Der schwedische Nationaltrainer Graham Potter hat für das Sechzehntelfinale gegen Frankreich im Grunde zwei Möglichkeiten: sich auf die Stärken der eigenen Mannschaft zu verlassen – oder das zu tun, was Außenseiter gegen ein Spitzenteam wie das französische meistens tun. Auf die eigene Qualität zu setzen, würde bedeuten, sich gewissermaßen auf einen Kampf mit offenem Visier einzulassen. Denn Schwedens beste Spieler sind allesamt hochgeschätzte Offensivkräfte aus der stärksten Liga der Welt: die Mittelstürmer Viktor Gyökeres vom FC Arsenal und Alexander Isak vom FC Liverpool sowie die Kreativen Anthony Elanga von Newcastle United und Yasin Ayari von Brighton & Hove Albion. Sie alle haben bei dieser Weltmeisterschaft zumindest phasenweise überzeugt und auch schon mindestens einmal ins Tor getroffen.Die Alternative wäre, anzuerkennen, dass Gegner Frankreich eine noch viel stärkere Angriffsreihe hat, und sich deshalb auf das tiefe Verteidigen im Kollektiv zu besinnen. Zumindest in der WM-Vorrunde hat das schon so einigen Außenseitern zu überraschenden Punktgewinnen verholfen, wenn auch nicht gegen die makellosen Franzosen, die mit drei souveränen Siegen durch die Gruppe marschiert sind.Frankreich bei der WM 2026:Die Blitzheilung von Ousmane DembéléDreierpack gegen Norwegen: Lange hat Weltfußballer Dembélé gebraucht, um auch in Frankreichs Nationalelf ein prägender Faktor zu sein. Pünktlich zu einem möglichen Achtelfinale gegen Deutschland ist es so weit.Schweden hingegen hat die vielleicht wechselhafteste Gruppenphase aller 48 Teams gespielt. Auf ein 5:1 gegen Tunesien folgte ein 1:5 gegen die Niederlande. Zum Abschluss gab es dann ein vergleichsweise träges 1:1 gegen Japan, wobei bei diesem Spiel schon vorab klar war, dass beiden Mannschaften ein Remis zum Weiterkommen genügen würde.Welche Schlüsse man aus dieser Bilanz für das Spiel gegen Frankreich zieht? Zumindest der Offensivspieler Ayari, 22, findet: „Man sollte nicht zu viel Respekt zeigen.“ Und die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter empfiehlt, man solle die französischen Stars auch „nicht überschätzen“. Trainer Graham Potter hat den Schweden zudem eine mutige Spielweise verpasst, mit einem Fokus auf Konter zwar, aber auch der Vorgabe, immer wieder hoch anzulaufen und den Gegner unter Druck zu setzen.Die Tendenz gegen Frankreich geht also in die grundsympathische Richtung, es wenigstens zu probieren und mitzuspielen. Nicht nur die TV-Zuschauer am deutschen Dienstagabend (23 Uhr/MagentaTV) würden es den Skandinaviern sicherlich danken.Den schwedischen Weg zur WM kann man unfair finden – doch Potter und sein Team nutzten die Chance, die sie bekamenDer Engländer Graham Potter, der einst den schwedischen Viertligisten Östersunds FK bis in den Europapokal führte, hat die Nationalmannschaft vor acht Monaten übernommen – zu einem Zeitpunkt, als sich der schwedische Fußball in einer schweren Krise befand. 2024 hatte sich Schweden zum ersten Mal seit fast 30 Jahren nicht für eine Europameisterschaft qualifiziert, und auch die Chance auf eine WM-Teilnahme erschien beim Amtsantritt Potters äußerst unwahrscheinlich: In der Qualifikation hatte die Mannschaft in sechs Spielen gerade einmal zwei Punkte geholt und war Letzter in ihrer Gruppe geworden.Der einzige Grund, aus dem sie überhaupt an den WM-Playoffs teilnehmen durfte, war der erste Platz, den sie einige Monate zuvor in einer Nations-League-Gruppe mit der Slowakei, Estland und Aserbaidschan belegte. Das konnte man unfair finden, doch Potter und seine Mannschaft nutzten die Chance, die sie bekamen: Sie schlugen in den Playoffs erst die Ukraine und dann Polen. Angreifer Gyökeres traf in den zwei Spielen viermal.Gemeinsam mit Alexander Isak, 26, bildet Gyökeres, 28, eines der interessanteren Sturmduos bei dieser Weltmeisterschaft. Beide sind rund 1,90 Meter groß und eigentlich klassische Mittelstürmer, deren Wohlfühloase der gegnerische Strafraum ist. Was für beide ungewohnt ist: Im Nationalteam müssen sie das Spielfeld mit jemandem teilen, der ihnen selbst so ähnlich ist.Derartige Doppelspitzen gibt es zumindest im Klubfußball heute kaum noch. Doch auch das ist eben der Charme eines Nationenturniers, wo sich kein Kaderplaner die Spielertypen auf dem Transfermarkt aussuchen kann: Potter muss mit dem arbeiten, was er hat. Und wenig überraschend setzt er keinen der beiden besten Spieler seiner Mannschaft auf die Bank.Beim Auftakt gegen Tunesien harmonierten Isak und Gyökeres gut miteinander, sie trafen beide, und bereiteten das Tor des jeweils anderen vor. Gegen die Niederlande und Japan – die eindeutig stärkeren Gegner – hakte es dagegen. Potter selbst räumte anschließend ein, man sei noch immer dabei „herauszufinden, wie wir Alex und Viktor einsetzen können“.Das war am vergangenen Freitag. Man kann dem Trainer wünschen, dass ihm übers Wochenende die eine oder andere Idee gekommen ist, seine Torjäger einzusetzen. Denn ohne einen sehr guten Plan dürfte es gegen Frankreich noch schwerer werden als ohnehin schon.