Nach der Tötung von zwei Menschen, Eltern eines Kleinkindes, beginnt die Suche nach Schuldigen. Die Lokalzeitung findet sie in der Psychiatriereform.

E in mutmaßlich psychisch kranker 22-Jähriger soll seine Nachbarn in Bremen-Vegesack getötet haben. Wie immer nach solch furchtbaren Taten beginnt die Suche nach weiteren Schuldigen. Diese Perspektive entlastet, weil so alles schnell wieder ins Lot gebracht werden kann, ohne sich unangenehmen Gefühlen und Wahrheiten stellen zu müssen. Frei von diesem Reflex sind die wenigsten, auch taz-Journalist:innen nicht.

In Bremen macht der Weser Kurier „die Psychiatriereform“ aus dem Jahr 2013 als verantwortlich für das Tötungsdelikt aus – und damit alle, die sich dafür eingesetzt haben, dass weniger psychisch Kranke weggesperrt und sediert werden.

Sogar ein Name fällt in dem Artikel: der eines ehemaligen Chefarztes, der 2024 gekündigt und somit nichts mit dem Vorfall zu tun hat, zumal er nie in der Klinik in Bremen-Nord gewirkt hat, mit der der mutmaßliche Täter Kontakt hatte.

Der Psychiater stehe für „eine in Bremen vorherrschende Neigung zur Anti-Psychiatrie“, heißt es im Weser-Kurier vom Dienstag, die sei „für das Fehlverhalten verantwortlich“. Als „Fehlverhalten“ identifiziert ein befragter Psychologe aus der Ferne die Tatsache, dass der 22-jährige Vegesacker vor zwei Monaten nicht in die Psychiatrie zwangseingewiesen worden war.