Die Geste wirkte klein, aber in ihrer Tragweite war sie groß. Vor dem zweiten Spiel Ghanas bei der Fußball-WM ging Thomas Partey an den englischen Nationalspielern vorbei. Er gab jedem von ihnen die Hand. Nur einer behielt sie in seiner Jackentasche: Djed Spence. Partey schien von dem verweigerten Handschlag sichtlich überrascht zu sein. Bevor er mit dem nächsten Spieler abklatschte, blickte er nochmals in Spences Richtung. Alle anderen schüttelten ihm bereitwillig die Hand.In der Übertragung war diese Szene nicht zu sehen, trotzdem verbreitete sie sich schnell millionenfach in den sozialen Netzwerken. Weil sie für eine Frage steht, der der Fußball seit Jahren ausweicht: Wie sollte er mit Spielern umgehen, denen sexuelle Gewalt vorgeworfen wird?Partey war vor einem Jahr von der britischen Staatsanwaltschaft wegen fünf Fällen von Vergewaltigung und eines Falls von sexueller Nötigung angeklagt worden. Die mutmaßlichen Straftaten sollen sich zwischen 2021 und 2022 ereignet haben, als Partey für den FC Arsenal spielte. Im Februar kamen zwei weitere Anklagepunkte hinzu. Partey bestreitet die Anschuldigungen, die von mehreren Frauen erhoben werden.„Es ist unsere Pflicht, das zu ignorieren“Nun spielt er auf der größten Bühne, die der Fußball zu bieten hat. Das erste Gruppenspiel Ghanas verpasste Partey zwar. Kanada verweigerte ihm ein Visum. In die USA durfte er aber trotz Anklage einreisen. Von den gegnerischen Fans wurde er im Spiel gegen England bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen.Die Reaktionen aus dem Fußball ließen nicht lange auf sich warten. „Leider bringen sie ihre Politik und all diese Themen ins Spiel. Es ist unsere Pflicht, das zu ignorieren“, sagte Ghanas Trainer Carlos Queiroz. Fußball sei „Unterhaltung“. Die englischen Fans sollten „mehr Moral an den Tag legen in anderen Fragen der Welt, die wichtiger sind als ein einzelner Fußballspieler“. Auch Thierry Henry sprang Partey zur Seite: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen zu schnell urteilen und zu schnell verurteilen, noch bevor die Gerichte zu einem endgültigen Urteil gekommen sind.“Queiroz und Henry sagen damit nichts Falsches, aber sie verfehlen das eigentliche Problem. In der Branche wird geschwiegen, wird relativiert, wenn es um sexuelle Gewalt geht. Bis Gerichte entschieden haben, gilt ein Spieler als unschuldig. Aber die Unschuldsvermutung ist ein rechtliches Prinzip und entbindet die Verbände nicht davon, sich mit den Vorwürfen gegen ihre Spieler auseinanderzusetzen.Der Fußball hat längst ein Systemproblem. Marokkos Kapitän Achraf Hakimi wird sich in Frankreich wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs vor Gericht verantworten müssen. Auch er bestreitet die Vorwürfe. Die neuseeländische Polizei ermittelt gegen Kap Verdes Kapitän Ryan Mendes, weil er eine Übersetzerin gewürgt und sexuell missbraucht haben soll. Es heißt oft, Vergewaltigungsvorwürfe zerstörten Karrieren. Wenn man sich diese WM anschaut, kann davon nicht die Rede sein.Das ist das Ergebnis einer Kultur, die Leistung über alles stellt. Der ghanaische Verband hat eine Wahl gehabt: Er hätte auf eine Nominierung von Partey verzichten können, solange das Verfahren gegen ihn läuft. Nach einem Freispruch stünde dem Dreiunddreißigjährigen eine Rückkehr in die Nationalmannschaft offen.Wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, bleibt der Fußball auffällig leise. Dabei tragen sowohl die Verbände als auch die Spieler selbst gesellschaftliche Verantwortung. Es wäre wünschenswert, wenn mehr von ihnen Haltung zeigen und signalisieren würden, dass solche Vorwürfe nicht einfach übergangen werden. Das geht auch ohne Worte. Djed Spence hat es gezeigt.
Fußball-WM 2026: Die Branche schweigt bei Missbrauchsvorwürfen
Der Fußball hat ein Systemproblem: Etliche Spieler, denen sexuelle Übergriffe gegen Frauen vorgeworfen werden, spielen auf der größten Bühne, die ihr Sport zu bieten hat. Wo bleibt der Kulturwandel?






