Ein Gebirge namens Bach – und ein Schweizer, der es bezwingtRudolf Lutz und die Bach-Stiftung St. Gallen finden immer mehr internationale Beachtung für ihre Gesamtaufführung des Bachschen Vokalwerks. Erst jüngst haben sie als Ritterschlag die Bach-Medaille erhalten. Eine Begegnung in Leipzig.Regine Müller, Leipzig01.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDirigent, Organist, Pianist, Entertainer, Musikvermittler: Rudolf Lutz ist ein ungewöhnlich vielseitiger Musiker.Tibor NadVor kurzem hat er es wieder allen gezeigt: Als Rudolf Lutz Mitte Juni zusammen mit Chor und Orchester der J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen in Leipzig gastiert, um an der ehemaligen Wirkungsstätte des Thomaskantors die Bach-Medaille entgegenzunehmen, verspätet sich bei der Feier ausgerechnet der Oberbürgermeister. Michael Maul, der Intendant des Bachfestes, muss improvisieren. Geistesgegenwärtig ruft er Rudolf Lutz auf der Orgelempore zu, er möge die Wartezeit doch bitte musikalisch überbrücken. Mancher Preisträger wäre von solch einem Ansinnen kalt erwischt worden. Lutz ist jedoch nicht nur ein origineller Interpret, sondern auch ein begnadeter Improvisator.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ohne Zögern beginnt er aus dem Stand mit einer Improvisation, aus der man das Thema der Bach-Kantate «Ach wie flüchtig, ach wie nichtig» heraushören kann. Anspielungsreich sprudelt der Gedankenstrom immer weiter, dann erscheint endlich das Stadtoberhaupt, und Lutz fädelt sich elegant ein in die vorgesehenen Werke von Purcell und Jeremiah Clarke. Ein Clou – die Veranstaltung ist gerettet, und eine besondere Kostprobe des Preisträgers hat das Publikum auch bekommen.«Man hört nur zweimal»In den folgenden Reden wird Lutz’ vielfältiges Wirken in den höchsten Tönen gepriesen. Michael Maul geht besonders auf die Kantatenkonzerte der Bach-Stiftung St. Gallen ein, die einem Ritual folgen: Auf eine erste Aufführung folgen eine ausführliche Werkeinführung sowie eine weiterführende Reflexion etwa durch einen Wissenschafter. Dann erklingt die Kantate ein zweites Mal. Maul beneidet Lutz um die Idee der zweiten Aufführung und dichtet kurzerhand den James-Bond-Filmtitel «Man lebt nur zweimal» um in «Man hört nur zweimal».Lutz führt das Prinzip im Konzertteil der Veranstaltung dann eigenhändig vor, und zwar auf besonders gewitzte Weise: Auf die Aufführung der Kantate «Weichet nur, betrübte Schatten» lässt er eine Einrichtung ebendieses Werks als Pfingstkantate folgen, nun unter dem Titel «Tröstet euch, verzagte Seelen». Deren Text hat Anselm Hartinger, der Spiritus Rector der Bach-Stiftung, im barockisierenden Stil geschrieben; das musikalische Arrangement besorgte Lutz. Das eingespielte Duo illustriert damit das sogenannte Parodieverfahren, bei dem ein existierendes Werk mit einem neuen Text versehen wird. Hier wirkt das Ergebnis so stimmig, dass Michael Maul augenzwinkernd anmerkt, dies sei wohl ein unbekanntes Werk Bachs aus «seiner St. Galler Zeit».Bach war allerdings nie in der Schweiz. Und Lutz selbst war eher ein Spätberufener in Sachen Bach. «Meine Grossmutter, die eine tolle Musikerin war, hasste Bach, es klang ihr wie Nadelstiche», erzählt er bei einer Begegnung am nächsten Morgen. Es war die Idee seines Stiftungskompagnons Konrad Hummler, ihn mit der Mammutaufgabe einer Gesamtaufführung und -einspielung des Bachschen Vokalwerks zu betrauen, die voraussichtlich Mitte 2028 nach über 25 Jahren abgeschlossen werden kann. «‹Bist du wahnsinnig?›, habe ich damals gesagt. ‹Lass mich bei meinem Jazz, meiner Volksmusik, meinem Brahms und meiner Mozart-Lust!› Aber dann habe ich zugesagt und habe ein grandioses Gebirge kennengelernt.» Ihm sei bald klargeworden, «dass da mehr drin ist als grosse Kontrapunktik. Es ist eben auch eine Botschaft.»Deshalb zielt Rudolf Lutz bei seiner Bach-Interpretation besonders auf das Zusammenspiel der Texte mit der Musik. Es sind Texte, die in ihrem Ausdrucksfuror und ihrer bilderreichen Metaphorik heute seltsam klingen mögen. Lutz hält die Texte dennoch für unterbewertet: «Natürlich ist es eine barocke Lyrik von mehr oder weniger guten Dichtern, aber sehr sorgsam, immer auf die Perikope bezogen. Damals kannte man sich damit besser aus, dieses Insidertum ist fast verlorengegangen. Aber diese Beziehung zum glaubenden Menschen – das hat mich tief beeindruckt und bewegt. Also wurde ich vom reformierten Agnostiker zum gottesfürchtigen Agnostiker.»Eigentlich nie fertigFür die Erschliessung der über 220 erhaltenen Bach-Kantaten geht Lutz systematisch vor, hört erst den Text zehn bis zwanzig Mal. Denn er müsse erst den Text verstehen, die «Idee der Kantate», wie er es nennt. «Ich bin eigentlich nie fertig», gibt er zu. Die Idee mit dem zweimaligen Hören hat daher auch etwas mit dieser Einsicht zu tun: nie fertig zu werden mit diesen Kunstwerken aus Wort und Klang.Stilistisch möchte sich der Bach-Interpret Lutz nicht selber einordnen in gegenwärtige Strömungen: «Ich überlasse das eher den Kritikern. Aber ich würde sagen, ich bin eher ein energetisch intensiver Musiker. Ich liebe auch einmal ein schnelles Tempo. Mir ist die Balance extrem wichtig, die Transparenz, das musikantische Feuer.» Im Zusammenspiel mit seinem Ensemble verstehe er sich nicht als dominierenden Chef, sondern eher als Primus inter Pares, sagt er. Über Lutz’ Bach-Interpretationen schwebt ein Geist ansteckender Leichtigkeit und heiterer Experimentierlust: «Ich bin ein Homo ludens – der sich im Zusammenspiel entwickelnde Mensch. Wenn das gelingt, ist es etwas sehr Schönes.»Passend zum Artikel