mit ihren mehr als 600 Einzelvorhaben beziffert Projektleiter Frank Schmidt auf rund 1,3 Milliarden Euro.„Ich habe ein perfektes Team und kann gut schlafen“, sagt Schmidt mit Blick auf die anstehende Mammutaufgabe. Dort, wo die Gleise noch nicht direkt betroffen sind, hat die DB InfraGo schon mit den Arbeiten begonnen, und laut Schmidt liegen sämtliche Projekte im Zeitplan. Das soll auch so bleiben. „Wir haben ein sehr enges Monitoring und einen Bauablaufplan, der tagescharf ist“, sagt der Projektleiter und ergänzt: „Wir haben jeden Morgen und Abend Baubesprechungen, während denen wir einen Soll-Ist-Vergleich machen.“2000 Menschen sollen an der Strecke arbeitenAn einem Großteil der Strecke wurden 320 sogenannte Baueinrichtungsflächen geschaffen, die eine Gesamtfläche von etwa 470.000 Quadratmetern haben, was circa 65 Fußballfeldern entspricht. „Wir müssen rund 120.000 Tonnen Schotter umlagern, und wir werden etwa 40.000 Schwellen austauschen“, erläutert Schmidt. An der Strecke arbeiten insgesamt 2000 Menschen.Weil im Rheintal nicht immer ausreichend Platz vorhanden ist, stellt die Logistik eine der größten Herausforderungen dar. Viele Materialien werden laut Schmidt „just in time“ geliefert, entweder mit Bahn- oder Lastwagen. In Einzelfällen setzt die Bahn auch Hubschrauber ein. Dies ist beispielsweise in Lahnstein der Fall, wo ein Helikopter Signale transportieren soll. Aktuell sucht die Bahn nach einer Fläche, die als Landeplatz genutzt werden kann. Etwa 120 Signale sollen mit einem Hubschrauber eingeflogen werden, der Rest der Anlagen wird konventionell transportiert.Derzeit sind täglich rund 470 Züge auf den links- und rechtsrheinischen Strecken unterwegs, und es sollen laut Schmidt auch künftig nicht erheblich mehr dort fahren. „Wir machen keine kapazitätserhöhenden Maßnahmen, sondern wir sorgen dafür, dass die Qualität verbessert wird und wir damit einen pünktlichen Betrieb sicherstellen können.“ Das werden viele Rheingauer mit Freude hören, denn vor allem die RB10 ist in der Vergangenheit immer wieder ausgefallen – die Unzuverlässigkeit der Rheingaulinie ist ein Dauerthema. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Prognosen des Bundesverkehrsministeriums von 2030 an insgesamt 496 Züge je Tag erwarten, was einer Steigerung von rund 5,5 Prozent auf beiden Rheinstrecken entspricht.Digitales System zur Steuerung der ZügeWährend der Arbeiten sollen sechs Stellwerke durch neue elektronische Anlagen ersetzt werden. Diese liegen in Rüdesheim, Niederlahnstein, Koblenz-Ehrenbreitstein, Engers, Neuwied und Bonn-Beuel. Bestehende elektronische Stellwerke entlang der Strecke werden angepasst. Die Stellwerke im südlichen Abschnitt zwischen Wiesbaden und Oberlahnstein werden während der Sanierung in Betrieb gesetzt. Die drei Stellwerke im nördlichen Abschnitt zwischen Oberlahnstein und Unkel sollen erst 2027 in Betrieb gehen, weswegen dieser Streckenabschnitt im Sommer 2027 noch einmal für drei Wochen komplett gesperrt wird.Die Strecke soll mit einem digitalen System zur Steuerung der Züge ausgerüstet werden, das ETCS (European Train Control System) heißt und einen grenzüberschreitenden Fahrzeugeinsatz erleichtert. Die Strecke ist auf dem Abschnitt zwischen Assmannshausen und Niederlahnstein schon mit ETCS ausgestattet. Während der Sanierung sollen auf den verbleibenden Abschnitten die Komponenten für das System eingebaut werden. Das System kann jedoch erst in Betrieb genommen werden, wenn die Stellwerke Neuwied, Engers und Koblenz-Ehrenbreitstein erneuert sind.Um das in die Jahre gekommene Schienennetz zu modernisieren, werden 159 Weichen ausgetauscht, und auf rund 100 Kilometern wird die Oberleitung erneuert. Die eigentlichen Arbeiten beginnen am 12. Juli. Laut Schmidt soll die neue Oberleitung am 19. November eingeschaltet werden, um zu prüfen, ob alles funktioniert. Fünf neue Überholbereiche, sogenannte Überleitstellen, sollen Verspätungen verhindern. 37 neue Weichenheizstationen sollen vor drohenden Vereisungen im Winter schützen. Es werden 80 Kilometer Gleise erneuert.Auch Bahnhöfe an der Strecke werden saniertDie 36 Bahnhöfe auf der Strecke werden umfassend saniert. Je nach Art und Zustand sollen sie neue Dächer erhalten, die Unterführungen werden heller gestaltet, und es werden Rampen und Aufzüge eingebaut, damit ein barrierefreier Zugang möglich ist. Moderne Informationssysteme, Wegeleitsysteme und eine neue Beleuchtung sind ebenfalls Bestandteil der Ausbaupläne. Welche Arbeiten für welchen Bahnhof geplant sind, listet die Bahn auf der Internetseite https://rechter-rhein.deutschebahn.com detailliert auf. So ist beispielsweise in Rüdesheim geplant, den Bahnhof an den Hafenpark zu verlegen. In Eltville wird ein Aufzug eingebaut und in Wiesbaden-Biebrich unter anderem das Dach erneuert.Am Hafenpark: So soll der Rüdesheimer Bahnhof künftig aussehen.Deutsche Bahn AGDa die Regionalbahnen RE9 (zwischen Eltville und Frankfurt) und RB10 (zwischen Neuwied und Wiesbaden, von Frankfurt nach Wiesbaden läuft der Verkehr weiter) fünf Monate lang nicht fahren können, gibt es ein umfangreiches Verkehrskonzept, bei dem zahlreiche Busse als Ersatzverkehr eingesetzt werden. Diese Busse sind laut Bahn purpurfarben und mit „Ersatzverkehr / Replacement Service“ beschriftet. Auch das Zeichen für den Ersatzverkehr ist großflächig zu erkennen. Über digitale Displays an der Seite und am Kopf des Busses werden die jeweilige Buslinie und das Ziel angezeigt. Die Busse sind barrierefrei, und einige von ihnen verfügen über Toiletten. Zudem werden sämtliche Busse mit WLAN und USB-Steckdosen ausgestattet. Außerdem gibt es zwei Bus-Expresslinien für Direktfahrten: Wiesbaden – Rüdesheim – Koblenz sowie Koblenz – Bad Honnef – Bonn-Ramersdorf – Troisdorf. Auch einige Rheinfähren sind Teil des Ersatzverkehrs. Beim Fern- und Güterverkehr sind ebenfalls Einschränkungen und Umleitungen zu erwarten. Exakte Pläne veröffentlicht die Bahn in ihrer APP DB Navigator. Fahrkarten können nicht im Bus gekauft werden.Die Lärmbelastung ist ein Dauerthema im Rheinau. Im südlichen Teil der Strecke gibt es laut Schmidt ein freiwilliges Lärmsanierungsprogramm für das Mittelrheintal. Das ist die Strecke zwischen Wiesbaden und Koblenz. Auch wenn die meisten Lärmschutzprojekte dort schon verwirklicht sind, werden in den nächsten Monaten zusätzliche Schallschutzwände errichtet. „Wir planen im südlichen Teil jetzt an einigen Stellen den Lückenschluss im Lärmschutz, etwa wenn eine Brücke saniert wird und dort noch keine Lärmschutzwand steht“, so Schmidt. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen bezeichnete er als sehr gut.Im nördlichen Abschnitt von Koblenz bis Unkel wurde über das Thema Lärmschutz vor dem Projektbeginn noch einmal diskutiert. „Wir haben rund sechs Kilometer zusätzliche Schallschutzwände identifiziert, die im Rahmen der Korridorsanierung umgesetzt werden“, sagt Ingenieur Schmidt, schränkt aber ein, dass der Lärmschutz in diesem Teil nicht die gleiche Bedeutung habe wie im südlichen Abschnitt. Außer drei Generalunternehmern sind zahlreiche Spezialfirmen für Oberleitungen, Lärmschutzwände und den Kabeltiefbau im Einsatz.Wenn die rechte Rheinstrecke saniert ist, geht es linksrheinisch weiter. Laut Schmidt soll die Generalsanierung dort im ersten Halbjahr 2028 beginnen. „Das Ziel ist es, bis zur Bundesgartenschau 2029 im Oberen Mittelrheintal fertig zu sein“, sagt der Projektleiter. Die Bahn bietet auf der genannten Website umfangreiche Informationen für die Anwohner an, die dort zudem die Möglichkeit haben, einen Mail-Newsletter zu abonnieren.