Beatrix Zurek sieht ein bisschen so aus, als wolle sie sich selbst kneifen. Als würde sie sich fragen: Ist das gerade wirklich passiert? Ob es so ein Ergebnis wirklich noch nie gegeben hat, wie CSU-Stadträtin und Wahlvorständin Evelyne Menges sagt, als sie es verkündet – das müsste man im städtischen Archiv recherchieren. In jedem Fall ist es ein höchst ungewöhnliches Ergebnis. Einstimmig hat der Stadtrat am Mittwochvormittag Beatrix Zurek (SPD) zur Gesundheitsreferentin gewählt. Die Juristin, die das Amt bereits seit November 2020 innehat, erhielt alle der 74 gültigen Stimmen. Anwesend waren 78 von 80 Stadträtinnen und Stadträten.Blumenstrauß, Applaus – und sofort bildet sich eine lange Schlange von Menschen, die Zurek gratulieren wollen. Das Top-Ergebnis würdige „die Leistung der letzten Jahre“, sagt Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). Und Zurek sagt, sie müsse aufpassen, dass ihr nicht die Stimme entgleise. Dann bedankt sie sich für das Vertrauen und findet schnell zu dem Humor zurück, den man von ihr kennt. Eine bessere Haushaltsdotierung bekomme ihr Referat von der Kämmerei wegen ihres Wahlergebnisses nicht, sagt sie. Offenbar hat sie das sicherheitshalber gleich mal abgecheckt.Viel Beifall: Beatrix Zurek (SPD) nach ihrer Wiederwahl. Stephan RumpfZureks Wahl, wie auch die beiden anderen Referentenwahlen an diesem Tag, fällt in eine Zeit, in der die städtischen Ministerien vor allem eines müssen: sparen. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen zeigt sich an diesem großen Wahltag eine selten dagewesene Einigkeit im Münchner Stadtrat. Das von OB Krause viel beschworene und gewünschte neue Miteinander, es wird in den Wahlergebnissen an diesem Tag zum ersten Mal in der Vollversammlung des Gremiums so richtig erlebbar.Denn auch die Spitzen des Kulturreferats und des Kommunalreferats werden mit äußerst breiter Zustimmung gewählt. Der bisherige und künftige Kulturreferent Marek Wiechers (parteilos) erhält 93,2 Prozent von 73 gültigen Stimmen. Alexander Dietrich (CSU), der von Oktober an das Kommunalreferat übernehmen soll, kommt auf 86,6 Prozent von 67 gültigen Stimmen. Dass OB Krause und die Mango-Koalition der größten Oppositionsfraktion, der CSU, einen wichtigen Posten in der Stadtverwaltung angeboten haben, könnte deren Abstimmungsverhalten bei den anderen beiden Wahlen durchaus beeinflusst haben. Zumindest liegt die Annahme nahe.Kür mit mehr als 90 Prozent Zustimmung: Marek Wiechers (parteilos) darf das Kulturreferat führen. Stephan RumpfAls der Grüne Sebastian Weisenburger, Chef der größten Regierungsfraktion, den bisherigen CSU-Landtagsabgeordneten Dietrich für diesen Top-Job vorschlägt, bekräftigt er noch einmal ausdrücklich, dass die Wahl Dietrichs als ein Signal für einen neuen Politikstil im Münchner Rathaus zu verstehen ist. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen, als Versprechen an die Bürgerinnen und Bürger: dass die Fraktionen im Rathaus sich zusammenraufen und gemeinsam nach den besten Lösungen suchen werden.Das soll und muss laut Weisenburger nicht dazu führen, dass über unterschiedliche politische Positionen nicht mehr gestritten werde. Doch Lautstärke solle künftig nicht mehr Argumente ersetzen, wie es manches Mal passiert sei, sagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende. Das Ringen um Lösungen soll von mehr Gelassenheit getragen sein. Man müsse auch mal „Uneinigkeit aushalten“ können, sagt Weisenburger.Diesen Ton und die Botschaft nimmt auch Oppositionsführer Manuel Pretzl auf. In herausfordernden Zeiten – der harte Sparkurs wird die Menschen noch spürbar treffen – sei das Bemühen um eine neue Zusammenarbeit ein Signal an die Stadtgesellschaft, „auch jenseits der Rathaus-Blase“. Doch eines ist Pretzl auch wichtig: So viel Harmonie wie bei den Referentenwahlen wird und kann es nicht immer geben. „Zur Regierung gehört Opposition.“ Die Ankündigung von OB Krause, auch gute Vorschläge der Opposition aufzugreifen, werde man kritisch verfolgen.Münchner Mango-Koalition:Das ist OB Krauses Immobilien-Chef – und er kommt ausgerechnet von der CSUAlexander Dietrich ist als Politiker der Oppositionspartei zum Kommunalreferenten gewählt worden. Mit seinen neuen Aufgaben verbinden ihn Kindheitserinnerungen. Bei einem Zukunftsthema aber könnte es Streit geben.Die Wahl Dietrichs, sagt dessen Parteifreund Pretzl, dürfe man aber auch nicht überbewerten. In anderen großen Städten, zum Beispiel in Nürnberg, sei es guter Brauch, auch Kandidaten der Opposition in wichtige Ämter zu wählen. In München sei dies aber seit etwa 30 Jahren nicht mehr vorgekommen. „Wir kehren zum Geist der Gemeindeordnung zurück“, sagt Pretzl. Dort wird der Stadtrat als Kollegialorgan definiert.Am deutlichsten wird der neue Stil bei der Wahl der alten und neuen Gesundheitsreferentin Zurek. Sie sei aufgrund ihrer Art und ihres Fachwissens anerkannt, „egal welche politische Grundüberzeugung man hat“, sagt die SPD-Fraktionsvorsitzende Anne Hübner. „Sie ist halt ein Mensch“, sagt CSU-Stadträtin Alexandra Gaßmann im Vorbeigehen über Zurek, und das ist so wertschätzend gemeint, wie man den Satz im besten Sinn interpretieren kann.Nicht nur bei Zurek, auch bei den anderen Personalien sind sich die Stadträtinnen und Stadträte fachlich weitgehend einig. Das Einzige, was Widerspruch hervorruft, sind die Befristungen für Zurek und Wiechers auf zwei Jahre. Als „komisches Verfahren“ bezeichnet das Felix Sproll, Fraktionsvorsitzender von Volt. Auch ÖDP-Fraktionschef Tobias Ruff kritisiert die verkürzten Amtszeiten. Sie seien „unsinnig“ und widersprächen dem Vorhaben der Koalition, die Amtszeiten von Stadtrat und Referenten möglichst zu synchronisieren.Für Ruff ist klar, warum die Mango-Koalition so agiert: „Weil sonst ihr ganzes Personalkarussell nicht funktioniert.“ Die SPD brauche schließlich in zwei Jahren einen freien Referentenposten. 2028 läuft die Amtszeit von Personalreferent Andreas Mickisch (SPD) aus. Es wird spekuliert, dass er Zurek nachfolgen könnte. „Bei diesem Geschachere machen wir nicht mit“, so Ruff.Die SPD hatte Zureks Befristung mit deren Alter begründet, sie ist 66. Bei Wiechers hatten FDP und Freie Wähler, die das Vorschlagsrecht haben, die Begrenzung damit begründet, man wollte erst einmal schauen, wie es so läuft mit dem Kulturreferat. Dass die Koalition dieser Begründung kollektiv folge, findet Ruff „eigenartig“. SPD-Fraktionschefin Anne Hübner entgegnet, sie habe es als „große Geste“ der Freien Wähler empfunden, bei ihrer Entscheidung für Wiechers die Parteipolitik zurückzustellen und keinen eigenen Kandidaten zu nominieren.Grundsätzlich, so fordert ÖDP-Fraktionschef Ruff, müssten alle Referatsspitzen, die neu besetzt werden, ausgeschrieben werden. Mit der gleichen Forderung begründet der Fraktionsvorsitzende Stefan Jagel für die Linke die Ablehnung von Alexander Dietrich als Chef des Kommunalreferats.Das kann dessen Freude über seine Rückkehr ins Rathaus nicht trüben. In seiner Dankesrede betont Dietrich, für alle ansprechbar zu sein. „Die Probleme sind gerade so groß, dass wir sie nur gemeinsam bewältigen können.“ Bei aller Einigkeit, die am Mittwoch im Großen Ratssaal zu beobachten ist: Alle Referentinnen und Referenten stehen vor der gewaltigen Aufgabe, einen Beitrag zur Sanierung des Münchner Haushalts zu leisten.Kulturreferent Wiechers sagt am Rande der Sitzung, er sehe die große Zustimmung als Bestätigung seiner Arbeit der vergangenen Jahre. Sein Haus sei Sparen seit mindestens 2020 gewohnt. Aber: „In den letzten Jahren war noch Luft in den Sparbüchern. Das ist jetzt vorbei.“ Er werde dafür werben, dass der Modus des Sparens grundsätzlich verändert werde und der Beitrag des Kulturreferats nicht wie bisher überproportional hoch ausfalle, kündigt er an.