Es mag Schöneres geben, als sich mit Tod und Sterben zu beschäftigen – nicht so auf der Grünen Insel. In Waterford, der ältesten Stadt Irlands, gibt es ein kurioses Museum, das sich den irischen Begräbnisritualen widmet. Wer sich auf einen Besuch einlässt, feiert danach das Leben auf echt irische Art: mit viel Humor und einem ordentlichen Schluck Whiskey!„Ich war sechs Jahre alt, als ich meinen ersten Leichnam sah – das war mein Großvater“, erinnert sich Museums-Guide Donnchadh O Ceallachain. „Er wurde zu Hause aufgebahrt. Die ganze Familie, alle Freunde und Nachbarn kamen zusammen, um ihn noch einmal zu ehren und sich von ihm zu verabschieden.“ Wir befinden uns im Foyer des im Sommer 2023 eröffneten Irish Wake Museum in Waterford. Die älteste Stadt Irlands, 914 von norwegischen Wikingern gegründet, ist bekannt für ihre exzellente Museumslandschaft. Das Mittelalter-Museum im hochmodernen Prachtbau, der elegante Bischofspalast, das Irische Museum der Zeit, das Irische Silbermuseum und der Reginald’s Tower, sie alle sind preisgekrönt.Wer seine Schritte jedoch in das kleine geduckte Gebäude in Dunkelrot lenkt, das 1478 als Almosenhaus errichtet wurde, nähert sich der Geschichte der Grünen Insel auf besondere, ja geradezu spirituelle Weise. „Unsere Bräuche rund um den Tod reichen über 1000 Jahre zurück. Das war in Kontinentaleuropa auch mal so, aber in Irland haben sich diese Traditionen viel länger gehalten. Sie sind noch heute ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur“, betont Donnchadh. So sind es auch die Größen der irischen Literatur – Oscar Wilde, William Butler Yeats, Samuel Beckett oder Seamus Heaney –, deren Gedichte im ersten Raum des Museums den Besucher in das einführen, was das Kernthema der Ausstellung ist: irische Todesrituale vom 15. bis 20. Jahrhundert.Ganz in Dunkelrot: das Irish Wake MuseumAlexa Christ„Still, still! Es dring’n nicht zu ihr Leier noch Lieder. Mein Leben liegt begraben hier, werft Erde darüber!“ (Wilde). Im Mittelalter waren es bis zu zwölf Männer und Frauen, die im Armenhaus eine letzte Bleibe fanden. In ihrer Schlafkammer, auch God’s waiting room – Warteraum Gottes – genannt, mussten sie dreimal die Nacht aufstehen, um für das Seelenheil ihrer Gönner zu beten. Damals glaubte man fest daran, die Zeit im Fegefeuer durch eine Vielzahl an Gebeten verkürzen zu können. Ohnehin ist der Dreiklang aus Totenwache (Wake), Totenmesse (Requiem Mass) und Begräbnis (Burial) ganz darauf ausgerichtet, die Reise des Verstorbenen ins Jenseits möglichst hindernisfrei zu gestalten.„Sobald ein Mensch verstirbt, müssen drei Rituale korrekt ausgeführt werden, damit nichts schiefgeht“, erklärt Tobey Hickey, ebenfalls Guide im Museum. „Zuerst werden alle Uhren angehalten. Dann müssen sämtliche spiegelnde Flächen, die die Seele des Verstorbenen verwirren könnten, bedeckt werden. Zuletzt werden die Fenster geöffnet, damit die Seele den Weg nach draußen findet. Bei unserer armen Antinora haben wir zum Glück alles richtig gemacht.“Mit salbungsvollem Blick deutet Tobey auf die Wachsfigur, die im obersten Stockwerk mit gefalteten Händen auf ihrem Totenbett ruht. Zwei Pennys bedecken ihre Augen; im Röhrenfernseher nebenan läuft das Begräbnis von John F. Kennedy. Irische Kadetten standen damals Spalier. Ein Tisch voller Guinness und Whiskey zeigt, was die vielleicht wichtigsten Zutaten einer hiesigen Totenwache sind, die ein, aber auch zwei oder drei Tage dauern kann. Der Tod ist in Irland nach wie vor eine Gemeinschaftssache. Während sich die Familie des Verstorbenen um die Bewirtung der Gäste kümmert – von weither reisen die Menschen an, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen –, sorgten in früheren Zeiten professionelle Klageweiber für das notwendige Lamento. Oft wuschen sie auch den Leichnam. Eine Aufgabe, die stets den Frauen überlassen wurde. Weil sie Leben schenken können, glaubte man sie dem Tod gegenüber ein Stück weit immun. Sie würden sich den furchteinflößenden Gevatter bestimmt nicht einfangen.Wer alles über die Tradition der Totenwache erfahren möchte, ist in Irlands ältester Stadt Waterford richtig,Picture Alliance„Der Leichnam wird bis zur Beerdigung keine Sekunde allein gelassen. Stets sind Menschen bei ihm. Es wird viel geweint, aber auch gelacht. Man erzählt sich Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen, stößt auf ihn an, singt und tanzt. Es werden auch Karten gespielt, wobei immer jemand die Hand des Verstorbenen austeilt, der bei allem mittendrin ist“, erläutert Tobey. Manch einer könnte den Eindruck gewinnen, die Iren seien geradezu verliebt in den Tod. „Besonders bei jungen Leuten waren die Totenwachen jedenfalls sehr populär“, gibt Tobey zu, „denn sie boten im streng katholischen Irland die Möglichkeit, dem anderen Geschlecht zu begegnen. Deshalb kam es häufig vor, dass es kurz nach dem Begräbnis eine Hochzeit zu feiern gab.“Tobey Hickey ist Museums-Guide und die Tote eine Wachsfigur.Alexa ChristKein Wunder, dass der Kirche das Treiben ein Dorn im Auge war. Im Februar 1923 erließ der Bischof von Kildare das Statut, dass es unverheirateten Männern und Frauen verboten sei, zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang Totenwachen beizuwohnen. Auch der Genuss von Alkohol wurde strengstens untersagt. „Da hat sich aber niemand dran gehalten“, bemerkt Lokalhistoriker Dermot Power mit breitem Grinsen. Wer den Besuch des Wake Museum irisch-angemessen abschließen möchte, bucht das dazugehörige Erlebnis „Sorrow and Solace“ – Trauer und Trost. Letzteren findet man bekanntlich leicht im Uisge Beatha, dem irischen Lebenswasser, weshalb die Verkostung dreier Whiskeys in der nahe gelegenen The Reg Bar nicht nur die Kehle ölt, sondern auch die Theorie in die Praxis überführt.In der gemütlichen Stube von Lilly Poole, der ersten Frau im Stadtrat von Waterford, erläutert Dermot bei einem golden schimmernden Jameson Crested: „Im Irischen gibt es ein Sprichwort: We will never see his like again.“ Frei übersetzt: Einen solchen wie ihn wird es nie wieder geben. „Das ist der Geist, in dem unsere Totenwachen stattfinden – gestern wie heute.“ Zum Beweis zeigt Dermot Arbeiten ikonischer irischer Dichter und Musiker, darunter die guten alten Dubliners mit ihrem Song „Finnegan’s Wake“ oder eine Rede des irischen Literaturnobelpreisträgers Seamus Heaney, die den Tod seines vierjährigen Bruders thematisiert. Auch ein Youtube-Video aus dem Jahr 2016 flimmert per Beamer über die Leinwand. Ein junger Mann aus Kerry erleidet einen viel zu frühen, viel zu plötzlichen Tod.Was tun die Trauernden bei seiner Totenwache? Ziehen irgendwann ins nächste Pub weiter und feiern den Toten ausgelassen auf dem Tresen tanzend zum Song „Mr. Brightside“ der amerikanischen Rockband The Killers. „Bei uns werden die Toten nicht schweigend verabschiedet, sondern laut und geräuschvoll“, so Dermot. Da liegt eine Frage nahe: Wie stellt er sich seine eigene Totenwache vor? „Ach, meine Tochter hat die schon minutiös geplant. Sie kann es kaum abwarten“, scherzt der rüstige Pensionär und hebt das Whiskeyglas zum Toast. „Sláinte!“ Auf die Gesundheit! Und das Leben.Information: Das Irish Wake Museum in Waterford (www.waterfordtreasures.com) ist Teil der Museumslandschaft Waterford Treasures. Geöffnet ist es mittwochs von 9.15 bis 17.00 Uhr sowie samstags von 10.00 bis 17.00 Uhr und sonntags von 11.00 bis 17.00 Uhr. Der Eintritt beträgt 11 Euro und beinhaltet eine fünfzigminütige Führung.