Zunächst etwas Behördenarithmetik: Wahlkreise sollen ungefähr gleich groß sein. In jedem sollen derzeit im Schnitt rund 238 000 Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit leben, damit eine Stimme in Coburg nicht mehr Gewicht hat als eine in München. Nur ist das nicht überall in Bayern der Fall. Deshalb dürfte vor der Bundestagswahl 2029 wieder einmal an der Wahlkreiskarte gearbeitet werden. Nach den kürzlich vorgelegten Vorschlägen der Wahlkreiskommission des Bundestags könnte Oberfranken dabei einen Wahlkreis verlieren, Oberbayern einen neuen hinzugewinnen.Konkret läuft es auf zwei Varianten hinaus: Entweder verliert Coburg seinen eigenständigen Bundestagswahlkreis – oder Kulmbach. Beide Wahlkreise werden derzeit von CSU-Abgeordneten vertreten, Coburg von Jonas Geissler, Kulmbach von Emmi Zeulner. Die Kommission bewertet beide Lösungen als gleichwertig; die betroffenen Gemeinden würden jeweils benachbarten Wahlkreisen zugeschlagen.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Emmi Zeulner lehnt eine Reduzierung der Wahlkreise in Oberfranken ab. Die Region sei weitläufig und ländlich geprägt, teilte die CSU-Abgeordnete der SZ mit. Gerade in einer Zeit wachsender Politikverdrossenheit wäre eine Vergrößerung der Wahlkreise aus ihrer Sicht „das falsche Signal“. Größere Wahlkreise bedeuteten „zwangsläufig längere Wege, mehr Gemeinden und weniger Präsenz vor Ort“. Politik lebe vom direkten Austausch mit den Menschen, gerade im ländlichen Raum.Hintergrund ist die unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung im Freistaat. Während Teile Oberfrankens Bevölkerung verlieren, wachsen Wahlkreise in Oberbayern stark. Seit Anfang 2026 gelten zudem strengere Vorgaben für den Zuschnitt der Bundestagswahlkreise: Die Bevölkerungszahl eines Wahlkreises soll nicht mehr als zehn Prozent vom Durchschnitt abweichen; bei mehr als 15 Prozent ist eine Neuabgrenzung zwingend. In Oberfranken liegen gleich mehrere Wahlkreise deutlich unten dem Schnitt: Coburg mit 26,3 Prozent, Hof mit 24 Prozent, Bayreuth mit 22,7 Prozent und Kulmbach mit 18,3 Prozent. In Oberbayern dagegen liegen mehrere Wahlkreise deutlich über dem Durchschnitt.Die Lösung der Kommission lautet nun also: Oberfranken soll einen Wahlkreis abgeben, Oberbayern einen dazubekommen. Wo genau dieser neue Wahlkreis entstehen soll, war allerdings umstritten. Auch München war im Gespräch: Die Landeshauptstadt wächst stark, entsprechend steigt auch die Bevölkerungszahl in den vier Münchner Bundestagswahlkreisen.„München-Mitte“ – oder lieber ein Wahlkreis „Pfaffenhofen a.d. Ilm“?Sowohl die Bayerische Staatsregierung als auch Stimmen aus dem Kreis der angehörten Parteien hatten einen fünften Münchner Wahlkreis „München-Mitte“ angeregt, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Die Wahlkreiskommission hält derzeit aber eine Lösung im Norden Oberbayerns für sinnvoller: Dort soll der neue Wahlkreis „Pfaffenhofen a.d. Ilm“ entstehen. Pfaffenhofen gehört bislang zum Bundestagswahlkreis Freising. Aus Sicht des Innenministeriums seien diese Erwägungen „gut nachvollziehbar“.Würde der neue Wahlkreis bereits jetzt in München gebildet, müssten viele andere Wahlkreise in Oberbayern neu eingeteilt werden, um die gesetzlichen Grenzen für die Abweichung vom Wahlkreisdurchschnitt einzuhalten, heißt es aus dem Ministerium. Sollte bei der übernächsten Bundestagswahl ein weiterer Wahlkreis in Oberbayern entstehen, käme es womöglich erneut zu umfassenden Neuzuschnitten. Das würde aus Sicht des Ministeriums dem anerkannten Grundsatz der Wahlkreiskontinuität zuwiderlaufen. Gemeint ist damit, dass Wahlkreise möglichst nicht vor jeder Wahl grundlegend neu zugeschnitten werden sollen, damit regionale Zusammenhänge und die Zuordnung der Wählerinnen und Wähler nicht ständig wechseln.Abschiebung trotz Arbeitsvertrags:Warum ein Unternehmer aus Eggenfelden die Welt nicht mehr verstehtMehr als die Hälfte der Belegschaft von Axel Rosenwirth sind Asylsuchende. Sie werden gebraucht – und haben doch Angst, dass sie gehen müssen. Warum ist das so?Endgültig entschieden ist damit nichts. Über den Neuzuschnitt der Bundestagswahlkreise entscheidet der Bundestag. Beachtenswert ist der Vorschlag dennoch schon jetzt: Für Oberfranken ginge es nicht nur um neue Linien auf der Karte, sondern auch um die Frage, wie sichtbar die Region künftig in Berlin vertreten ist. Zeulner warnt, der ländliche Raum würde in Berlin weiter an Gewicht verlieren. Weniger Wahlkreise bedeuteten auch „weniger direkte Stimmen für Regionen wie Oberfranken“ – zugunsten ohnehin stärker vertretener Ballungsräume.Denn hinzu kommt das seit 2023 geltende neue Wahlrecht, das bei der Bundestagswahl 2025 erstmals angewendet wurde und die Bedeutung des Wahlkreiszuschnitts verändert hat. Zwar bleibt die Erststimme wichtig: Wer in einem Wahlkreis die meisten Erststimmen bekommt, gewinnt ihn formal. Seit der Wahlrechtsreform reicht dieser Sieg aber nicht mehr zwingend für den Einzug in den Bundestag. Entscheidend ist, ob der Sitz durch das Zweitstimmenergebnis der jeweiligen Partei im Bundesland gedeckt ist. Hat eine Partei in einem Land mehr Wahlkreise gewonnen, als ihr nach Zweitstimmen Sitze zustehen, ziehen nur die Wahlkreissieger mit den besten Erststimmenergebnissen ein. Überhang- und Ausgleichsmandate gibt es nicht mehr.Was das bedeutet, zeigte sich bei der Bundestagswahl 2025 auch in Bayern. Die CSU gewann zwar alle 47 Wahlkreise im Freistaat, bekam nach dem Zweitstimmenergebnis aber nur 44 Sitze. Drei ihrer Wahlkreissieger zogen deshalb nicht in den Bundestag ein: Sebastian Brehm in Nürnberg-Nord, Volker Ullrich in Augsburg-Stadt und Claudia Küng in München-Süd. Für Regionen wie Oberfranken wird der Neuzuschnitt damit doppelt sensibel: Es geht nicht nur darum, ob ein Wahlkreis verschwindet oder neu zusammengesetzt wird. Es geht auch darum, wie sicher ein direkt gewonnener Wahlkreis künftig tatsächlich noch parlamentarisch vertreten ist.Die Wahlkreiskommission erfülle mit ihrem Bericht zwar ihren gesetzlichen Auftrag, erklärte Zeulner. Die nun vorgelegten Vorschläge basierten aber noch auf dem bisherigen Wahlrecht. Deshalb müsse die künftige Wahlkreiseinteilung aus ihrer Sicht im Zusammenhang mit der anstehenden Wahlrechtsreform beraten und entschieden werden, die im Koalitionsvertrag vorgesehen ist.
Wahlkreise bei der Bundestagswahl: Oberfranken wird 2029 neu vermessen
Oberfranken wird wohl einen Wahlkreis verlieren, Oberbayern einen dazubekommen. Betroffen sein könnten Coburg oder Kulmbach – und damit zwei CSU-Abgeordnete.










