Eigentlich fehlt nur noch eine Erklärtafel. Dann würde die umgestürzte Eiche im Frankfurter Brentanobad, die in dieser Sommerbadesaison schon viele Besucher erstaunt hat, vielleicht als Außenstelle des Naturkundemuseums durchgehen, als eine Art Freilichtmuseum der besonderen Art. Schließlich kann man den von einem Zaun umgebenen Ausstellungsbereich durch eine Tür betreten – und schon lässt sich Naturschutz aus nächster Nähe beobachten.Ob die Tür wirklich geöffnet sein darf oder nicht doch abgeschlossen sein müsste, weiß nicht einmal der spontan befragte Mann von der Wasseraufsicht, der eigentlich nur kurz im benachbarten Babybecken nach dem Rechten sehen will. Zur Sehenswürdigkeit taugt die tote Eiche aber auf jeden Fall. Immer wieder schauen Passanten das Objekt fragend an. Ist das Kunst? Welchen Grund kann es sonst haben, dass eine rund 100 Quadratmeter große Fläche mit einem umgestürzten Baum von einem Zaun umgeben ist?Es gibt aber auch Menschen, die nicht an eine Kunstinstallation denken. Diesen Beobachtern hat die Eiche schon zu wilden Spekulationen Anlass gegeben. Ein Leser unterrichtete die F.A.Z. davon, dass nach Auskunft des Badpersonals ein Biotop geschaffen werden solle, das Wildtieren jeder Art als Nistplatz dienen könnte. Verwundert konstatiert der Leser, dass dafür ein teurer Zaun – er schätzt die Kosten auf einen fünfstelligen Betrag – errichtet worden sei.Die Nilgans-TheorieSchnell war in dem Freibad mit Europas größtem Schwimmbecken natürlich davon die Rede, dass die Nilgänse einen weiteren Rückzugsort erhalten sollten. Jene Vögel, die seit Jahren als Plage wahrgenommen werden, besonders in diesem Bad. Sie könnten über den Zaun fliegen, Türklinken können sie vermutlich nicht nutzen. Aber die Nilgans-Theorie ist natürlich Unsinn. Gänse zieht es nicht zu umgestürzten Bäumen, sondern an Wasser. Dafür schätzen sie ja das Brentanobad mit seinem großen Becken. Nur auf dem Wasser fühlen sie sich sicher vor ihren Feinden, die Badegäste rechnen sie nach Jahren der Gewöhnung offenbar nicht mehr dazu.Bekannt aus anderen Teilen Frankfurts: der Heldbockkäfer hat schon Waldrodungen gestoppt.Helmut FrickeDie wahre Erklärung für den Zaunbau im Brentanobad hat immerhin tatsächlich mit einem Tier zu tun, aber einem viel kleineren. Die Untere Naturschutzbehörde ist, wie sie auf Nachfrage mitteilt, zum Wohle des Heldbockkäfers tätig geworden. Der lebe und niste in dem Totholz. „Bei dem beschriebenen Baum im Brentanobad handelt es sich um eine Eiche, die vom Heldbock (Cerambyx cerdo) besiedelt ist. Die Eiche stellt eine gesetzlich geschützte Fortpflanzungs- und Ruhestätte des streng geschützten Heldbocks dar“, schreibt die städtische Behörde. Durch den Schutz für den Baum könne der Lebensraum des Heldbockkäfers so weit erhalten werden, dass sich dort Larven bis zur nächsten Schlupfperiode entwickeln könnten. Um sicherzustellen, dass möglichst viele Larven sich verpuppen könnten, müssten Stammstücke und abgesägte Äste mindestens fünf Jahre dort liegen bleiben.Die Bäderbetriebe nehmen es weitgehend mit Humor, auch wenn sie die Liegefläche beispielsweise in der zurückliegenden Hitzewelle gut hätten gebrauchen können. „Andererseits sind wir gerade im Brentanobad mit einer riesigen Fläche gesegnet, wir können es also verkraften“, sagt Boris Zielinski, Geschäftsführer der Bäderbetriebe Frankfurt. „Wir müssen eben akzeptieren, dass wir mit unseren Freibädern regelrechte Parkanlagen mitbetreuen, in denen eben auch mal ein Baum geschützt werden muss, ob tot oder lebendig.“Ruhestätte für Insekten: In diesem Stamm lebt der Käfer.Emil EichingerSosehr die Geschichte Anlass gibt, über Ökobürokratismus zu spotten: Der Heldbockkäfer ist nun einmal strengstens geschützt. Er steht auf der Roten Liste Deutschlands und gehört somit zu den schützenswertesten Insekten in Europa. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet es, Brutbäume des Insekts zu beschädigen. Eine Erklärtafel könnte da nicht nur Spekulationen beenden, sondern auch Bildungsarbeit leisten.