PfadnavigationHomeRegionalesHamburgErziehung von Jungen„Es wird nicht erst dann kompliziert, wenn das Testosteron beginnt, eine Rolle zu spielen“Von Britta SchmeisStand: 09:31 UhrLesedauer: 6 MinutenAutorin Simone Buchholz in HamburgQuelle: Bertold FabriciusDie Hamburgerin Simone Buchholz ist vor allem als Romanautorin bekannt. Nun hat sie ein erzählendes Sachbuch geschrieben – gespeist von Erfahrungen mit ihrem Sohn.Als ihr Sohn zur Welt kam, wurde kurz darauf Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt. „Ich dachte, jetzt wird alles gut. Wir ziehen andere Männer auf als bisher, es gibt neue männliche Vorbilder. Das hat mir Mut gemacht“, erzählt Simone Buchholz. Fast 20 Jahre später sieht die Welt anders aus. „Was wir jetzt politisch sehen, die Machthaber in den USA, in Russland und in China – das sind Produkte patriarchaler Strukturen“, sagt die Autorin und fügt hinzu: „Darunter leiden nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Jungen und Männer.“ Buchholz, die mit ihrer Krimireihe um die sperrig-knarzige Staatsanwältin Chasity Riley zur Bestsellerautorin wurde, hat zu diesem Thema ein erzählendes Sachbuch geschrieben. „Über Söhne“ (Rowohlt, 18 Euro) heißt es. Und es handelt auch von ihrem Sohn Rocco.„Als Jungmutter fand ich es interessant, dass Jungs vor allem als Problem wahrgenommen werden“, sagt Buchholz bei einem Treffen mit WELT in einem Dönerladen beim Grünen Jäger zwischen Schanze und St. Pauli. Sie selbst habe sie nie als Problem gesehen, mehr als interessante Wesen, die sie seit vielen Jahren als Frau, Freundin, Mutter und Tochter beobachte. Lesen Sie auch„Andererseits sind die Jungs und jungen Männer es auch, die jetzt wieder unsere Demokratie, unser Land verteidigen sollen“, sagt sie. Also schien es ihr nicht nur interessant, sondern auch wichtig zu schauen, wie in der Gesellschaft mit ihnen umgegangen wird. Das macht sie nicht unbedingt analysierend und schon gar nicht wertend, mehr beschreibend – fast aus einem neugierigen Erstaunen heraus.Dabei setzt Buchholz ganz früh an, bei der Geburt. Oder eigentlich schon früher. „Es gibt ja in der Schwangerschaft 1000 gute, ungefragte Ratschläge und Prophezeiungen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird“, sagt sie. Auch sie selbst glaubte schon früh gewusst zu haben, dass da ein Junge in ihrem Bauch heranwächst – kurz bevor ihr der Gynäkologe das bestätigte. „Im Bauch hatte er geturnt und Purzelbäume geschlagen und die Beine und Arme und den Rücken durchgestreckt, als gäbe es eine B-Note für in Fruchtwasser wachsende Babys, da hatte ich schon manchmal den Verdacht, dass ich ein sehr lebendiges Kind bekommen würde“, schreibt sie in ihrem Buch gewohnt launig.Und dann schließt sie auch gleich ein bisschen Fachwissen an: „Jungs sind im direkten Vergleich üblicherweise von Anfang an schwerer und größer als Mädchen, das lässt sich an den sogenannten Perzentilen, den Wachstumskurven der ersten Monate und Jahre, feststellen, es liegt vermutlich am Knochenbau und an der Muskelstruktur.“ Vor allem aber zitiert sie ihre Hebamme: „Große, schwere Kinder kommen fordernder zur Welt als kleine, leichte Kinder.“ Sie seien lauter und hungriger, weil sie einen höheren Grundumsatz hätten. „Das sind dann meistens die Jungs.“ Über Mädchen weiß die Hebamme zu berichten: „Die sind der Erfahrung nach weniger zerbrechlich, widerstandsfähiger, zäher und notlagenkompatibler.“Lesen Sie auchSo viel zu weit gehegten Klischees, die Buchholz weder versucht zu entkräften noch zu umgehen, im Gegenteil: Sie beschreibt, wie sie das Aufwachsen ihres Sohnes Rocco erlebt hat. Sportlich hat sie das von Anfang an gesehen, sie sei sowieso der Typ radikale Akzeptanz: „Ich dachte: Das machen wir jetzt gemeinsam“, erinnert sie sich noch immer mit einer gewissen Faszination, während der Imbisswirt einen ordentlichen Fleischteller serviert. Dort, wo sie einst für „Rocco und seine Freunde“ massenweise Döner bestellte, um den ewigen Hunger der Pubertierenden zu stillen.„Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber Frauen und Männer sind einfach unterschiedlich“, sagt sie. „Ich will das auch gar nicht biologistisch erklären. Ich habe das nur alles beobachtet.“ An ihrem Sohn seit bald 18 Jahren. Sie beschreibt, wie er als Kleinkind fasziniert ist vom Kämpfen und von jedem Spielplatzaufenthalt im heimischen Kiez massenhaft Stöcke mitschleppt, wie er seine große Liebe zu gefährlichen, stinkenden Wesen entwickelt, Figuren wie den Grüffelo, Godzilla und Batman zu seinen Helden kürt. Wie sich ihr Rocco mit anderen Jungen prügelt und die Sandburgen zerstört, während die Mädchen friedlich mit ihren Förmchen spielen.„Es wird nicht erst dann kompliziert, wenn das Testosteron beginnt, eine Rolle zu spielen“, sagt sie. Aber doch komplizierter. Nicht nur, weil auch mal wieder die Polizei vor der Tür steht – nachdem Rocco mit Freunden mit 0,8 Gramm Hasch erwischt worden war. „Pubertät bedeutet Delinquenz. Da mussten wir dann einfach durch – auch wenn es mich wütend gemacht hat, dass die da auch mal am frühen Morgen mit sieben Leuten vor der Tür standen, wie bei Schwerverbrechern.“ Lesen Sie auchBis dahin hatte sie viel Verständnis für die Polizei, schließlich war sie für ihre Krimireihe tief in das Milieu eingetaucht. Das Vorgehen bei den Jugendlichen aber hielt sie für unverhältnismäßig. „Da habe ich an den Strukturen gezweifelt.“ Das klingt empört, aber niemals frustriert oder resigniert. Denn jede noch so absurde und auch ärgerliche Situation kommentiert sie mit lakonischer Gelassenheit: „Mir scheint, Jungs haben auch deshalb so viele Probleme mit der Polizei, weil sie in jenem Alter noch zu doof und zu laut sind, um rechtzeitig zu verschwinden.“Als Rocco und seine Freunde nicht mehr so recht wissen, wohin mit ihrer Kraft – gerade in der Pandemie, als vieles nicht möglich war –, entdeckt Rocco den Kampfsport für sich: K1, bei dem verschiedene Techniken aus Karate, Taekwondo, Muay Thai, Kickboxen, Boxen und anderen Kampfsportarten zulässig sind. „Der Sport hat seine Flugbahn verändert“, sagt Simone Buchholz und erinnert sich in ihrem Buch, wie sie versuchte, das zu ergründen. Ich wollte einfach, dass Rocco, bitte, bitte kein Scheißtyp zu Ihnen istSie trifft Roccos Trainer. Der erzählt ihr: „Jungs suchen Anerkennung, bei ihren Freunden, bei den Mädchen, sie möchten wer sein und sich beweisen. Die Unsicherheit kompensieren sie, indem sie auf dicke Hose machen.“ Und beim Kampfsport lernten sie, dass Disziplin das Wichtigste sei. Buchholz zieht den Schluss: „Ist Kampfsport der Schlüssel zu sicherer, liebevoller Männlichkeit?“Auch darum geht es der Mutter und Autorin, die sich selbst als „Gummistiefel-Feministin“, also als Praktikerin in klarer Abgrenzung zur „Debattenfeministin“, versteht: Wie gelingt es, Jungen zu verantwortungsbewussten, guten Typen zu erziehen? Und sie stellt fest, dass sie sich in ihrer Rolle als Mutter und als solidarische Frau komplett verheddert – gerade als die ersten Mädchen im „amourösen Kontext“ an der Wohnungstür klingeln. „Ich wollte einfach, dass die Mädchen mich mögen und Rocco, bitte, bitte kein Scheißtyp zu ihnen ist.“Lesen Sie auchAll diese Gedanken sind nicht neu, ebenso wie die Debatte darum. Buchholz nimmt das auch gar nicht für sich in Anspruch, aber, so hofft sie, vielleicht kann sie ein wenig dazu beisteuern – mit einer gewissen Leichtigkeit, mit Verständnis und Wohlwollen. Denn sie ist überzeugt: „Wir schaffen das nur gemeinsam, wenn wir nicht wollen, dass patriarchal handelnde Männer noch mehr Macht bekommen.“ Dafür brauche es parlamentarische Mehrheiten, die nur mit gesellschaftlichen Mehrheiten möglich seien. „Ich bin für Solidarität und nicht an Fronten unterwegs.“ Die macht Buchholz tatsächlich in ihrem schmalen Buch nicht auf – im Gegenteil. Es ist klug, manchmal lakonisch beschreibend, bei allen Stereotypen sehr unterhaltsam.Rocco übrigens war der erste Leser und hat den Buchtext autorisiert. Nur eine Stelle musste seine Mutter streichen, weil sie ihm peinlich war. Und bei der offiziellen Buchvorstellung am 30. Juni im Literaturhaus wollte er mit auf der Bühne sitzen – neben seiner Mutter. Für all seine Freunde hatte er lange vorher Karten reserviert.Britta Schmeis ist freie Autorin in Hamburg. Für WELT AM SONNTAG schreibt sie über Filme, Schauspieler und Bücher aus der Hansestadt.
Erziehung von Jungen: „Es wird nicht erst dann kompliziert, wenn das Testosteron beginnt, eine Rolle zu spielen“ - WELT
Die Hamburgerin Simone Buchholz ist vor allem als Romanautorin bekannt. Nun hat sie ein erzählendes Sachbuch geschrieben – gespeist von Erfahrungen mit ihrem Sohn.






