Sie nannten ihn «Dado» – der Trainer, der die Schweiz besser kennt als das Land ihnAuf dem Höhepunkt seines Erfolgs verliess Vladimir Petkovic 2021 das Schweizer Nationalteam. Heute trainiert er Algerien und trifft im WM-Sechzehntelfinal auf seinen Nachfolger Murat Yakin.Benjamin Steffen01.07.2026, 14.19 Uhr5 LeseminutenSieben Jahre trainierte Vladimir Petkovic die Schweizer Nationalmannschaft. Jetzt will er sie mit Algerien schlagen.Annegret Hilse / ReutersVladimir Petkovic hat schon Duelle gegen Trainer mit Rang und Namen gewonnen. Als Petkovic für Lazio Rom tätig war, besiegte er Antonio Conte, Massimiliano Allegri und Roberto Donadoni. Als er das Schweizer Nationalteam betreute, gelang ihm im EM-Achtelfinal 2021 der Coup gegen Frankreich und den Weltmeistertrainer Didier Deschamps. Und als Trainer des algerischen Nationalteams besiegte er kurz vor der WM 2026 die Niederlande mit dem Coach Ronald Koeman, der einst auch für Barcelona tätig war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Petkovic, 62, kroatisch-schweizerischer Doppelbürger, wuchs in Sarajevo auf, der heutigen Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. In der Nacht auf Freitag (5 Uhr MESZ) trifft er mit Algerien im WM-Sechzehntelfinal auf die Schweiz. Petkovic ist ein Trainer im Kreis der Grossen. Doch einen hat er noch nie besiegt: den Schweizer Nationalcoach Murat Yakin.Petkovics Biografie ist mehr als der Kampf um einen PostenYakin ist Petkovics Nachfolger, aber er ist auch so etwas wie Petkovics Schicksal. Die Bilanz: fünf Duelle seit 2010, drei Unentschieden, zwei Siege für Yakin. Die bisher letzte Begegnung zwischen Petkovic und Yakin war ein bedeutungsloses Super-League-Spiel im Mai 2012, Petkovic bereitete als Nothelfer die Barrage mit dem FC Sion vor und unterlag Yakins FC Luzern 1:3.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDas vorletzte Duell zwischen Petkovic und Yakin: YB gegen Thun 0:1 Ende April 2011. Es war Petkovics letztes Heimspiel als YB-Trainer, danach schrieben die Zeitungen: «Jetzt muss Petkovic um seinen Posten kämpfen.» Oder: «Petkovic infrage gestellt.» Eine Woche und ein Remis später war die Frage beantwortet, Petkovic war den Posten los.Wer als YB-Trainer gegen Thun verliert, wird anderthalb Jahrzehnte später nicht unbedingt in einem WM-Spiel erwartet. Doch Petkovics Biografie ist mehr als der Kampf um einen Posten. Sie ist auch ein Kampf, man selber zu bleiben, für sich einzustehen.Wer ihn an einer Pressekonferenz als Trainer der algerischen Auswahl sieht, nimmt ihn als noch stoischer wahr als an all den Medienterminen als Schweizer Nationalcoach zwischen 2014 und 2021 – ohne zu wissen, ob «stoisch» angebracht ist oder «misstrauisch» passender wäre oder «reserviert».Petkovic lässt sich die mehrheitlich auf Französisch gestellten Fragen selten übersetzen, er versteht die Sprache – aber er antwortet auf Italienisch. So handhabte er es für kurze Zeit auch als Schweizer Nationaltrainer, weil er sich zu oft missverstanden glaubte, vor allem von deutschsprachigen Journalisten. Das Gefühl von fehlendem Verständnis oder falschen Interpretationen blieb lange. Für deutschsprachige Zeitungen gebe er keine Interviews mehr, liess er vor wenigen Jahren ausrichten.Obwohl Petkovic, wohnhaft im Tessin, doch so vieles zu erzählen hätte; und obschon es doch so manche Person gäbe, die ihm gerne zuhörte. Aber Petkovic verriegelt für die Öffentlichkeit gern die Zugänge zu seiner Vergangenheit. Es steht ihm zu, aber es macht es nicht leichter, ihn zu verstehen.Wer nicht weiss, was er ist, ob «stoisch», «misstrauisch» oder «reserviert», erfährt mehr von Wegbegleitern aus den 1970er und 1980er Jahren in Sarajevo. «Dado» nannten sie ihn, so erzählten es die Gefährten der NZZ 2021. «Dado» sei verschlossen gewesen, sagte ein früherer Trainer, es war «schwierig zu sehen, ob er sich freute, ob ihn etwas bedrückte». Wenn die Kollegen Sprüche klopften in der Garderobe, kam Petkovic, grüsste nett, setzte sich. Mehr nicht.1987 verliess er die Heimat und wechselte in die Schweiz, noch vor Ausbruch des Balkankrieges 1992. Über diese tragische Zeit redete Petkovic selten, er sagte, «wenn man hundert Leute» frage, «die damals betroffen waren und etwas erlebten, gibt es hundert verschiedene Geschichten und Ansichten».Die Komplexität der Geschichte, der Politik, des Balkans: Dieses Bewusstsein war seine Stärke als Trainer der Schweizer Auswahl, die zeitweise Leistungsträger hatte mit kosovo-albanischem Hintergrund (Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Valon Behrami), mit bosnischem Hintergrund (Haris Seferovic), mit kroatischem Hintergrund (Mario Gavranovic). Die Spieler verstanden Petkovic viel besser als manche Fans oder Medienschaffende, die sich oft gewünscht hätten, dass Petkovic nicht nur kommt, grüsst, sich setzt. Aber so war er, so ist er, und so ist er geblieben, «Dado».Womöglich wollte er gar nie beliebt sein, bloss verstandenEs wirkt wie eine typische Laune dieses Petkovic-Schicksals, dass er im WM-Sechzehntelfinal mit Yakin auf einen Antipoden trifft, dem im Trainerleben alles scheinbar etwas leichter fällt – oder der es womöglich auch etwas leichter nimmt; der schon als Spieler nicht nur kam und grüsste, sondern auch Sprüche klopfte.Petkovic trainierte das Schweizer Nationalteam sieben Jahre lang mit Erfolg, mit einem mantraartigen Bekenntnis zu Dominanz, aber oft auch unter Kritik, infrage gestellt, im Kampf um seinen Posten. Petkovic riss diese Mauer ein, die zuvor sogar dem Welttrainer Ottmar Hitzfeld zu massiv gewesen war: Mit dem Sieg gegen Frankreich und Deschamps gelang es Petkovic als erstem Trainer seit 1954, die Schweizer Auswahl in einen Endrunden-Viertelfinal zu führen. Er gab dem Team ein selbstverständliches Selbstbewusstsein, von dem heute wohl auch noch Yakin zehrt, bei allem selbstverständlichen Selbstbewusstsein, das ihm ohnehin innewohnt.Wie Petkovic nach der geschafften WM-Qualifikation mit Algerien sagte, hier handle es sich nicht um einen End-, sondern um einen Startpunkt, klang das vertraut. Ähnlich äusserte er sich auch als Schweizer Nationaltrainer – bis er plötzlich weg war, von diesem Punkt, den viele in der Schweiz als Startpunkt verstanden hatten, in einem Viertelfinal, endlich! Aber wenige Wochen später zog Petkovic weiter nach Bordeaux. Verschwand, als es am schönsten war und er so beliebt wie nie zuvor.Doch vielleicht wollte er gar nie beliebt sein, bloss verstanden. Wer sieht, wie Petkovic den französisch gestellten Fragen lauscht und auf Italienisch antwortet, unterschätzt ihn vermutlich noch immer. Auch als algerischer Trainer hat er ein Team voller Spieler mit besonderen Hintergründen, allen voran den Star-Senior Riyad Mahrez, früher bei Manchester City, wie etliche andere Nationalspieler aufgewachsen in Frankreich. Es gibt auch algerische WM-Teilnehmer, die in Deutschland oder in den Niederlanden zur Welt kamen.Womöglich hat Petkovic für diese Spieler ein Gespür, wie er es für so viele Schweizer hatte, die heute noch zu Yakins Auswahl gehören. 14 Spieler des WM-Kaders 2026 gaben das Länderspieldebüt in der Ära Petkovic, dazu kommen Granit Xhaka und Ricardo Rodríguez, die schon unter Hitzfeld gespielt hatten und unter Petkovic unentbehrlich waren – vor allem Xhaka, der Ende 2025 in der «Süddeutschen Zeitung» sagte, von den taktischen Fortschritten, die das Schweizer Team unter Petkovic gemacht habe, profitiere es bis heute.Petkovic weiss noch genau, was er den Schweizern mitgegeben hat. Es ist eine Kernfrage, die sich dieser Tage viele stellen: Wer kennt wen besser – Petkovic das Schweizer Team oder das Team den Trainer? Zumindest so viel steht fest: Petkovic kennt die Schweiz besser als das Land ihn.Passend zum Artikel
Vladimir Petkovic: der Trainer, der die Schweiz besser kennt als das Land ihn
Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs verliess Vladimir Petkovic 2021 das Schweizer Nationalteam. Heute trainiert er Algerien und trifft im WM-Sechzehntelfinal auf seinen Nachfolger Murat Yakin.








