Die Shetlandinseln sind eine der am dünnsten besiedelten und landschaftlich schönsten Gegenden hoch im Norden von Schottland. Auf den sechzehn bewohnten Inseln leben etwa 23.000 Menschen, hinzu kommen rund 300.000 Schafe und in den Sommermonaten mehr als hunderttausend Urlauber und Kreuzfahrttouristen. Doch die äußeren Inseln verlieren seit mehreren Jahrzehnten immer mehr Bevölkerung, was der Bezirksregierung Sorgen macht.Der Kommunalrat hat nun beschlossen, ein großes Projekt in Angriff zu nehmen, das den Charakter des Archipels stark verändern könnte. Als Ersatz für die alten Fährverbindungen zwischen den kleinen Inseln will der Shetland Islands Council vier Autotunnel unter dem Meer bauen, die laut einer Studie insgesamt 1,5 Milliarden Pfund (fast 1,8 Milliarden Euro) kosten würden. Laut der Projektstudie wäre dieser Bau „wirtschaftlich transformativ“ für die Inselgruppe. Vorbild sind die Unterseetunnel auf den Färöer, der noch weiter nördlich gelegenen Inselgruppe im Nordatlantik, die zu Dänemark gehört.Die vier Tunnel auf den Shetlands sollen zwischen zwei und gut sechs Kilometer lang sein und kleine Außeninseln wie Bressay, Yell und Unst mit der Hauptinsel verbinden. Auf einer Gemeinderatssitzung in Lerwick beschlossen die Kommunalpolitiker diese Woche, das Tunnelprojekt voranzutreiben und Finanzierungsoptionen zu prüfen. Gemeinderatschefin Maggie Sandison sagte, dass das Projekt nicht einfach werde, aber die richtige Lösung für die Probleme der Inselgruppe sei.„Der Tunnel ist die Antwort auf unsere Probleme“Dazu zählt, dass die bestehenden Fährverbindungen zunehmend veraltet und überfordert sind. Die zwölf kommunalen Boote transportieren etwa 750.000 Personen im Jahr und zudem Tausende Autos; die Kosten stiegen zuletzt auf 23 Millionen Pfund. Investitionen in neue Fährschiffe und Hafenanlagen sowie die laufenden Betriebskosten würden über längere Zeit teurer werden als der Bau der Unterseetunnel, glaubt der Gemeinderat. Es werde auch zunehmend schwierig, Personal für die Fähren zu finden, sagte Verkehrsdezernentin Moraig Lyall. „Der Tunnel ist die Antwort, die uns hilft, diese Probleme zu lösen“, meinte sie. Gemeinderatschefin Sandison sagte, die schwierige Verbindung zwischen den Inseln halte sie wirtschaftlich zurück. „Wir könnten mehr tun.“Northlink ferry leaving Lerwick. (Photo by: Loop Images/Universal Images Group via Getty Images)GettyFalls das Bauprojekt beginnt, könnte der Autotunnel nach Yell schon 2034 in Betrieb gehen. Eine Machbarkeitsstudie zweier Beratungsgesellschaften kam zu dem Ergebnis, dass die Gemeinderegierung etwa ein Viertel der geschätzten gut 400 Millionen Pfund für diesen Tunnel durch Kreditaufnahme, den Rest durch Zuschüsse der schottischen und britischen Regierung und privates Kapital finanzieren könnte. Die Benutzung der Tunnel wäre mautpflichtig.Die etwa 170 Kilometer nördlich der Küste Schottlands gelegene Inselgruppe leistet trotz ihrer geringen Bevölkerung einen überproportionalen Beitrag zur Wirtschaftsleistung Großbritanniens – vor allem durch die Öl- und Gasfelder in der Umgebung. Der Hafen von Lerwick ist die zentrale Anlaufstelle der Versorgungs- und Transportschiffe für den Aufbau der Infrastruktur und den Abbau alter Bohrinseln. Der Ölsektor beschäftigt direkt und indirekt mehrere Tausend Arbeiter und trägt etwa ein Siebtel zur Wirtschaft der Inselgruppe bei. Auf der Insel Yell sind zudem zwei große Windparks geplant.Raketenstarts und Streit um die ÖlfelderEin neueres wichtiges Wirtschaftsprojekt ist der Saxavord-Weltraumbahnhof auf der Insel Unst, dem nördlichsten Punkt des Königreichs. Von dort aus sollen künftig jährlich bis zu dreißig Trägerraketen mit Satelliten ins All abheben. In diesem Sommer wird – nach mehreren Verzögerungen und gescheiterten Versuchen – ein neuer Anlauf für einen Raketenstart stattfinden. Auch das deutsche Unternehmen Rocket Factory Augsburg nutzt Saxavord.Um die Erdöl- und Gasindustrie tobt indes seit Jahren ein Kampf, speziell um das Rosebank-Feld 130 Kilometer westlich der Shetlandinseln. Rosebank ist das größte noch unerschlossene Öl- und Gasvorkommen des Vereinigten Königreichs. Umwelt- und Klimaschutzverbände kämpfen erbittert darum, die Erschließung und Ausbeutung zu stoppen, und haben verschiedene Klagen eingereicht. Die britische Labour-Regierung schwankt und hat bislang die Genehmigung zum Förderbeginn noch nicht erteilt.Wenn sie grünes Licht gäbe, würden der norwegische Staatskonzern Equinor und das Unternehmen Ithaca Energy in einer ersten Phase mehr als drei Milliarden Pfund in die Öl- und Gasförderung aus dem Rosebank-Feld investieren. Auf den Shetlandinseln würde es im Hafen Lerwick mehr Betrieb geben. Die Ansichten der Bevölkerung über Rosebank sind gespalten. Insgesamt nimmt die Bedeutung der britischen Ölindustrie seit Jahren ab.