Steht Landrat Christian Engelhardt (CDU) vor dem Tor des ehemaligen Atomkraftwerks in Biblis und schaut auf die noch nicht zurückgebauten Reste, gerät er ins Schwärmen. Mit fast 100 Hektar ist das Areal eines der größten künftigen Industriegebiete Deutschlands. Auf der Hälfte der Flächen stehen die noch vorhandenen Anlagen des ehemaligen Atomkraftwerks. In der direkten Nachbarschaft hat Kraftwerksbetreiber RWE vor Jahren noch einmal so viel Fläche dazugekauft, als man auf den Ausbau der Atomenergie hoffte. Dass es anders kam, sieht nicht nur der Bergsträßer Landrat als große Chance.In frei gewordenen Gebäuden auf dem Kraftwerksgelände treibt das recht junge Unternehmen Focused Energy schon die Technologie für die laserbasierte Kernfusion voran. Bund, Land und Landkreis ist es gelungen, das Unternehmen am Standort Biblis zu halten und eine Abwanderung nach Nordamerika zu verhindern. Investoren haben Focused Energy rund 240 Millionen US-Dollar überwiesen. Es könnte flott vorangehen. Doch ganz so einfach sind die Visionen nicht umzusetzen.Rückbau, Castoren und Naturschutz bremsen die großen PläneDer Rückbau des Kernkraftwerks wird noch bis Ende der Dreißigerjahre dauern. Auf dem Areal befindet sich zudem ein großes Castorenlager. Bis ein Endlager gefunden ist, sollen die Vermächtnisse der Kernenergie dort bleiben. Außerhalb des bisherigen Zauns des Kraftwerksgeländes gibt es zudem Naturschutzauflagen, die dem ein oder anderen Plan für eine künftige Nutzung im Weg stehen könnten.Ein Planungsunternehmen will im November verschiedene Modelle für die künftige Nutzung vorlegen. Die Gemeinde Biblis muss sich dann für eines entscheiden und eine Bauleitplanung erstellen. Das wird einige Jahre dauern. Im Regionalen Raumordnungsplan soll das riesige Areal als Gewerbegebiet festgeschrieben werden. „Ein großer Entwurf kostet viel Zeit“, bremst der Landrat zu viel Euphorie. Immerhin kann ein Teil des bisherigen Kraftwerksgeländes neu genutzt werden. Deshalb auch die Forschungsstätte von Focused Energy.RWE-Manager Ralf Stüwe sieht wegen der vorhandenen kerntechnischen Gebäude gute Chancen für eine Nachnutzung. „Biblis soll ein vitaler Standort bleiben“, wünscht sich der RWE-Vertreter. Der Energieversorger prüft den Bau großer Batteriespeicher für die Versorgungssicherheit und ein Gasmotorenkraftwerk. Mit der Laserforschung für die Kernfusion könne Deutschland einen internationalen Spitzenplatz einnehmen, ist er überzeugt.Bürgermeister Konstantin Großmann (CDU) schaut auch auf die Gemeindekasse. Spülte das Kernkraftwerk früher jedes Jahr Millionenbeträge in die Kasse und zeigte sich RWE gegenüber Vereinen und Vorhaben der Stadt spendabel, klafft heute eine Millionenlücke im kommunalen Haushalt. Ein florierendes Gewerbegebiet könnte Abhilfe schaffen.Während viele Ideen noch Wunschträume sind, die sich erst in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten realisieren lassen, ist klar, was nicht gewünscht ist – riesige Speditionshallen, die das hessische Ried schon heute prägen. Kleinteiliges Gewerbe ist ebenfalls nicht vorgesehen.Matthias Zürker von der Wirtschaftsförderung Bergstraße will vor dem Hintergrund knapper Gewerbeflächen das Potential für eine langfristige Zukunftsperspektive nutzen. Ein rund 100 Hektar großes zusammenhängendes Gewerbegebiet sei in Deutschland nahezu einmalig. „Deshalb wollen wir nur hochwertige Nutzung zulassen.“ Der Landrat hat das Ziel klar umrissen. „Ziel muss eine Entwicklung sein, die wirtschaftliche Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Innovation, Forschung und ökologische Verantwortung bestmöglich miteinander verbindet.“
Biblis plant Zukunft: Vom Atomstandort zum Hightech-Gewerbegebiet
Wo in der Gemeinde Biblis früher Atomstrom produziert wurde, soll künftig die Laserfusion erforscht und entwickelt werden. Entschieden ist noch nichts, zumal es einige Unwägbarkeiten gibt.






