Das Telefon geht nicht, vor dem Haus steht ein Panzer – die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk erzählt von den Absurditäten des kommunistischen WarschauEin altes Buch, ein neuer Film: wie die Polen immer wieder mit einem scheinbar längst abgeschlossenen Kapitel ihrer Zeitgeschichte konfrontiert werden – der bleiernen Zeit des Kriegsrechts in der Spätphase des ihnen aufgezwungenen Sowjetkommunismus.Marta Kijowska01.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenErinnerung an die peinvollen Jahre der Spätzeit der kommunistischen Diktatur: Olga Tokarczuk, 2023.Leonardo Cendamo / Hulton Archive / GettyEs gab Zeiten, da war die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk nicht nur von ihrem Nobelpreis weit entfernt, sondern auch davon, nach jeder prononcierten Aussage – etwa der, die sie vor kurzem bei der Impact-Konferenz in Poznan machte, wo sie zugab, die KI für ihre literarische Arbeit zu nutzen – eine neue Welle wütender Attacken fürchten zu müssen. Damals war sie nur eine begabte Prosaautorin, deren Bücher dank ihrem besonderen Stil eine immer grössere Lesergemeinde gewannen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie im Jahr 2001, das sie auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin verbrachte. Ihre Unterkunft befand sich am Mariannenplatz in Kreuzberg. Es war keine feine Adresse, schon gar nicht, wenn man das Haus mit der Nummer 1 bewohnte. Heruntergekommen und mit einer Schar von Obdachlosen, die vor ihrem Küchenfenster oder im Gebüsch am Eingang kampierten, schien es für sie, eine junge, kaum Deutsch sprechende Ausländerin, denkbar ungeeignet.Olga Tokarczuk fühlte sich hier aber weit wohler als in einem Appartement in Charlottenburg, das man ihr alternativ angeboten hatte. Denn so konnte sie direkt von ihrer Wohnung aus ein Stück der Berliner Realität beobachten und ihre Gedanken in den Erzählband einfliessen lassen, an dem sie gerade arbeitete. Er hiess «Spiel auf vielen Trommeln», erschien noch im selben Jahr und war 2002 für den in Polen sehr renommierten Nike-Preis nominiert. Er gewann ihn zwar nicht, bekam aber im Rahmen der Verleihungsgala den Publikumspreis.Die Absurditäten des KommunismusNun, da das Werk gerade in einer Neuübersetzung im Zürcher Kampa-Verlag erschienen ist (die Erstausgabe lag 2006 bei Matthes & Seitz vor), können Tokarczuks deutschsprachige Fans erneut seine thematische und formale Vielfalt geniessen und die Fähigkeit der Autorin bestaunen, eine alltägliche Situation in ein Rätsel, eine Katastrophe oder ein Geheimnis münden zu lassen.In Polen hingegen wird im Moment nur an eine der Erzählungen erinnert: «Professor Andrews in Warschau». Der Grund dafür ist der neue, auf dieser Geschichte basierende Film «Winter im Zeichen der Krähe» von Kasia Adamik. Beide, die Erzählung und der Film, schildern die gleiche Geschichte, mit dem Unterschied, dass die Hauptfigur des Letzteren weiblich ist.Sie heisst Joan Andrews und ist eine – von Lesley Manville eindrucksvoll gespielte – Professorin für Psychiatrie, die im Dezember 1981 nach Warschau kommt, um an einer internationalen Konferenz teilzunehmen. Sie wird von einer Doktorandin vom Flughafen abgeholt und direkt zur Konferenz gebracht, wo ihr Vortrag durch eine Demonstration gestört wird. Danach geht es in eine Wohnung in der Plattenbausiedlung Ursynów, wo die Britin am nächsten Morgen von ihrer Betreuerin abgeholt werden soll. Doch dazu kommt es nicht. Ausserdem funktioniert das Telefon nicht, vor dem Haus steht ein Panzer, und für die Frau beginnt ein surrealer Trip durch Warschau, auf dem sie auch noch in ein etwas konstruiert wirkendes Spionagespiel verwickelt wird.So weit geht Olga Tokarczuk nicht – ihr Professor Andrews erlebt «nur» die Absurditäten des kommunistischen Warschau, potenziert durch das winterlich-gespenstische Stadtbild und Ereignisse um ihn herum, deren Sinn er nicht versteht. Denn was die Erzählung und den Film auf jeden Fall verbindet: Beide erinnern an jene Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981, mit der in Polen die Zeit des Kriegszustands begann.Die gesamte Führung der Opposition wurde verhaftet, die Macht im Lande vom Militärrat zur Nationalen Rettung (Wron) übernommen – den die Polen schnell in «wrona» (Krähe) umtauften, daher der Titel des Films: «Winter im Zeichen der Krähe». Die Grenzen Polens wurden geschlossen, die Telefonleitungen unterbrochen, öffentliche Veranstaltungen verboten, alle Institutionen des öffentlichen Lebens suspendiert oder gar liquidiert. Unzählige Oppositionelle wurden interniert, andere mit der Drohung eingeschüchtert, jede Verdienstmöglichkeit zu verlieren, oder dazu gezwungen, die sogenannte «Loyalitätserklärung» zu unterschreiben.Wie sich aber bald zeigte, war die Lahmlegung des Landes keine richtige Lösung. Die katastrophale Versorgungslage und die harten Lebensbedingungen bewirkten, dass die Situation erneut zu eskalieren drohte. So bemühte sich die Regierung immer mehr um versöhnliche Töne, um schliesslich am 22. Juli 1983 den Kriegszustand ganz aufzuheben. Fünf Jahre später war die kommunistische Ära zu Ende, doch der Riss, der seit dessen Ausrufung durch die Gesellschaft ging, hatte nicht selten dauerhafte Folgen.Etwa für die Schriftsteller: Die einen sprachen sich für den Kriegszustand aus, und ihre Bücher erschienen weiterhin in staatlichen Verlagshäusern, die anderen publizierten nur noch in Exilverlagen oder im Untergrund. Gegenseitiges Misstrauen ist bis heute spürbar. Oder für die vielen meist jungen Menschen, die vom Kriegszustand im Ausland überrascht wurden und nie wieder zurückkamen beziehungsweise das Land verliessen, sobald dies wieder möglich war.Der Ursprung der SpaltungVor allem aber: Damals kam es auch zu einer Polarisierung innerhalb der antikommunistischen Opposition, mit dem Ergebnis, dass, als nach dem Sturz des Kommunismus der Kampf um die Macht begann, diejenigen, die der neuen politischen Elite angehörten, immer öfter dazu neigten, ihre gestrigen Freunde als Feinde anzusehen. Und diese Tendenz bürgerte sich sehr schnell im politischen Leben Polens ein. Je mehr Parteien entstanden, je öfter die Regierungen wechselten, desto stärker wurde dieses Leben durch das Freund-Feind-Denken bestimmt.Das Ergebnis: Die Gesellschaft wurde immer desorientierter und übernahm umso eifriger die Denkmuster und die Rhetorik ihrer politischen Idole, um dann, in den acht Jahren der PiS-Regierung (2015 bis 2023), endgültig in zwei feindliche Lager zu zerfallen. Und diese Spaltung, die oft mitten durch die Familien geht und nicht selten offene Ausbrüche von Hass und Gewalt nach sich zieht, hält bis dato an.Kasia Adamik war im Dezember 1981 neun Jahre alt. Kurz darauf verliess sie Polen und lebte seitdem mit ihrer Mutter, der renommierten Filmregisseurin Agnieszka Holland, in Frankreich. Davor hatte sie eben in Warschau-Ursynów gewohnt, so dass ihre Erinnerung an diesen Stadtteil und ihre Vorstellung von dem Kriegszustand ein surreales, kafkaeskes Bild ergaben.In ihren Träumen, sagte Adamik in einem Interview, sei dieser Ort «zu einem mythischen Labyrinth geworden, in dem ich mich verirrte und verzweifelt den Weg nach Hause suchte. Alle Häuser waren sich so ähnlich, so grau. In meinem Film wollte ich also ein subjektives Bild vom Warschau jener Jahre und gleichzeitig den schizophrenen Geisteszustand zeigen, in den das totalitäre System einen versetzt.» Deshalb könne der Film für die jüngere Generation in Polen interessant sein, welche die Ereignisse von damals langsam vergesse, aber auch für jeden, der merke, dass wir «nach und nach denselben Mechanismen verfallen», dass «der Geist des Totalitarismus» erneut in der Luft liege. Die Arbeit an ihrem Film habe Jahre gedauert, doch – zum Glück oder eher zum Unglück – habe die Welt sich in eine solche Richtung entwickelt, dass er immer aktueller werde.Olga Tokarczuk: Spiel auf vielen Trommeln. Erzählungen. Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein. Kampa-Verlag, Zürich 2026. 384 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel
«Spiel auf vielen Trommeln»: Olga Tokarczuk erzählt von den Absurditäten des kommunistischen Warschau
Ein altes Buch, ein neuer Film: wie die Polen immer wieder mit einem scheinbar längst abgeschlossenen Kapitel ihrer Zeitgeschichte konfrontiert werden – der bleiernen Zeit des Kriegsrechts in der Spätphase des ihnen aufgezwungenen Sowjetkommunismus.






