Schon bisher ist Aurubis mit Kupferrecycling die Nummer eins in der Welt. Nun baut das Hamburger Unternehmen seine Position mit einer neuen Anlage aus, die darauf spezialisiert ist, komplexe Materialien effizient zu recyceln. 190 Millionen Euro wurden in das Projekt investiert, das sie bei Aurubis nur noch CRH nennen, für Complex Recycling Hamburg.Mit CRH macht Aurubis aus Schrott und Geröll im wahrsten Sinn des Wortes Gold. Denn das und viele andere Metalle fallen an, wenn Elektroschrott recycelt wird, der sich typischerweise aus 40 bis 60 Materialien zusammensetzt. Aber auch aus unscheinbaren, grauen Gesteinsbrocken oder schwarzem Mineralsand holt das Unternehmen künftig mehr heraus als alle anderen in der Branche. Es sind Zwischenprodukte aus dem eigenen Produktionsprozess, die künftig für die Rohstoffgewinnung genutzt werden können.Finanzbudget eingehaltenEisensilikat ist so ein Beispiel. Fest verkapselt darin sind Kleinstmengen wertvoller Metalle, die aber verloren sind, wenn das Mineral zum Beispiel in die Bauindustrie geht. „Da kann man mehr rausholen“, sagt Jürgen Jestrabek, der CRH-Projektleiter. Der heute 62 Jahre alte promovierte Ingenieur der Metallurgie und Werkstoffwissenschaften lässt klar erkennen, dass ihn genau das angestachelt hat: die Suche nach einer Technologie, die bisher noch keiner in der Branche beherrscht. Fünfeinhalb Jahre hat er die Anlage von Grund auf projektiert. Das Finanzbudget hat er eingehalten, vermerkt er stolz. Ein paar Kinderkrankheiten, die sich zuletzt zeigten, hat man auch geheilt. Nun läuft die Anlage langsam hoch. Für den kommenden Freitag (3. Juli) ist die feierliche Einweihung geplant.Projektleiter Jürgen Jestrabek vor der CRH-AnlageAurubis„Mit CRH verschieben wir die Grenze dessen, was wir im eigenen Netzwerk verarbeiten können“, bekräftigt Aurubis-Produktionsvorstand Tim Kurth. „So verbleibt mehr Wert im Unternehmen.“ Das Geschäftsmodell ist leicht verständlich. Während in der Aurubis-Produktion bisher etwa 10.000 Tonnen Kupferbleistein jährlich anfallen, die mit Verlust verkauft wurden, können die Hamburger künftig das Material in den Konverter der CRH-Anlage geben – und in einem selbst entwickelten industriellen Prozess am Ende Kupfer, Blei und Schwefelsäure gewinnen. „Das ist technologisch ein echter Sprung“, lobt Kurth den Erfolg. Andere Wettbewerber sind noch nicht so weit.Unterdessen wird in Büros und Laboren von Aurubis schon durchgespielt, welche anderen Zwischenprodukte ebenfalls besser ausgenutzt werden könnten. Jestrabek spricht von CRH schon als einer Plattform für entsprechende Weiterungen. An Zinn, Nickel und Antimon denkt man. Mit Tellurium dürfte es etwas schwieriger werden, weil das Halbmetall etwas eigenartig in seinen Reaktionen ist. Aber die Nachfrage wäre sicher da. Ein Plus von 82 Prozent erwarten Analysten für die Nachfrage nach Tellurium auf der Welt bis zum Jahr 2035. Einen kräftig steigenden Bedarf sehen sie auch für Zinn (plus 40 Prozent), für Silber (zehn Prozent) und für Gold (26 Prozent).Fortschritt aus MetallFür Kupfer, das Hauptprodukt des Aurubis-Konzerns, ist eine um 22 Prozent höhere Nachfrage prognostiziert. „Metals for progress“ lautet passend dazu der Werbeslogan von Aurubis, gut sichtbar platziert an Gebäuden auf dem Werksgelände südlich der Hamburger Elbbrücken, wo sich das einst „Norddeutsche Affinerie“ genannte Unternehmen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer erstreckt. Was hier produziert wird, spielt überall dort eine große Rolle, wo sich wirtschaftliche Dynamik zeigt: Windkraft, Elektromobilität, Rechenzentren, Rüstung.Schon deswegen lohnt sich Recycling immer mehr. Zudem haben die geopolitischen Verwerfungen ein neues Bewusstsein für die Abhängigkeit von Rohstoffen geschaffen. „Mit CRH investieren wir nicht nur in eine neue Anlage am Standort Deutschland – wir tragen aktiv zur europäischen Rohstoffsicherung bei“, betont Produktionsvorstand Tim Kurth. Die Europäische Investitionsbank hat das Projekt entsprechend dem „Critical Raw Materials Act“ mit einem Darlehen gefördert.„Die Recyclingmaterialien werden hier gebraucht“In einem anderen Punkt hofft Aurubis ebenfalls auf den Beistand der EU. So gibt es aus Asien, wo insgesamt rund 60 Prozent der Hüttenkapazitäten auf der Welt stehen, einen immer schärferen Wettbewerb. Vor allem chinesische Wettbewerber zahlten für Schrott aus Europa hohe Preise, die ohne staatliche Unterstützung wohl kaum realistisch wären, heißt es von Aurubis. „Wir fordern Zölle ein, denn die Recyclingmaterialien werden dringend hier gebraucht“, sagte Aurubis-Vorstandschef Toralf Haag dazu im Zusammenhang mit der Jahrespressekonferenz im Dezember. Insgesamt seien im Jahr 2024 aus Europa 0,8 Millionen Tonnen Kupferschrott in Richtung Asien exportiert worden, eine Million Tonnen aus Nordamerika.Im Gesamtkonzern verarbeitet Aurubis mehr als eine Million Tonnen Recyclingmaterial im Jahr. Allein die Hälfte davon entfällt auf Lünen, rund ein Drittel auf das bulgarische Werk, das kräftig ausgebaut wurde. Zudem wurde ein großer Recyclingstandort in Richmond/USA aufgebaut. Hamburg gilt dagegen als Primärhüttenstandort, wo vor allem Kupferkonzentrat verarbeitet wird. Das Unternehmen mit gut 7000 Mitarbeitern (davon 2800 in Hamburg) hat zuletzt 18 Milliarden Euro umgesetzt und damit ein operatives Ergebnis von 355 Millionen Euro erzielt. Für das laufende Geschäftsjahr (bis 30. September) wurde die Gewinnprognose zuletzt im Mai auf einen Korridor von 425 bis 525 Millionen Euro angehoben.