PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2005Als der „Petersdom der Protestanten“ wiederauferstandStand: 07:08 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Frauenkirche in Dresden auf dem wiedererstandenen NeumarktQuelle: picture alliance/Shotshop/Birgit SeifertAm 30. Oktober 2005 wurde die Frauenkirche in Dresden neu geweiht. Damit kehrte ein jahrzehntelang nur als Ruine sichtbares barockes Meisterwerk in die Stadt zurück. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Zwei Jahrhunderte lang hatte die Kuppel aus Stein die Silhouette Dresdens gekrönt. Die weltweit einzigartige Konstruktion lenkte die Aufmerksamkeit jedes Besuchers auf die Frauenkirche, in der neben bedeutenden Theologen auch noch bedeutendere Musiker gewirkt hatten, etwa Johann Sebastian Bach. Dann kamen die verheerenden Bombardements vom 13. und 14. Februar 1945, in denen die Innenstadt der sächsischen Residenz in Schutt und Asche versank. Die Kuppel der Frauenkirche schien die Katastrophe überstanden zu haben – allerdings nur bis zum Vormittag des 15. Februar. Zwischen zehn und elf Uhr (die Zeitzeugen machten unterschiedliche Angaben) an diesem Donnerstag brach das Meisterwerk zusammen, rund 36 Stunden nach Beginn der Angriffe. Zwei hochaufragende Mauerstümpfe blieben stehen; zwischen ihnen erhob sich fortan ein gewaltiger Steinhaufen. Trotzdem blieb die Frauenkirche auch als Ruine über Dresden hinaus ein Symbol. Für die Zerstörung des Landes durch Hitlers Krieg und für die deutsche Teilung Deutschlands als dessen Folge. Im Herbst 2005 änderte sich das: Nach rückblickend betrachtet erstaunlich kurzer Zeit, nicht einmal anderthalb Jahrzehnten, konnte das weitgehend originalgetreu wiedererrichtete Meisterwerk des Baumeisters George Bähr neu geweiht werden.WELT feierte diesen Erfolg mit einer 16-seitigen Sonderbeilage, deren Erlöse komplett der Stiftung Frauenkirche zuflossen. Dieter Stolte, Ehrenkurator der Stiftung und WELT-Herausgeber, brachte den Gedanken in seinem Editorial auf den Punkt: „Es gibt Bauwerke, die stehen für mehr als den Zweck, für den sie gebaut wurden.“ Das gelte für den Kölner Dom und das Brandenburger Tor ebenso wie für die Dresdner Frauenkirche: „Dem katholisch gewordenen König von evangelisch gebliebenen Bürgern abgerungen, war sie, als der bedeutendste evangelische Sakralbau überhaupt, sinnfälliger Ausdruck für das Selbstbewusstsein der Dresdner.“Der Bauingenieur Eberhard Burger, der schon seit 1980 mehrere historisch bedeutsame Kirchen in Sachsen restauriert hatte, ordnete im WELT-Interview das bedeutsamste Projekt seiner Berufslaufbahn ein: „Wir haben uns generell an die ursprüngliche Konstruktion gehalten, auch bei der Farbigkeit der Innenausmalung, weil wir der Überzeugung waren, sie passt am besten zur Architektur. Bei späteren Renovierungen haben die Generationen jeweils ihren Geschmack mit hineingebracht, egal ob es gepasst hat oder nicht.“ Das wollten Burger und seine Mitstreiter wie der Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler oder der Medizin-Nobelpreisträger Paul Blobel nicht wiederholen: „Wir haben mit ganz wenigen Ausnahmen die Barockkirche George Bährs wiedererrichtet.“Etwa 4500 Kubikmeter alte Steine aus dem Schutt wurden in den Bau eingefügt, der ansonsten aus neu geschlagenen Steinen wiedererrichtet wurde. „In 30 bis 50 Jahren werden die hellen neuen Steine die dunkle Patina der alten angenommen haben“, erklärte Burger: „Das ist eine Eigenart des Steins und hat mit Luftverschmutzung nichts zu tun.“Die Herausforderungen für die Bauleute um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert erwiesen sich als enorm, denn viel Wissen, das im 18. Jahrhundert selbstverständlich gewesen war, hatte der Fortschritt der Bautechnik beiseitegewischt und damit dem Vergessen überlassen. So mussten Burger und seine Mitarbeiter lernen, die Steine im Übermaß anfertigen zu lassen: „Wenn am Stein etwas fehlt, kann man das nicht ersetzen. Abarbeiten kann man immer.“Die Steine der Außenfassade mussten trocken gesetzt werden, also nicht wie bei normalem Mauerwerk in ein Mörtelbett. Denn was mit Mörtel fixiert ist, lässt sich nicht mehr bewegen – genau das aber war bei einer so komplexen, auf Fingerspitzengefühl und Intuition der Maurer beruhenden Konstruktion wie der Kuppel notwendig. Während zu George Bährs Zeiten die Steine auf Schieferplättchen gesetzt und erst fixiert wurden, als die Lage jeweils passte, benutzten Burgers Arbeiter Bleiplättchen: „Der Stein wird genau eingemessen. Dann wird die Mauer dahinter hochgezogen und von hinten der Mörtel vergossen.“ Das Bauteam hatte andere Methoden ausprobiert, aber keine bessere gefunden. Ein wesentlicher Vorteil beim Wiederaufbau war, mehr als ein Vierteljahrtausend später besseres Material zu haben. „Das fängt schon beim Sandstein an. George Bähr bekam seine Steine aus 30 oder 40 Steinbrüchen, wir aus ganz wenigen, die wir kannten.“ Das sicherte Konstanz und reduzierte die Gefahr, fehlerhafte Steine etwa mit schwächenden Einschlüssen oder Rissen zu verbauen. Ferner hatte der mit motorgetriebenen Sägen aus dem Steinbruch gewonnene Werkstein viel glattere Kanten als das per Hand geschlagene Material des 18. Jahrhunderts. Der Mörtel, für den Wiederaufbau angemischt aus Zutaten gleichbleibender Qualität in exakt festgelegten Verhältnissen, hatte stets dieselben Eigenschaften – ebenfalls ein Unterschied zu Bährs Zeiten.Lesen Sie auch„Und wir konnten witterungsgeschützt bauen, etwas sehr Wichtiges beim Sandsteinbau“, wie Burger erklärte: „Der Mörtel bindet langsam ab. Das Mauerwerk wird vier bis sechs Wochen von der Witterung beeinflusst.“Man habe die Frauenkirche die Seele Dresdens, Dresdens Herz, ja den „Petersdom der Protestanten“ genannt, schrieb Dankwart Gurtatzsch, seit 1976 Architekturkritiker der WELT, in seiner Erinnerung zum 20. Jahrestag der Wiedereinweihung 2025. Und weiter: „Selten in der Geschichte ist ein Bauwerk so sichtbar und so unbezweifelbar weit über seinen Standort hinaus zu einem Anker der Erinnerungskultur geworden. Selten wurde es über die ganze Dauer seiner Existenz derart mit Geschichte und Bedeutung aufgeladen. Selten hat es in solcher Intensität weit über seinen Standort hinaus so tief, so nachhaltig und so maßstabsetzend in die Gesellschaft hineingewirkt.“Zwei Jahrzehnte nach Vollendung des Wiederaufbaus wirkt nicht mehr die Frauenkirche unwirklich, sondern die Fotos ihrer Ruine, die rund ein halbes Jahrhundert hier stand. Wenn es ein Beispiel dafür gibt, dass Wunden der Vergangenheit heilen können, dann ist es dieses Gotteshaus.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Den Wiederaufbau der Frauenkirche hat er für WELT mehrere Jahre lang bis zur Einweihung 2005 begleitet. Für ein Interview zum Thema ist er seinerzeit sogar nach Portugal geflogen.
2005: Als der „Petersdom der Protestanten“ wiederauferstand - WELT
Am 30. Oktober 2005 wurde die Frauenkirche in Dresden neu geweiht. Damit kehrte ein jahrzehntelang nur als Ruine sichtbares barockes Meisterwerk in die Stadt zurück. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






