Nach der Tötung von sechs Menschen in Stade gehen Ermittlungen und Aufarbeitung weiter. Ein 45 Jahre alter Mann hat am Montag in der Stadt westlich von Hamburg mutmaßlich auf Menschen geschossen. Sechs Erwachsene sind tot. Entgegen früherer Annahmen wurden keine weiteren Menschen verletzt. Tatort ist eine Mutter-Kind-Wohngruppe.Alle sechs Todesopfer waren Mitarbeitende der Einrichtung oder des Jugendamts, insgesamt vier Frauen und zwei Männer. Zwei Frauen sowie ein Mann waren als Mitarbeiter des Jugendamts der Region Hannover vor Ort, zwei weitere Frauen und ein Mann arbeiteten in der Stader Jugendhilfeeinrichtung. Dies gab die Staatsanwaltschaft Stade in einer Presseerklärung mit der Polizei am Dienstag bekannt. Die Polizei bereite derzeit die Einrichtung einer Mordkommission vor.Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich den Angaben der Polizei nach um einen in Deutschland geborenen Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit. Nach Informationen des „Spiegels“ heißt der 45-Jährige Fatih Khan G. und lebte in Garbsen bei Hannover. Er sei der Polizei wegen einer früheren Bedrohung bekannt gewesen, habe aber nicht als „absolut gewalttätig“ gegolten. Eine waffenrechtliche Erlaubnis für die verwendete Schusswaffe habe er nicht, hieß es von der Polizei. Hergang und Motiv Das Tatmotiv liege „vermutlich im Umfeld, das heißt in einem Sorgerechtsstreit“, sagte die Lüneburger Polizeipräsidentin Kathrin Schuol auf einer Pressekonferenz am Montagabend. Dabei sei es um das Sorgerecht für die drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Täters gegangen. In diesem Mutter-Kind-Heim in Stade fielen die tödlichen Schüsse. © AFP/Ibrahim Ot Der Verdächtige war am Montag zu einem vereinbarten Termin in die Einrichtung gekommen, zu einem sogenannten Hilfeplangespräch. Weil der Vater als auffällig galt, sollte das Gespräch mit mehreren Mitarbeitern stattfinden.Nach der Tat versuchte der Schütze in einem Mercedes-Coupé zu fliehen, das von einer 65-jährigen Frau gefahren wurde. Laut Ermittlern soll sie enge Verbindungen zur Familie des Verdächtigen haben und die Patentante des Kindes sein. Die Polizei zerschoss mindestens einen der Reifen und stoppte das Auto. Beide Fahrzeuginsassen wurden festgenommen. Nach Informationen des NDR schoss der Tatverdächtige bei seinem Fluchtversuch so lange auf Polizisten, bis die Munition alle war. Die Tatwaffe soll der 45-Jährige am Bahnhof Zoo in Berlin gekauft haben.Die Polizei sagte bisher nicht, um welche Art von Waffe es sich handelt. Auch der genaue Ablauf der Tat in der Wohngruppe ist bisher nicht öffentlich bekannt. Die Ermittler verwiesen auf die aufwendige Arbeit der Spurensicherung.Wann die Vorführung des Tatverdächtigen beim Haftrichter geplant ist, ist noch unklar. Aus rechtlichen Gründen muss sie aber am Dienstag erfolgen.Fünf der Opfer waren vor Ort ums Leben gekommen, eine sechste Person erlag später ihren Verletzungen. Zunächst war die Rede von weiteren Schwerverletzten. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach auf der Pressekonferenz von einer „kaltblütigen“ Tat. Der Polizeieinsatz Polizei und Rettungskräfte waren am Montagnachmittag mit einem Großaufgebot in dreistelliger Höhe vor Ort. Kriminaltechniker in weißen Overalls sicherten Spuren, Absperrbänder riegelten den Tatort ab, Einsatzfahrzeuge blockierten die Straßen. Die Behörden forderten die Anwohner auf, den Bereich weiträumig zu meiden.Die Polizei richtete derweil ein Hinweisportal ein. Über eine Website können Zeuginnen und Zeugen Hinweise sowie Fotos oder Videos direkt übermitteln. Ermittlungen gegen die Eltern Die 34-jährige Mutter lebte mit ihrem Kind in der Einrichtung und getrennt von dem Mann. Zum Tatzeitpunkt befanden sie sich in der Wohngruppe – und blieben unverletzt. Das Kind kam zunächst in die Obhut des Jugendamts, die Mutter zur Befragung in Gewahrsam.Informationen von NDR und WDR zufolge war die Tochter zuvor aus der Familie genommen worden. Das Kind habe schließlich unter Auflagen zurück zur Mutter gedurft, allerdings nur in der Jugendhilfeeinrichtung, und nicht an deren Wohnort in Hannover.Der „Spiegel“ berichtet unter Berufung auf nicht genannte Quellen, dass der Beschuldigte sein Kind geschüttelt haben soll. Demnach sei die Tochter von einem Arzt behandelt worden, der entsprechende Verletzungen festgestellt haben soll. Während das Kind wegen eines Schütteltraumas im Krankenhaus war, soll der Vater zudem das Klinikpersonal bedroht haben.Dies bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover der „Hamburger Morgenpost“. So soll er vor Ort verbale Drohungen ausgesprochen und später eine Droh-Mail hinterhergeschickt haben. Ein Verfahren wegen Bedrohung wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt, ein weiteres Verfahren wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener läuft noch. Die Staatsanwaltschaft sagte der Zeitung, die Ermittlungen richteten sich sowohl gegen den Vater als auch gegen die Mutter. Es ist unklar, wer das Schütteltrauma verursacht hat. Die Stadt Stade in Niedersachsen Stade liegt rund 40 Kilometer westlich von Hamburg und hat knapp 48.700 Einwohner. Die malerische Hansestadt ist auch als westliches Tor zum Alten Land bekannt, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands.Das Verbrechen ist für viele hier unfassbar. Die Schüsse fielen in einer ruhigen Wohngegend, zwischen Einfamilienhäusern aus Backstein und Spielstraßen. Nach und nach trafen dort am Montagnachmittag immer mehr aufgewühlte Angehörige ein, wie eine dpa-Reporterin berichtet. Ein Team der Krisenintervention versuchte, die Angehörigen, Zeugen und Einsatzkräfte zu begleiten.Berichte, nach denen der tatverdächtige Mann Mitglied eines Clans sein soll, bestätigten die Ermittler nicht. „Wir haben derzeit keine Hinweise dafür, dass eine Clanzugehörigkeit besteht“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Stade. (Tsp, dpa, AFP)