PfadnavigationHomeKulturArtikeltyp:MeinungBeschämte MillennialsBoomer schwoften einfach drauflos – und uns verkrampften Millennials fehlen die WorteStand: 14:19 UhrLesedauer: 6 MinutenBoomer haben das Wandern nicht zur Selbstoptimierung gemacht – genau das ist ihr GeheimnisQuelle: picture alliance/Bildagentur-online/Blend Images/Blend Images/Caterina BernardiBoomer pellen ungeniert Eier im ICE-Großraum und singen zu laut bei Schwof-Konzerten mit. Dabei bleiben sie erstaunlich frei im Kopf. Ihre Gelassenheit stellt das therapierte Dauergrübeln der Millennials und jüngerer Generationen bloß.Haben Sie schon einmal im Bordbistro oder an der Supermarktkasse ein Gespräch der Leute vor Ihnen mitgehört und, ohne groß darüber zu grübeln, diese Leute einfach angesprochen? Dann sind Sie wahrscheinlich ein Boomer. Dieser Text ist für Sie.Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie hören im Supermarkt, in dem die Klimaanlage ausgefallen ist, wie sich zwei junge Menschen vor Ihnen an der Kasse über die Hitze unterhalten und darüber, wie sehr sie sich auf ein abkühlendes Gewitter freuen. Und Sie? Sie sind frei von Zwängen, sie sprechen einfach ungefiltert aus, was Ihnen durch den Kopf geht: „Regnet es dann hier drinnen auch?“ Zufrieden ob des situativ angepassten, aber völlig harmlosen Witzes, gucken Sie ein bisschen triumphierend das erschrockene Millennial-Paar an, das gerade Soja-Skyr und Gochujang-Paste in einen Jute-Beutel stopft. Von Fremden angesprochen werden? Auweia. Das empfinden junge Menschen dieser Generation schon fast als übergriffig.Das Paar guckt peinlich berührt, simuliert ein Lächeln und eilt aus dem Laden in die noch größere Hitze. Draußen angekommen, wird den beiden klar, wie unangenehm das war. Nicht der fröhliche Boomer, dem etwas Lustiges durch den Kopf gegangen war und der das Bedürfnis hatte, seine Mitmenschen für einen kurzen Moment zum Lachen zu bringen, war peinlich. Sondern sie, das verklemmte Paar, das verlernt hat, auf so etwas zu reagieren.Vor einigen Jahren kam es gut, sich über Boomer aufzuregen und ihnen die Schuld an allem zu geben. Am Klimawandel, an den hohen Immobilienpreisen, dem Rollkofferkrach, wenn samstags früh Samsonites über Pflastersteine gezerrt werden. Boomer eignen sich schon wegen der Verteilungskonflikte bei der Rente und in den Sozialsystemen als Feindbild. So könnte man es rational erklären. Auf der Ebene der Gefühle aber provoziert etwas anderes: Boomer sind schamfrei.Lesen Sie auchSie machen sich nicht abhängig von dem, was ihre Mitmenschen von ihnen denken. Sie posten keine Spiegel-Selfies für ein paar Herzchen ihrer Freundinnen und Arbeitskollegen aus dem Pilates-Studio, in dem 50 Minuten Turnen auf einer Streckbank 35 Euro kosten. Sie bestellen keinen mehligen Kollagen-Matcha-Protein-Shake. Nein, die Boomer stampfen in On-Schuhen mit praktischen Gummibändern statt Schnürsenkeln und mit Leki-Stöcken bewaffnet durch den Wald. Der Protein-Snack der Boomer ist eine Wurstsemmel mit Gürkchen. Boomer sind frei im Kopf. Sie sind so, wie die Jungen gerne wären. Hobbys ohne Ziel: Was Boomer von Millennials unterscheidetBoomer haben Hobbys, das erweckt Neid. Denn per Definition ist ein Hobby erst mal völlig ohne Zielsetzung. Es geht nur darum, Spaß zu haben. Und die Boomer haben Spaß. Sie singen im Kirchenchor oder fahren mit dem Motorrad durch die Gegend oder widmen sich der Astrofotografie. Hobbys von Millennials oder den nachfolgenden Generationen sind zielgerichtet. Lesen Sie auchEs geht um „Progress“, einen größeren Latissimus oder darum, den nächsten Halbmarathon in unter zwei Stunden zu schaffen. Man bewegt sich nicht ohne Hintergedanken an der frischen Luft. Bewegung zählt nur, wenn sie in der Strava-App für alle sichtbar dokumentiert wird. Boomer jedoch erkennen den Sinn in sinnlosen Tätigkeiten. Sie brauchen kein messbares Ergebnis. Es geht um Spaß und das ist wunderschön.Die Schattenseiten des Boomer-LebensNun darf man Boomer-Marotten auch nicht verherrlichen. Manche davon lassen sich in ihrem Biotop inspizieren, dem Großraum-Abteil im ICE: Dort klappen sie völlig ungeniert um 8 Uhr morgens hartgekochte Eier, an Ministreuer mit Salz und Pfeffer haben sie selbstverständlich auch gedacht. Wenn sie mit ihrer höchst individuellen, über Jahrzehnte erprobten Pelltechnik loslegen, vergessen sie, wie sehr der ganze Waggon mit dem Eierduft belästigt wird. Sie ditschen das Ei wahlweise auf den Tisch, zerdeppern es schwungvoll mit dem Löffel oder köpfen es direkt mit einem Schweizer Taschenmesser. Boomer telefonieren mit Lautsprecher in der Öffentlichkeit, sodass die anderen Fahrgäste von aktuellen Infekten der Enkelkinder ungewollt erfahren. Und wenn das erledigt ist, starren sie die Mitreisenden an, die sich hinter ihren Laptops verschanzen, mit Kopfhörern im Ohr.Lesen Sie auchMan kann bei diesem raumgreifenden Verhalten natürlich die Nase rümpfen, vor allem beim Einsatz hart gekochter Eier. Doch bewundernswert ist diese innere Freiheit. Es ist die vollkommene Abwesenheit von Zwängen. Eine vollkommene Ignoranz dessen, was andere von einem denken. Diese Generation lebt nicht durch die Spiegelung ihrer Mitmenschen in den sozialen Netzwerken. Sie hat hart dafür gespart und noch härter dafür gearbeitet, am Samstagmorgen mit einem Flex-Ticket plus Sitzplatzreservierung quer durch die Republik zu den längst erwachsenen Kindern zu fahren, um sich am Wochenende (in der von ihnen angezahlten Eigentumswohnung) um die Enkel zu kümmern.Das machen sie, obwohl ihnen ihre Millennial-Kinder ständig die Traumata ihrer behüteten Reihenhaus-Kindheit vorwerfen. Das machen sie, obwohl genau diese Großstadt-Millennials sie nun darin belehren, was sie bei ihrer Erziehung falsch gemacht haben. Wie gemeingefährlich Kinderbuggys sind. Anders als beige Öko-Tragetücher. Darüber kann die jetzige Großelterngeneration hinweggehen. Kein Therapeutensprech: Wie Boomer wirklich kommunizierenDiese Selbstzufriedenheit wird oft von Jüngeren missinterpretiert. Man glaubt, Papa und Mama fehle es an Selbstreflexion. Es fällt ohnehin auf, dass Boomer auf den Therapeutensprech verzichten. Bei ihnen sind nervige Menschen „lästig“, nicht „toxisch“. Andere haben „viel Energie“, aber kein ADHS per Ferndiagnose. Boomer reden nicht von „Boundaries“. Sie sprechen einfach aus, wenn es ihnen zu viel wird. Und „Narzissmus“ erinnert sie eher an die Osterglocke im Vorgarten als an ihren Chef oder Ex-Partner. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich nicht den ganzen Tag um sich selbst drehen. Sie sind die letzte Generation, die sich nicht konstant selbst viktimisiert.Schwof-Musik und Scheibenwischer-HändeWer die ganze Schönheit der Boomer-Lebenseinstellung erleben möchte, muss nur auf ein Konzert gehen, auf dem Schwof-Musik gespielt wird. Statt leuchtender Handybildschirme werden dort Hände in die Luft gestreckt, die im Takt von links nach rechts bewegt werden wie Scheibenwischer. Die dazugehörenden Körper wippen in „bequemen Halbschuhen“ hin und her, das Knie und die Hüfte machen nicht mehr so gut mit. Aber das soll sie nicht stoppen. Die Schwofer singen ein bisschen zu laut mit und schämen sich nicht, ab und zu ein Wort wegzulassen, weil sie nicht alle Lieder auswendig gelernt haben.Ihnen ist egal, was die Leute um sie herum über ihre Jack-Wolfskin-Windbreaker denken. Und darüber, wie sie mit geschlossenen Augen die Musik genießen. Sie leben für zwei Stunden im Hier und Jetzt, bevor die Sorgen des Alltags sie wieder einholen. Das Schwof-Boomertum ist so beneidenswert ungezwungen, wie wir ach so reflektierten Millennials es gerne wären. Dieser Text ist erstmals im Kulturschock-Newsletter erschienen.