PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2002„Der Euro ist ein Teuro“ – so erlebten die Deutschen den WährungswechselStand: 08:30 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Starterkits mit Euro-Münzen aus dem Jahr 2002Quelle: picture alliance/SZ Photo/Catherina HessDer Abschied von der guten alten D-Mark fiel schwer, und die Spannung war groß, ob die Einführung des neuen Euro-Bargelds 2002 reibungslos klappen würde. Vor Banken gab es teils lange Schlangen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Das Jahr 2002 war ein doppeltes Déjà-vu. Die Älteren fühlten sich an das Jahr 1948 erinnert, an die damalige Währungsreform. In den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands wurde die Reichsmark durch die Deutsche Mark ersetzt. Einige Wochen später kam in der Sowjetischen Besatzungszone die Ost-Variante der Mark in Umlauf, ab 1968 Mark der Deutschen Demokratischen Republik genannt.Ostdeutsche konnten sich wiederum noch gut an die Währungsunion im Zuge der Deutschen Einheit erinnern, als die D-Mark in den neuen Bundesländern die Mark der DDR ersetzte. Knapp fünfeinhalb Jahrzehnte nach 1948 und zwölf Jahre nach 1990 mussten sich die Einwohner des nunmehr vereinten Deutschlands erneut an eine neue Währung gewöhnen: den Euro.Seit 1999 gab es die neue europäische Gemeinschaftswährung bereits, aber viele nahmen sie noch kaum wahr, denn sie blieb zunächst eine „unsichtbare“ Währung für elektronische Zahlungen und Verrechnungen. Dann begann der Einzelhandel, zur Eingewöhnung der Kunden die Waren doppelt auszuzeichnen, nun stand sowohl der Euro-Betrag auf den Preisschildern als auch der DM-Betrag. Am 1. Januar 2002 wurde es schließlich ernst: Das Euro-Bargeld kam in Umlauf. Eine enorme logistische Herausforderung in zwölf EU-Ländern.Lesen Sie auchWie bei dem „Jahr-2000-Problem“ zu Silvester 1999 war die Spannung zum Jahreswechsel 2001/02 groß, ob alles glattgehen würde. Am 3. Januar 2002 meldete WELT auf der Titelseite einen „Traumstart“ des Euro:„Die neue europäische Gemeinschaftswährung hat ihre erste große Bewährungsprobe bestanden. In vielen Städten Deutschlands bildeten sich vor den Bankschaltern zwar lange Schlangen. Einige Kreditinstitute mussten ihre Kassenräume wegen des Ansturms sogar zeitweilig schließen. Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) aber läuft die Euro-Umstellung in den meisten Ländern überwiegend reibungslos. Die EU-Kommission zeigte sich sogar positiv überrascht. ‚Alles ist besser gelaufen, als man das zunächst geglaubt hat‘, sagte EU-Währungskommissar Pedro Solbes in Brüssel.“In Deutschland waren am 2. Januar, dem ersten Arbeitstag des Jahres, fast alle Geldautomaten auf die neue Währung umgerüstet. Es gab insgesamt doppelt so viele Abhebungen wie üblicherweise. Die Mehrzahl tauschte allerdings am Bankschalter.In den meisten deutschen Geschäften herrschte Hochbetrieb. Der Einzelhandelsverband registrierte deutlich mehr Kunden als an normalen Werktagen. Eine bundesweite Umfrage der Drogeriekette Rossmann ergab, dass 90 Prozent der Kunden bereits vom Start weg ausschließlich mit dem Euro bezahlten. Auch der Anteil bargeldloser Zahlungen war in vielen Kaufhäusern sehr hoch. Konzerne wie C&A gewährten ihren Kunden bei bargeldloser Zahlung 20 Prozent Rabatt. Andere Handelsketten versuchten, ihre Kunden mit einer Billigoffensive zu locken. Flankiert von einer Werbekampagne reduzierte Aldi die Preise für sämtliche angebotenen Artikel – mit Ausnahme von Tabakwaren – um durchschnittlich zwei bis drei Prozent. Auch die Lidl-Kette und andere regionale Lebensmittel-Discounter schlossen sich dem Preiskampf an.Lesen Sie auchViele erinnern sich noch heute an die Starterkits mit den ersten Euro-Münzen in durchsichtigen Plastikbeuteln. Und an handliche Taschenrechner mit Euro-DM-Umrechnungstaste (1 Euro = 1,95583 DM), die mancher beim Einkaufen zückte. Und nicht zuletzt daran, wie schwer der Abschied von „unserer“ guten alten D-Mark fiel.Teils nicht zu Unrecht. Denn nicht jeder startete das Jahr mit Rabattaktionen – manche Unternehmen, Geschäfte und Restaurants nutzten die Währungsumstellung vielmehr zu Preiserhöhungen. Die Wehklage „Der Euro ist ein Teuro“ machte daher vielfach die Runde. Tatsächlich erwies sich der Euro aber nicht als signifikanter Preistreiber, sein Gesamteffekt auf die Verbraucherpreise blieb gering. „Teuro“ wurde dennoch zum Wort des Jahres erkoren.Die Gemeinschaftswährung entwickelte sich trotz einiger Krisen alles in allem zur Erfolgsgeschichte. Die Gestaltung der Geldscheine hat indes bis heute nur wenige Fans. Während die Motive der D-Mark die deutsche Kultur, Geschichte und Natur widerspiegelten, etwa mit einem Bild von Carl Friedrich Gauß auf dem 10-DM-Schein und Annette von Droste-Hülshoff auf dem Zwanziger, zeigen die Euro-Noten keine bedeutenden europäischen Persönlichkeiten. Stattdessen sind imaginäre Brücken und stilisierte, real nicht existierende Gebäudeteile zu sehen, die auf unterschiedliche Architekturepochen verweisen sollen.Das empfinden viele als recht langweilig, und auch die EZB sieht das inzwischen so. Daher veranstaltete sie Mitte 2025 einen Design-Wettbewerb für einen neuen Look künftiger Euro-Banknoten.„Unter Berücksichtigung des Feedbacks von Fachleuten und der Allgemeinheit hat der EZB-Rat bereits zwei Themen in die Vorauswahl genommen. Diese lauten ‚Europäische Kultur‘ sowie ‚Flüsse und Vögel‘. Das erste Thema soll gemeinsame Kulturstätten und bedeutende Europäerinnen und Europäer würdigen, das zweite die Widerstandskraft und Vielfalt der natürlichen Ökosysteme unseres Kontinents“, gab die Zentralbank bekannt.Teilnehmen konnten Grafikdesigner mit Wohnsitz in der Europäischen Union. Der Euro sei mehr als eine Währung – er symbolisiere die Einheit und Vielfalt Europas. Die Geldscheine sollten fortan „unsere gemeinsame kulturelle Identität und unser Naturerbe widerspiegeln“, so EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Die Entwürfe werden von Fachleuten beurteilt, anschließend soll die Öffentlichkeit Gelegenheit bekommen, Feedback zu geben. Entscheiden will die EZB über die neuen Designs Ende 2026.Die regelmäßige Entwicklung neuer Banknotenserien ist aber nicht nur ästhetischen Erwägungen geschuldet, sondern vor allem aus Sicherheitsaspekten geboten. Denn Fälscher werden immer gewiefter, haben heute schnelleren und umfassenderen Zugriff auf Informationen, Technologien und Materialien.Immer mehr Deutsche zahlen allerdings lieber bargeldlos, sie verwenden an der Kasse Girokarten oder das Smartphone. Lag in den 1990ern der Anteil an Bargeld-Zahlungen im Einzelhandel noch bei fast 80 Prozent, wird heute nur noch weniger als die Hälfte der stationären Umsätze mit Scheinen und Münzen abgewickelt.Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.
Währungsreform 2002: „Der Euro ist ein Teuro“ – wie die Deutschen den Wechsel erlebten - WELT
Der Abschied von der guten alten D-Mark fiel schwer, und die Spannung war groß, ob die Einführung des neuen Euro-Bargelds 2002 reibungslos klappen würde. Vor Banken gab es teils lange Schlangen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







