Da ist zum Beispiel die Geschichte von Zubeida, heute 15 Jahre alt. Nachdem die Truppen der Rapid Support Forces (RSF) al-Faschir am 26. Oktober 2025 eingenommen hatten, floh sie aus der Stadt, gemeinsam mit etwa 25 Verwandten und Nachbarn. An dem Erdwall, den die Belagerer um die Stadt errichtet hatten, wurden sie von RSF-Kämpfern aufgehalten. Diese trennten die Männer und Jungen vom Rest der Gruppe, befragten sie und erschossen sie dann, unter ihnen Zubeidas zehnjähriger Nachbar.Dann waren die Frauen und Mädchen an der Reihe. Einige wurden mit Schwertern getötet, nachdem sie sich gegen sexuelle Übergriffe gewehrt hatten, andere wurden an einem Baum aufgehängt. Vier Kinder wurden erschossen, weil sie geschrien hatten, nachdem sie den Tod ihrer Mütter hatten mitansehen müssen. Allein Zubeida überlebte. Sie wurde verschont, nachdem sie behauptet hatte, dass sie zur Hälfte arabisch und ihr Vater ein RSF-Kämpfer sei.Das dunkelste der zahlreichen dunklen Kapitel dieses BürgerkriegsZubeidas Geschichte findet sich in einem neuen Bericht, den die Menschenrechtsorganisation Amnesty International an diesem Mittwoch veröffentlicht: „City Under Siege, Children Under Fire“, zu Deutsch: Stadt unter Belagerung, Kinder unter Beschuss. Er widmet sich dem dunkelsten der zahlreichen dunklen Kapitel des seit 2023 anhaltenden Bürgerkriegs im Sudan: der Belagerung und der Einnahme von al-Faschir, der Hauptstadt der Region Nord-Darfur, durch die RSF. Die Miliz unter Anführer Mohammed Hamdan Dagalo alias Hemeti beherrscht seitdem fast den gesamten Westen des afrikanischen Landes, während die sudanesische Armee (SAF) den Osten und die Hauptstadt Khartum kontrolliert.Der Bericht besticht weniger dadurch, dass er viel Neues zu bieten hätte. Die Gräuel, die die RSF in Darfur verübt haben, sind schon vielfach beschrieben worden – auch in der Süddeutschen Zeitung – und zeichneten sich in Ansätzen bereits in den Tagen nach der Eroberung al-Faschirs Ende Oktober 2025 ab.Amnesty zufolge wurden viele Kinder, auch kleine, ermordet, Mädchen vergewaltigt, Jungen zu Kindersoldaten gemachtSein Wert ist vielmehr dokumentarischer Natur, auch im Hinblick auf eine mögliche Aufarbeitung der Ereignisse vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Bis auf einzelne Ausnahmen – etwa einen Kurzbesuch der Organisation Ärzte ohne Grenzen im Januar, die hinterher von einer „Geisterstadt“ sprach – verweigern die RSF der Weltöffentlichkeit den Zugang nach al-Faschir. Was sich dort ereignete und bis heute ereignet, können Journalisten, Forscher oder Juristen nur mittelbar in Erfahrung bringen, durch Gespräche mit Überlebenden, denen die Flucht gelungen ist. Der Amnesty-Bericht ist mit mehr als 200 Seiten, basierend auf mehr als 200 Interviews, der bislang wohl umfassendste Versuch, das Schweigen über die Verbrechen in Darfur zu durchbrechen.Anhand der Zeugenaussagen zeichnet er die Entwicklung vom Beginn des Krieges im April 2023 bis in die Gegenwart nach. Die Unterwerfung und Zerstörung der Dörfer Darfurs durch die RSF; die Belagerung al-Faschirs ab Mai 2024, die für die damals 1,5 Millionen Bewohner eine Hungersnot und fast tägliche Bombenangriffe mit sich brachte; das Wüten der RSF-Kämpfer in der eroberten Stadt, in der sie Zivilisten ermordeten, folterten und vergewaltigten. „Was folgte, war ein Massaker“, hält es der Bericht fest.UN-Angaben zufolge wurden nach der Einnahme al-Faschirs 4400 Menschen in der Stadt getötet; weitere 1600 Menschen starben, als sie wie die 15-jährige Zubeida und ihre Gruppe zu fliehen versuchten. Die Gewalt richtete sich vor allem gegen die nicht arabischen Bevölkerungsgruppen Darfurs wie die Zaghawa, die Berti oder die Gimir. Amnesty International spricht von „ethnischen Säuberungen“.Das nächste Massaker könnte unmittelbar bevorstehen – gut 500 Kilometer östlich von al-FaschirAus der langen Liste an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die die Organisation den RSF zur Last legt, wird ein Komplex besonders ausgeführt: das Vorgehen gegen Kinder. Kinder seien von der Hungersnot in al-Faschir besonders betroffen gewesen, viele, auch kleine Kinder, seien ermordet, Mädchen vergewaltigt worden. Und vor allem ältere Jungen seien zudem als Kindersoldaten rekrutiert und zum Kämpfen gezwungen worden.„Der Konflikt in Sudan hat sich zu einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung entwickelt, bei dem Kinder durch die RSF zur Zielscheibe gemacht werden“, sagt Julia Duchrow, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International. „Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, endlich zu handeln, um den seit drei Jahren andauernden Krieg zu beenden.“Solche Appelle begleiten den Krieg in Sudan schon seit drei Jahren, ohne dass sich etwas verändern würde. Mit der Folge, dass das nächste Massaker, das nächste al-Faschir, womöglich unmittelbar bevorsteht. Der UN-Sicherheitsrat, ebenso wie andere Organisationen und Regierungen, veröffentlichten zuletzt eindringliche Warnungen, dass die RSF al-Ubayyid einkreisten, die Hauptstadt der Region Nord-Kordofan, gut 500 Kilometer östlich von al-Faschir. Es bestehe die „unmittelbare Gefahr massenhafter Gräueltaten“.