Salvatore Laporta / GettyAn einem der schönsten Strände bei Neapel modert seit Jahrzehnten ein stillgelegtes Stahlwerk vor sich hin. Nun wird die Zone endlich saniert. Aber nicht alle freuen sich darüber.02.07.2026, 05.35 Uhr7 LeseminutenLage: traumhaft. Situation: miserabel. Das war Bagnoli. Bis vor wenigen Monaten. Bagnoli ist ein Aussenquartier an der westlichen Peripherie von Neapel und grenzt direkt an die Bucht von Pozzuoli. Dass hier nicht schon längst luxuriöse Hotelanlagen und Ferienresorts gebaut wurden, ist erstaunlich. Eigentlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber Italien ist verschwenderisch. Das Land leistet sich den Luxus, nicht jeden Quadratmeter für die touristische Verwertung herzugeben. Überall auf dem Stiefel finden sich atemberaubende Landstriche und Küstenabschnitte, die fast unberührt sind, oder solche, die nicht in der Art genutzt werden, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Industriegebiete an bester Lage sind keine Ausnahme.Bagnoli gehörte dazu. Zu Beginn der 1920er Jahre liess sich hier, wo einst die alten Römer Ferien machten und Thermalbäder besuchten, die Stahlindustrie nieder. Die Italsider war Italiens drittgrösstes Stahlwerk und versorgte das Land mit jenen Produkten, die für den Aufschwung nötig waren: Eisenbahnschienen, Stahlprofile, Träger, Walzbleche. 1992 wurde das Werk geschlossen, seither steht hier alles still. Oder genauer: stand alles still.Die Schande ItaliensBagnolis verfallende Industrieanlagen galten als die Schande Italiens. Mehrere Anläufe, das riesige Gelände auf Vordermann zu bringen, scheiterten wechselweise an der Bürokratie, der Korruption oder politischem Unvermögen. «Bagnoli, das war für Neapel eine einzige grosse Niederlage, eine verschwendete Ressource», sagt Gaetano Manfredi, Bürgermeister von Neapel, im Gespräch.Inzwischen wird hier im grossen Stil saniert und gebaut. Bagnoli soll erblühen. In einem Jahr wird vor Neapel der America’s Cup ausgetragen, ein Segelwettbewerb mit globaler Ausstrahlung. Auch das Schweizer Team Alinghi um Ernesto Bertarelli wird dann als eine von sieben Equipen um die älteste Sporttrophäe der Welt kämpfen. Bagnoli wird als Basis und logistische Drehscheibe des Anlasses dienen.Rund 2000 Einwohner demonstrieren im Februar gegen die Pläne, den America's Cup in ihrem Viertel auszutragen.Antonio Balasco / Imago«Schande Italiens»: So hat man das riesige Gelände an bester Lage in Bagnoli genannt. Seit der Stilllegung des grossen Stahlwerks 1992 - dessen Ruinen im Vordergrund zu sehen sind - ist hier nichts passiert.Salvatore Laporta / GettyVom Pontile Nord, einem riesigen Pier, der weit in die Bucht vor Bagnoli hinausragt, kann man sich ein Bild von der Situation machen. Auf einer Fläche, so gross wie ein mittlerer Flughafen, wird mit Hochdruck gebaut.Lastwagen führen Material ab und zu, vorne am Ufer wird gebohrt, der aufkommende Staub wird mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen gebunden, Arbeiter in orangen Westen und gelben Helmen dirigieren riesige Baumaschinen über das Gelände. Selbst jetzt, über Mittag, wird gearbeitet, obschon die Sonne unerbittlich auf die Baustelle brennt. Im Hintergrund rosten noch die alten Kamine und Industrieanlagen vor sich hin.Gaetano Manfredi, Neapels Bürgermeister.ImagoKein Zweifel: Diesmal gilt es ernst in Bagnoli, in wenigen Wochen finden sich bereits die ersten Segelteams hier ein, um die Lage zu erkunden, den Wind zu studieren und die Infrastruktur zu testen. Im September findet zudem eine wichtige Vorregatta statt. Die Sanierung der alten Industriezone kann, anders als in früheren Jahren, kein leeres Versprechen bleiben.Der America’s Cup war für Bagnoli ein Glücksfall. Er hat Kräfte freigesetzt, die man verloren glaubte. «Ohne den Zuschlag für den Wettbewerb hätte alles sehr viel länger gedauert», sagt Gaetano Manfredi. Die Finanzmittel und die Sanierungspläne waren zwar längst vorhanden, aber erst der Sportanlass gab der Sache die zeitliche Dringlichkeit.«Was ohnehin geplant war, wird jetzt beschleunigt», sagt Manfredi. Vor drei Jahren hat die Regierung in Rom ihn als Sonderkommissar für Bagnoli eingesetzt. Das hat ihm mehr Kompetenzen und Durchgriffsmöglichkeiten verschafft.Manfredis GesellenstückManfredi ist in Italien eine vielbeachtete Persönlichkeit. Der 62-jährige Ingenieur und Spezialist für erdbebensicheres Bauen war lange Jahre Rektor der Universität Federico II. in Neapel und engagierte sich in der Forschungs- und Bildungspolitik.Baustelle unter sengender Sonne: Die Aufschüttung vor Bagnoli im Juni. Im Hintergrund die kleine Insel Nisida.lzb.Das kontaminierte Gelände wurde mit speziellen Textilien versiegelt und später mit einer Zementschicht zugedeckt. Die ursprüngliche Idee, das ganze Material abzutragen und wegzuführen, wurde fallengelassen.Matteo Ciambelli / ReutersEr ist parteilos, gehört aber zum zentristischen Lager und wird immer wieder als möglicher Kandidat des italienischen Mitte-links-Lagers für das Amt des Ministerpräsidenten gehandelt. Seine etwas spröde Art steht in auffälligem Gegensatz zum barocken Überschwang seiner Stadt. Manchmal wirkt er so, als wäre er eine Fehlbesetzung in einer opulenten Tragikomödie.Dem Projekt in Bagnoli bekommt seine Art aber sichtlich gut. Was Matteo Renzi, der flamboyante sozialdemokratische Überflieger der 2010er Jahre, nicht geschafft hat, ist Manfredi gelungen. Nicht zuletzt dank einer offensichtlich gut funktionierenden Zusammenarbeit mit der Regierung von Giorgia Meloni in Rom wird in Bagnoli nun endlich gebaut.Manfredi kann so zeigen, dass er nicht nur ein Technokrat, sondern ein Macher ist. «Es ist eine Chance für Neapel, aber auch für ganz Süditalien», sagt der Bürgermeister in seinem riesigen Büro mit Blick auf Hafen und Vesuv. «Wir können die Fähigkeit des Südens unter Beweis stellen, einen grossen Investitionsplan in relativ kurzer Zeit umzusetzen.»Manfredi möchte an die Erfahrungen von Barcelona und Valencia anknüpfen, zwei Austragungsorte, denen der America’s Cup viel neuen Schwung verliehen hat. Eine bis anderthalb Milliarden Euro soll der Cup laut Manfredi nach Neapel spülen.In Bagnoli selbst hält sich – anders als im Rathaus im Stadtzentrum – die Zuversicht in Grenzen. Die Leute hier haben in all den Jahren zu viele leere Versprechen der Politiker gehört. Was nach dem Segelwettbewerb komme, stehe in den Sternen, sagen Dario Oropallo und Lamberto Lamberti in einer Bar unter schattenspendenden Palmen am Viale Campi Flegrei.Die beiden gehören der Aktivistengruppe «No America’s Cup» an und organisieren den Widerstand gegen das Projekt. In ihre Kritik mischt sich eine gute Portion Klassenkampf und Kapitalismus-Kritik. Der America's Cup: Das ist für sie vor allem ein Hobby für Reiche.«Hier wird uns etwas von oben herab aufs Auge gedrückt», sagt Oropallo. Dieses oder kein Projekt, habe es vonseiten der Verantwortlichen geheissen. «Wir wurden nicht gefragt.» Frühere Visualisierungen liessen Hoffnungen auf einen grossen Park für die Bevölkerung aufkeimen. Die Aktivisten befürchten, dass dies nun wegen des Wettbewerbs auf die lange Bank geschoben oder gar nicht umgesetzt wird.Nicht alle Bewohner freuen sich über den America's Cup. Protestveranstaltung in Bagnoli im letzten Winter.Matteo Ciambelli / Reuters«Bagnoli steht nicht zum Verkauf», heisst es auf einem Transparent.Matteo Ciambelli / ReutersBagnoli und das angrenzende Quartier Fuorigrotta, Standort des berühmten Maradona-Fussballstadions von Neapel, hätten dringend eine Vitalisierung nötig. «Gerade einmal zwei Kinos gibt es hier und keine öffentlich zugängliche Bibliothek – und das für 200 000 Einwohner», rechnen die beiden vor.Das Quartier lebe nicht, die Preise für Immobilien seien zuletzt ins Unermessliche gestiegen, und es sei unerschwinglich geworden für einfache Leute. Hier gelte es anzusetzen, sind sie überzeugt. Zudem müsse man die Idee des Parks wieder aufgreifen. Mit einer begrünten Uferzone sei es nicht getan.Dario Oropallo.NZZUmstrittener ZementdeckelLamberti, von Beruf Geologe, äussert zudem Zweifel, ob die Sanierung der Altlasten der Italsider-Werke wirklich nach allen Regeln der Kunst erfolge. Man habe ursprünglich die komplette Abtragung und Entfernung des Materials zugesagt. «Nun machen sie einfach einen Zementdeckel drauf und hoffen, dass er nicht bricht.»Manfredi weiss um die Kritik und versteht sie. «Wer 35 Jahre lang miterlebt hat, dass nichts passiert ist, hat das Recht, Bedenken zu äussern.» Aber er sei bekannt als jemand, der die Dinge auch umsetze. «So wird es auch diesmal sein: Wir werden den Teil danach umsetzen.» Will heissen: Das für die Bevölkerung bestimmte Gelände wird, so Manfredi, kommen. «Wir werden einen grossen öffentlichen Raum mit Zugang zum Meer schaffen.»Was die Abtragung der – nach seinen Aussagen – ungiftigen Altlasten angeht, beruft sich der Bürgermeister auf die Experten des Umweltministeriums in Rom. Diese seien von den ursprünglichen Plänen abgekommen – aus dem, wie er sagt, «einfachen Grund, weil die Entfernung unmöglich ist».Es handle sich um mehr als zwei Millionen Tonnen Kubikmeter Material. «Aus ökologischer Sicht ist eine Abtragung gefährlich, weil dadurch Material ins Wasser gelangen könnte.» Deshalb und weil der Abtransport solch grosser Mengen auf dem Landweg ein Unsinn sei, habe man sich für die sogenannte Verfüllung entschieden. Das Material wurde mit einem speziellen Gewebe eingepackt, abgedichtet und mit einem massiven Deckel zugedeckt.Ordnungskräfte eskortieren einen Lastwagen, der von der grossen Baustelle vor Bagnoli wegfährt. Inzwischen ist es ruhiger geworden hier. Aber Staub, Lärm und Dreck beeinträchtigen das Leben im Quartier.Matteo Ciambelli / ReutersIm letzten März dringen Aktivisten der Gruppe «No America's Cup» auf das Baugelände vor.Ciro Fusco / EPANoch ist in Bagnoli keine Aufbruchstimmung zu spüren. Bis jetzt bekommen die Bagnolesi vor allem eines zu sehen und zu hören: Kolonnen von Lastwagen, die zur Baustelle fahren, Staub, der sich auf Strassen, Balkonen und in allen Ritzen festsetzt, Papierfetzen und Plastik, die von den vorbeidonnernden Fahrzeugen aufgewirbelt werden, Lärm von Baggern und Presslufthämmern.Eine sehr neapolitanische SacheWenn aber im Fernsehen erstmals die Segelschiffe zu sehen sein werden vor der traumhaften Kulisse Neapels, allen voran die «Luna Rossa» des italienischen Teams, könnte die Stimmung kippen – vielleicht nicht bei aktivistischen Gegnern wie Oropallo und Lamberti, aber in jenem Teil der Bevölkerung, der erst einmal abwartet und schaut, was da wirklich passiert.Lamberto Lamberti.NZZDie Neuseeländer, Titelhalter des America’s Cup, hätten sich vor allem deswegen für Neapel als Austragungsort ausgesprochen, weil sie gesehen hätten, wie sportverrückt die Stadt sei, sagt Manfredi. Die Bilder von der Feier des Scudetto, des Meistertitels im Fussball, gingen bis ans andere Ende der Welt, bis nach Neuseeland.«Wissen Sie», sagt Manfredi, «es geht hier um eine sehr neapolitanische Sache.» Jeder, ob arm oder reich, fahre aufs Meer hinaus. «Neapel, das ist immer auch das Meer.» Der Segelwettkampf passe perfekt zur Stadt.Sanierungsarbeiten im Wasser vor dem «Pontile Nord», einem riesigen Pier, der weit in die Bucht von Pozzuoli ragt.Matteo Ciambelli / ReutersPassend zum Artikel