Yana Mark ist der AfD zuvorgekommen. Die Sechsunddreißigjährige war als Vizepräsidentin des Landesverwaltungsamts eine von vier politischen Spitzenbeamten in Sachsen-Anhalt, abseits der Staatssekretäre. Mark leitete als Vizepräsidentin des Landesverwaltungsamts des Bundeslandes die Abteilung für Bauwesen und Verkehr. Jetzt nicht mehr. Zum Juni hat Mark ihr Amt aufgegeben. Sie wird also nicht erleben, wie man sie austauscht.„Ich scheide freiwillig aus dem Landesdienst aus angesichts der Landtagswahl im September“, sagt Mark im Gespräch mit der F.A.Z. in ihrer Heimatstadt Halle. Aber nicht, weil sie Angst hat, dass die AfD sie bei einem Wahlsieg entfernen könnte. Mark kämpft jetzt nicht mehr mit Verwaltungsvorschriften, sondern für etwas anderes. „Das ist ein politischer Posten. Für mich stellte sich die Frage: Wartet man, bis andere kommen und einen in den vorzeitigen Ruhestand versetzen, oder nutzt man den Sommer als Wahlkampfzeit, um möglicherweise Einfluss nehmen zu können bei dieser Schicksalswahl?“ Sie meint die Landtagswahl am 6. September.Mark ist nicht die Einzige, die den Tag rot im Kalender markiert hat. Die AfD könnte eine absolute Mehrheit erringen, wenn sie ein ähnliches Ergebnis holt, wie Demoskopen es derzeit für die Partei messen. Mehrere Parteien bangen außerdem um den Einzug in den Magdeburger Landtag: SPD, BSW und Grüne drohen an der Fünfprozenthürde zu scheitern. Für Marks eigene Partei, die FDP, sind die Aussichten gegenwärtig noch schlechter. Die jüngste Wahlumfrage von Infratest dimap aus dem Mai weist die Liberalen gar nicht mehr aus. Andere Umfragen, die sich nur auf Onlinebefragungen stützen, sahen die Partei zuletzt bei drei Prozent.Überlebenskampf der FDPDie FDP führt einen Überlebenskampf in Sachsen-Anhalt, dem Land, aus dem Hans-Dietrich Genscher kam. Mark will ihren Teil beitragen. Sie lässt sich also nicht nach einem Regierungswechsel in den vorzeitigen Ruhestand versetzen, sondern gab den Beamtenstatus vorher ab. Jetzt will sie Wahlkampf machen. Mit drei Jahren Landesdienst auf dem Konto hätte Mark ohnehin kein Ruhegehalt bekommen. Aber sie hätte noch eine Weile auf der Stelle ausharren können und ihre üppigen Bezüge weiter erhalten. Das Grundgehalt der Stufe B 6 liegt bei etwa 13.000 Euro brutto im Monat.Vielleicht passt das einfach nicht zu ihr. Mark kommt aus dem politischen Ehrenamt. Die Anwältin war Stadträtin, hatte schon alle möglichen „Pöstchen“ im Landesverband und bei den Jungen Liberalen. Dort hatte sie als Studentin ihre politische Heimat gefunden. Selbstbestimmung und Aufstiegsversprechen, diese beiden Werte zogen sie besonders an. Mark war als acht Jahre altes Mädchen mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Halle gekommen. In der Plattensiedlung Halle-Neustadt wuchs sie auf. Das hört man auch: Mark spricht mit einem ganz zarten hallensischen Zungenschlag.Eingesetzt wurde Mark von der Koalition aus CDU, SPD und FDP, die derzeit noch in Magdeburg regiert. Wenn im Herbst eine neue Regierung an die Macht kommt, kann diese Stellen wie die von Mark neu besetzen – und die bisherigen Beamten in den einstweiligen Ruhestand schicken. Außer für die Vizepräsidentin des Landesverwaltungsamts gilt das auch für den dortigen Präsidenten, den Regierungssprecher sowie für den Präsidenten des Landesverfassungsschutzes.Was kommt auf das Landesverwaltungsamt zu?Dass politische Beamte ausgetauscht werden, ist ein normaler Prozess, der den Wählerwillen abbilden soll – Positionen, für die eine besonders vertrauensvolle Zusammenarbeit nötig ist, werden von den Wahlsiegern mit Personen besetzt, denen sie zutrauen, die Geschicke in ihrem Sinne zu leiten. Mark sagt: „Ich finde es fair, abgesetzt zu werden, wenn man politisch besetzt wird.“ Manchmal bleiben diese politischen Beamten aber auch im Amt, wenn eine Regierung wechselt. So war es etwa bei Werner Gatzer, der von 2005 bis 2023 nahezu ununterbrochen als Staatssekretär im Finanzministerium arbeitete – sowohl bei Peer Steinbrück (SPD) als auch bei Wolfgang Schäuble (CDU).Die „Deutschland-Koalition“ in Magdeburg hatte sich während der Legislatur auf die Juristin Mark verständigt, weil die Stelle nachbesetzt werden musste. Der kleinste Koalitionspartner in Magdeburg, die FDP, drang mit seinem Vorschlag durch. FDP-Landeschefin Lydia Hüskens sagte damals, sie freue sich, dass Mark eine „Schlüsselrolle“ beim Erreichen der Ziele der FDP einnehmen werde. 2023 übernahm Mark mit gerade mal 33 Jahren das Spitzenamt.Yana Marks früherer Amtssitz: das Landesverwaltungsamt in Halle, aufgenommen im November 2024dpa„Es ist schon ungewöhnlich, dass jemand frühzeitig den hoch besoldeten Landesdienst verlässt“, sagt Mark. Sie sei gefragt worden, welches Amt es bei der FDP denn jetzt sein solle. Doch Mark sagt, sie schiele auf keines. Sie ist auch keine Kandidatin in der Wahl.Ihr Büro im Landesverwaltungsamt hat sie jedenfalls schon geräumt. Ist es vorbereitet auf den Regierungswechsel? Recherchen der F.A.S. hatten gezeigt, dass die AfD plant, 150 bis 200 Stellen im öffentlichen Dienst in Sachsen-Anhalt unter ihre Kontrolle zu bringen, wenn sie an die Macht kommt. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sagte, loyale Beamte wolle man behalten. Doch: „Wenn versucht wird, unsere Arbeit zu blockieren, greifen sicherlich verwaltungsrechtliche Maßnahmen.“ In Sachsen-Anhalt wurde diese Ankündigung von manchen als Drohung aufgefasst.Die Pläne könnten auch die Verwaltungsbeamten betreffen. Die Medienberichte seien nicht spurlos an den Mitarbeitern vorbeigegangen, sagt Mark, sie spricht von „psychischem Druck“. Aber im Zweifel würde es jeder in der Verwaltung sicher auf einen Gerichtsprozess ankommen lassen. Man sei sich dort seiner Rechte bewusst.Die Verwaltung wird arbeiten – und ist „gut gewappnet“Manche vermuteten auch, dass Beamte freiwillig gehen würden. Doch Mark sagt über das Landesverwaltungsamt: „Keiner hat gesagt: Ich gehe, wenn die AfD regiert.“ Die frühere Vizepräsidentin ist überzeugt: „Die Verwaltung wird arbeiten – rechtskonform, verfassungstreu, egal wer wo sitzt.“ Was der Verwaltung oft vorgeworfen wird, könnte sie nun schützen, meint Mark: „Die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam. Das ist auch ein stabilisierender Faktor.“Mark sieht ihr Amt als „wehrhaft“. Wenn ein Sachbearbeiter überzeugt sei, dass eine bestimmte Anweisung rechtswidrig ist, dann kann er diese nach oben zurückgeben, bis das Amt schließlich gegen das Ministerium remonstriert – die Richtschnur ist dabei nicht die politische Überzeugung, sondern die Verfassungstreue. Es kann dann gerichtlich überprüft werden, ob das Ministerium recht hat oder die Beamten. Die Verwaltung sei „gut gewappnet“.Trotzdem: „Es gibt Überlegungen, was passiert, wenn es dazu kommen sollte, dass die AfD regiert. Aber eher politischer Natur.“ Dass die AfD vielleicht den nächsten Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt stellt, „hat dieses Bundesland nicht verdient“, sagt Mark. So denkt sie als politische Bürgerin, nicht als Amtsperson, hebt sie hervor.Doch nicht nur eine AfD-Regierung beschäftigt nach Marks Worten die Verwaltungsbeamten. Viele hätten Bedenken, wenn es einen Zusammenschluss aller anderen Parteien gebe und in einer Regierung etwa die Linkspartei beteiligt werde. Mancher im Amt habe aufgrund der Familiengeschichte in der DDR eine ablehnende Haltung zur SED-Nachfolgepartei. „Ich schließe nicht aus, dass in beiden Konstellationen schräge Gesetze zustande kommen“, sagt Mark. „Es kann auch die Variante geben, dass wir hier für einen längeren Zeitraum keine Regierungen haben oder eine Minderheitsregierung.“ In jedem Fall gilt: Die Verwaltung mahlt weiter. Ohne Mark, aber mit genug Selbstbewusstsein.